Teheran hat die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und der offenen See in eine Mautstation verwandelt. Ein Nadelöhr unter dem Gewehrlauf der Revolutionsgarde, gesäumt von Minen. Unsere April-Ausgabe mit dem Titelthema ,,Gefahr für Deutschland“ zeichnet nach, was Trump und Netanjahu antreibt. Hier mehr erfahren.
Die Waffenruhe war kaum ausgerufen, da stellte der iranische Staatssender IRIB klar, was unter einer Öffnung von Hormus zu verstehen ist: Der Schiffsverkehr unterliege weiterhin „technischen Beschränkungen und der Abstimmung mit den iranischen Streitkräften.“ Schiffe dürften erst nach Erhalt einer offiziellen Genehmigung passieren.
Die Grundlage der Feuerpause bildet ein iranischer Zehn-Punkte-Plan, der unter anderem einen koordinierten Schiffsverkehr durch die Meerenge in Abstimmung mit der iranischen Armee vorsieht, eine Formulierung, die Washington und Teheran seither gegensätzlich auslegen. Die Nachrichtenagentur Fars, die den Revolutionsgarden nahesteht, legte nach und berichtete, Iran erwäge wegen der israelischen Angriffe auf die Hisbollah bereits den Ausstieg aus der Feuerpause.
Parlamentspräsident Ghalibaf warf Washington vor, drei zentrale Punkte des Zehn-Punkte-Plans bereits gebrochen zu haben. Verhandlungen seien unter diesen Umständen „nicht sinnvoll“. Außenminister Araghtschi legte nach und stellte Washington vor eine klare Wahl:
„Die USA müssen sich entscheiden: entweder Waffenruhe oder Fortsetzung des Krieges.“
Während Diplomaten über Formulierungen streiten, hat die Revolutionsgarde an der Meerenge ein System errichtet, das weder Verhandlungen braucht noch auf sie wartet.
Maut, Minen, Milliarden
Ein Dollar pro Barrel. So lautet Teherans Tarif für die Durchfahrt, zahlbar in Bitcoin, chinesischem Yuan oder Stablecoins, koordiniert mit der Revolutionsgarde. Das Prozedere ist auf Sekunden getaktet: Jeder Tanker muss seine Ladung per E-Mail bei iranischen Behörden anmelden. Erst dann ergeht die Freigabe. Sobald sie eintrifft, bleiben dem Kapitän wenige Sekunden, um den Betrag auf eine iranisch kontrollierte Wallet (digitales Konto) zu überweisen. Wer die Frist verpasst, verliert die Genehmigung. Leere Schiffe passieren. Beladene zahlen.
Ein vollbeladener Supertanker trägt bis zu zwei Millionen Barrel Rohöl. Bei einem Dollar pro Barrel kommt pro Schiff eine Rechnung von bis zu zwei Millionen Dollar zusammen. Analysten schätzen, dass das System bei normalem Tankerverkehr bis zu 20 Millionen Dollar täglich einbringen könnte, rund 600 Millionen Dollar pro Monat, über 7 Milliarden Dollar pro Jahr. Allein aus Öltankern. LNG-Schiffe noch nicht eingerechnet.

Der Grund für Bitcoin liegt auf der Hand. Stablecoins, also an den Dollar gekoppelte Digitalwährungen, lassen sich einfrieren und unter Sanktionsdruck beschlagnahmen. Bitcoin dagegen ist dezentral, keiner Regierung unterstellt und lässt sich nicht sperren.
Hamid Hosseini, Sprecher des iranischen Verbandes der Öl- und Gasexporteure, formulierte es offen gegenüber der Financial Times: „Die Zahlungen in Bitcoin stellten sicher, dass sie aufgrund von Sanktionen weder zurückverfolgt noch konfisziert werden könnten.“ Ein Schritt, der Jahrzehnte westlicher Sanktionspolitik mit einem Klick aushebelt.
Der Verband gilt als verlängerter Arm der Wirtschaftsinteressen der Revolutionsgarde. Die Garde kontrolliert weite Teile der iranischen Öl- und Gaswirtschaft, betreibt eigene Unternehmen und sitzt an den entscheidenden Schaltstellen des Energiesektors.
Die Kryptomärkte reagieren auf jede Erschütterung dieser Waffenruhe wie ein Seismograph. Als Trump gestern den Frieden ausrief, schoss Bitcoin von 67.000 auf 72.700 Dollar. Heute, da das Nadelöhr weiter verriegelt bleibt, fällt er wieder auf rund 71.000 Dollar.

Zwischen 100 und 120 Handelsschiffe passierten die Meerenge täglich, bevor der Krieg begann. Seit der Waffenruhe waren es erst zwei. Beides Bulkcarrier (Frachtschiff für Schüttgut wie Getreide, Kohle, Erz oder Dünger) mit Trockengütern, kein Öltanker darunter. Maersk, die dänische Reederei und zweitgrößte Containerrederei der Welt, erklärte nüchtern:
„Die Waffenruhe schafft möglicherweise Durchfahrtsmöglichkeiten, bietet aber noch keine vollständige maritime Sicherheit.“
Vorerst ändere man nichts. Der Ölpreis kletterte daraufhin wieder auf knapp 97 Dollar pro Barrel.Der Iran warnt zugleich davor, dass sich weiterhin Minen in der Wasserstraße befinden. Eine koordinierte Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs würde also nur über Teheran gehen.
Der Golf brennt weiter
Die Meerenge ist nicht der einzige Schauplatz. Die iranische Armee und Streitkräfte der Golfstaaten beschießen sich weiterhin gegenseitig. Saudi-Arabien meldete in den Stunden nach der Waffenruhe den Abschuss von neun Drohnen, die Vereinigten Arabischen Emirate den Abfang von 17 Raketen und 35 Drohnen.
Saudi-Arabiens lebenswichtige Ost-West-Pipeline wurde trotz Feuerpause von einer Drohne getroffen. Eine Gasaufbereitungsanlage in Abu Dhabi stand nach iranischem Beschuss in Flammen. Eine Region, die auf iranisches Öl und amerikanischen Schutz gleichermaßen angewiesen ist, erlebt, wie beides gleichzeitig in Rauch aufgeht.
Teherans Begründung für die anhaltende Sperrung lautet: Libanon. Israel bombardiert dort weiter, Hisbollah-Stellungen und zivile Infrastruktur gleichermaßen. US-Vizepräsident Vance nannte Irans Annahme, der Libanon sei Teil der Vereinbarung, ein „Missverständnis“. Pakistan, das die Feuerpause vermittelt hatte, widerspricht und besteht darauf, sie gelte ausdrücklich auch dort. Drei Parteien, drei Lesarten desselben Abkommens.
Washington an der Kasse?
Trump hatte Irans Mautpläne bislang nicht etwa verurteilt. Er fand sie reizvoll. Gegenüber ABC News schlug er ein gemeinsames amerikanisch-iranisches Unternehmen vor, das Schiffe durch die Meerenge schleusen und daran verdienen solle:
„Wir denken daran, es als Joint Venture [Geschäftspartnerschaft] zu machen. Es ist eine Möglichkeit, die Straße zu sichern. Es ist eine wunderschöne Sache.“
Ein Satz, der Washingtons Verbündete am Golf fassungslos zurückließ. Länder, die jahrzehntelang unter amerikanischem Schutz standen, sahen sich plötzlich mit der Aussicht konfrontiert, dass ihr wichtigster Handelsweg gemeinsam von Washington und Teheran bewirtschaftet werden könnte. Der Iran dagegen könnte eine Aufteilung der Mauteinnahmen mit dem Oman planen.
Das Weiße Haus ruderte zurück. Es sei nur „eine Idee gewesen“ ließ man auf Anfrage mitteilen. Unterdessen soll Vizepräsident Vance die ersten Verhandlungen in Islamabad leiten. Ob sie je beginnen, steht in den Sternen. Trump schrieb auf Truth Social, alles stehe bereit für die „Vernichtung“ eines geschwächten Gegners. Frieden klingt anders.
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