Immer wieder Sedan! Bereits 1870 entscheidet sich hier das Schicksal Frankreichs. Siebzig Jahre später wird die kleine Stadt erneut zum Wendepunkt der Geschichte: Feldwebel Walter Rubarth erzwingt mit zehn Soldaten im Schlauchboot als erster die Maas, schaltet sieben Bunker aus und schlägt damit die Bresche zum Westfeldzug. Unser Dreier-Paket „Weltkriege“! Was der Mainstream verschweigt. Hier mehr erfahren.

    Sedan, 13. Mai 1940, kurz nach 15 Uhr. Die Maas ist breit, das Westufer steil und bewaldet, die Hänge voller französischer Bunker. Auf der anderen Seite liegt offenes Gelände, unverteidigt bis zum Ärmelkanal. Seit dem Morgengrauen tauchen Stukas in Wellen auf die Stellungen am Westufer. Hinter der Maas staut sich durch die Ardennen bis weit nach Luxemburg eine Kolonne von 40.000 Militärfahrzeugen. Jede Stunde ohne Übergang macht den Konvoi zur Zielscheibe. Es ist bereits Nachmittag. Gelingt der Durchbruch heute nicht mehr, haben die Franzosen Zeit, ihre Reserven in Stellung zu bringen, und der Überraschungsmoment ist verloren.

    Drei Übergänge

    Der General des XIX. Armeekorps Heinz Guderian hat seine drei Panzerdivisionen für drei Übergangsstellen eingeteilt: Die 2. Panzerdivision soll fünf Kilometer nordwestlich von Sedan, beim Dorf Donchery, übersetzen. Die 1. Panzerdivision, verstärkt durch das Infanterieregiment Großdeutschland, soll im Zentrum bei Gaulier, unmittelbar am Stadtrand Sedans, den Hauptstoß führen. Die 10. Panzerdivision unter General Ferdinand Schaal soll zwei Kilometer südöstlich, bei Wadelincourt, anlanden und die Höhen des Marfée-Rückens sichern. Der Zusammenhang ist zwingend: Wer die Marfée-Höhen hält, kontrolliert mit Artillerie den gesamten Flussabschnitt. Gelingt der Übergang bei Gaulier ohne Wadelincourt, liegt der dortige Brückenkopf und die spätere Pontonbrücke (infanteristische Panzerbrücke) unter direktem Artilleriefeuer von Süden.

    Walter Rubarth wurde mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Foto: Bundesarchiv. Wikimedia Commons.

    Walter Rubarth, geboren am 7. Juni 1913 im lippischen Lage, ist 26 Jahre alt. Feldwebel in der 2. Kompanie des motorisierten Pionier-Bataillons 49 der 10. Panzerdivision. Wadelincourt ist sein Abschnitt. Die Lage dort ist verheerend. Ein französischer Artilleriesalvo hat kurz zuvor 81 von 96 bereitgestellten Schlauchbooten zerstört, noch bevor diese ins Wasser setzten. Von zwei Infanterieregimentern, die den Fluss überqueren sollten, ist nur noch eines einsatzfähig. Die Luftwaffe hat den südlichen Abschnitt kaum bombardiert, ihre Angriffe galten fast ausschließlich dem Zentrum bei Gaulier. Die französischen Maschinengewehr- und Artilleriestellungen bei Wadelincourt stehen unversehrt. Über sumpfiges, offenes Gelände müssen die Angreifer bis ans Ufer waten, unter vollem Beschuss.

    15 Uhr: Rubarth stößt ab

    Rubarth handelt auf eigene Initiative. Er greift eines der wenigen verbliebenen Schlauchboote, scharrt elf Mann um sich, fünf Pioniere, sechs Infanteristen, und wagt die Überfahrt. Rubarth selbst beschreibt den Moment später so:

    «Mit dem Fallen der letzten Bombe um 15 Uhr gehen wir vor und greifen mit der Infanterie an. Sofort empfangen wir heftiges Maschinengewehrfeuer. Es gibt Verluste. Mit meinem Trupp erreiche ich im Laufsturm durch ein Waldstück das Maasufer.»

    Und weiter: «Das Schlauchboot setzt über. Beim Übersetzen feuert unser MG ununterbrochen auf den Gegner und so hat die Überfahrt keinen Verlust.» Am Westufer landen die Männer direkt neben einem französischen Bunker. Gemeinsam mit Gefreitem Podszus schaltet er ihn aus. Den nächsten nimmt er von hinten:

    «Ich zünde eine Sprengladung. Im nächsten Moment reißt die Detonation den hinteren Teil des Bunkers weg.»

    Sieben Bunker schaltet Rubarths Trupp an diesem Nachmittag aus. Die französischen Zwischentrupps, die eigentlich die Flanken der Bunker sichern sollten, sind verschwunden, haben während des Stukabombardements Deckung gesucht und ihre Posten verlassen. Bis zum Abend hat Rubarth, von ursprünglich elf Mann sechs Verwundete zurücklassend, die Höhen oberhalb von Wadelincourt erreicht. Die südliche Flanke des Sedan-Korridors ist gesichert.

    Kanufahren verboten

    Während Rubarth bei Wadelincourt kämpft, läuft es nördlich verheerend. Die 2. Panzerdivision unter General Rudolf Veiel wird durch konzentriertes Artillerie- und Bunkerfeuer zurückgeschlagen. Von allen eingesetzten Schlauchbooten schaffen es nur zwei Männer ans andere Ufer: ein Offizier und ein Soldat. Beide schwimmen sofort zurück. Der Durchbruch bei Donchery ist vorerst gescheitert.

    Im Zentrum, bei Gaulier, hängt alles an der 1. Panzerdivision unter General Friedrich Kirchner, verstärkt durch das Infanterieregiment Großdeutschland. Die schwächste Stelle der französischen Linie liegt hier, eine Flussbiegung, verteidigt von etwa 300 Mann aus zwei Positionen. Auch hier läuft zunächst nichts nach Plan. Das Infanterieregiment Großdeutschland versucht den Übergang an der Pont-Neuf-Brücke und wird durch den aktiven Bunker Nr. 211 zurückgeschlagen. Infanteriegeschütze können ihn nicht ausschalten. Erst als eine 8,8-cm-Flak vorgerollt und der Bunker damit zerstört wird, öffnet sich der Weg, nur um sofort durch einen unentdeckten Maschinengewehrstand wieder gesperrt zu werden.

    «Führung von vorne»: Heinz Guderian. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-139-1112-17 / Knobloch, Ludwig / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de

    Es ist Oberstleutnant Hermann Balck, der die Lage rettet. Der Sohn eines Generals, fünfmal verwundet im Ersten Weltkrieg, ist kein Offizier, der von hinten befiehlt. Um 16 Uhr setzt er mit seinem Schützen-Regiment 1 ebenfalls im Schlauchboot über. Am anderen Ufer findet Balck vier Bunker in seinem Weg. Einen umgeht er, zwei schalten seine Männer aus, der vierte hält drei Stunden stand. Um 19 Uhr nimmt Balcks Regiment das Dorf Frenois und stellt Verbindung mit dem Infanterieregiment Großdeutschland her: eine drei Kilometer breite Lücke in der französischen Verteidigungslinie ist aufgerissen. Die Flanke wird von Wadelincourt gesichert.

    Bis 20:30 Uhr sind fünf Infanteriebataillone und ein Motorradbataillon der 1. Panzerdivision jenseits der Maas. Noch ist kein einziger Panzer dabei.

    Auch Guderian selbst überquert die Maas, in der zweiten Angriffswelle, in einem der führenden Sturmboote, mitten im Gefecht. Für einen Korpskommandeur ein ungeheuerliches Risiko: Sein Tod hätte den gesamten Angriff führungslos gemacht. Am anderen Ufer empfängt Balck seinen General mit trockenem Humor:

    «Freizeitfahrten im Kanu auf der Maas sind verboten.»

    Guderian lacht. Die Erfolge bei Wadelincourt und Gaulier lösen auch den Stillstand bei Donchery. Die französischen Einheiten dort werden in der Flanke bedroht und ziehen sich zurück, gegen 20 Uhr können Einheiten der 2. Panzerdivision endlich übersetzen. Die eigene Pontonbrücke bei Donchery wird erst am nächsten Morgen um 9 Uhr fertig. Bis dahin benutzt die 2. Panzerdivision die Brücke der 1. Panzerdivision bei Gaulier.

    Kurz nach Mitternacht ist die Pontonbrücke bei Gaulier fertig: eine 16-Tonnen-Konstruktion, provisorisch, unter offenem Himmel. Ohne Rubarths Erfolg auf den Marfée-Höhen hätten die französischen Artilleriestellungen diese Brücke unter direktes Feuer nehmen können. Kein einziger Panzer wäre am 14. Mai übergesetzt. Um 7:20 Uhr rollt der erste Panzerkampfwagen auf die andere Seite. Der Weg nach Westen liegt offen. Durch den Sedan-Korridor strömen in den folgenden Wochen 700.000 Soldaten und mehr als 2.000 Panzer der Heeresgruppe A nach Frankreich.

    Der Weg zum Kanal

    Guderian wartet nicht. Noch bevor das Oberkommando des Heeres (OKH) am 14. Mai befiehlt, den Brückenkopf zu sichern und auf Verstärkung zu warten, lässt er seine Panzer rollen. Guderian erklärt später in seinen Memoiren:

    «Ich würde und konnte diesen Befehl nicht hinnehmen, da er bedeutete, die Überraschung und alle unsere anfänglichen Erfolge preiszugeben.»

    Er setzt sich durch und bekommt 24 Stunden. Daraus werden Tage. Am 20. Mai erreicht Guderians Spitze den Ärmelkanal bei Abbeville. Die alliierten Armeen in Belgien und Nordfrankreich sind eingeschlossen. Über 1,9 Millionen alliierte Soldaten gehen in den folgenden Wochen in Kriegsgefangenschaft. Am 22. Juni 1940 unterzeichnet Frankreich den Waffenstillstand, im selben Eisenbahnwaggon, in dem Deutschland 1918 kapituliert hatte. Vierzig Tage nach Rubarths Überfahrt bei Wadelincourt ist der Krieg im Westen entschieden.

    Walter Rubarth erhält am 3. Juni 1940 das Ritterkreuz. Er fällt am 26. Oktober 1941 an der Ostfront bei Gshatsk, 28 Jahre alt.

    Das Frühstück

    Was an diesem Nachmittag bei Sedan gelingt, ist das Ergebnis eines Plans, dem anfänglich fast niemand im OKH zustimmt. Seit September 1939 herrscht an der Westfront der Sitzkrieg, acht Monate Stille, in denen sich Franzosen und Deutsche gegenüberstehen, ohne ernsthaft zu kämpfen. Die Alliierten warten hinter der Maginot-Linie und vermuten das, was sie für unvermeidlich halten: einen deutschen Angriff durch Belgien nach dem Muster des Schlieffen-Plans von 1914.

    Genau das plant das deutsche OKH zunächst auch. Es ist Generalleutnant Erich von Manstein, Stabschef der Heeresgruppe A, der im Herbst 1939 einen anderen Weg entwirft. Sein Plan sieht vor, den Angriffsschwerpunkt in die Ardennen zu verlegen, ein dicht bewaldetes Bergland, das der französische Generalstab für Panzer schlicht für unpassierbar hält. «Les Ardennes sont imperméables aux chars» , die Ardennen sind für Panzer undurchdringlich, lautet das Dogma, das Frankreichs Verteidigung zugrunde liegt. Auf der schwächsten Stelle der alliierten Linie stehen nur Reservedivisionen zweiter Klasse.

    Das OKH hält Mansteins Plan ebenfalls für undurchführbar. Generalstabschef Franz Halder lässt ihn Ende Januar 1940 sogar wegversetzen: zum General eines neu aufgestellten Korps in Stettin. Doch Mansteins Idee findet einen anderen Weg nach oben. Am 17. Februar 1940 frühstückt er mit Hitler in der Reichskanzlei. Der ist sofort überzeugt. Halder bekommt den Auftrag, Mansteins Plan auszuarbeiten. Am 24. Februar 1940 wird er offiziell angenommen.

    Was folgt, ist ein Täuschungsmanöver von historischem Ausmaß. Die Heeresgruppe B rückt offen in Belgien und Holland vor und zieht die alliierten Hauptkräfte auf sich. Die 44 Divisionen der Heeresgruppe A wälzen sich derweil weitgehend unbemerkt durch Luxemburg und die Ardennen, eine 150 Kilometer lange Kolonne auf engen Gebirgsstraßen, ein ungeschützter Riesenkonvoi, leicht angreifbar für feindliche Flieger. Der Plan geht auf.

    Das COMPACT-Dreier-Paket „Weltkriege“! Die Klassiker zum unschlagbaren Rabattpreis! Hier bestellen.

     

     

     

    Kommentare sind deaktiviert.