Eindrücke aus meiner Reise in den Iran und dem Besuch beim damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Alles zum aktuellen Krieg gegen Iran in unserer brandaktuellen Spezialausgabe „Kriegsverbrechen“.
Er lebt! Ahmadinedschad sollte durch einen gezielten Terrorangriff der israelisch-amerikanischen Luftflotte ausgeschaltet werden, aber hat wie durch ein Wunder überlebt und hält sich jetzt an sicherem Ort auf. Als ich die Nachricht las, gingen meine Gedanken zurück zu meiner Begegnung mit ihm im Rahmen einer Journalistendelegation im April 2012. Sie hilft mir verstehen, warum das iranische Volk trotz aller furchtbaren Verluste standhält und es den Aggressoren nicht gelingt, seinen Widerstand zu brechen. Hier also ein Auszug aus meiner damaligen Reportage.

Kleine Geschichte des islamischen Revolution
Viele denken, die Perser seien von „den Mullahs“ mit brutaler Gewalt zur Unterwerfung unter die Scharia getrieben worden. Dabei wird die Geschichte nach dem Sturz des Schahs 1979 ignoriert. Vergleichen wir: Die Oktoberrevolution war der Putsch einer relativ kleinen Avantgarde und die daraus entstandene „Diktatur des Proletariats“ notwendiger Weise die Herrschaftsform einer Minderheit. Im Unterschied dazu war die Islamische Revolution gegen den Schah im Jahre 1978/79 ein Aufstand fast des ganzen Volkes. Die Mehrheitsverhältnisse waren so eindeutig, dass die Soldaten des alten Regimes angesichts der demonstrierenden Millionen ihre Gewehre wegwarfen – der Machtwechsel war weitgehend unblutig.
Dass sich das in der Folge änderte, hängt auch mit dem Überfall des Irak 1980 zusammen. Während der – vom Westen finanzierten und munitionierten – achtjährigen Aggression Saddam Husseins starben 300.000 Iraner. Trotz der Repressalien gegen – vermeintliche und echte – 5. Kolonnen des Feindes büßte die religiöse Führung des Landes in diesem Abwehrkampf nichts an ihrer Popularität ein. Das ist auch der Grund, warum die Islamische Republik bis heute als Demokratie funktionieren kann. Es wird auf allen Ebenen gewählt, ganz anders als in den Golfstaaten und Saudi-Arabien. Und es gibt eine Gewaltenteilung: Der Präsident bestimmt die aktuelle Politik, aber im Parlament – auch das haben wir live erlebt – wird scharf gegen ihn geschossen, und der mächtige Wächterrat verhindert, ganz wie unser Bundesverfassungsgericht, Verstöße von Legislative und Exekutive gegen die Grundlagen des Staates. Dass dieser Wächterrat bestimmte Kandidaten bei Präsidentschaftswahlen nicht zulässt, sollten die USA übrigens besser nicht kritisieren: Auch dort gibt es eine solche Vorauswahl, nur nimmt sie nicht die Hohe Geistlichkeit vor, sondern das Große Geld. Wer nicht die Unterstützung des Finanzkapitals hat, wird in God‘s Own Country nie zu den Präsidentschaftswahlen antreten können.
Zum Tee beim Präsidenten
Was die Islamische Republik so stabil macht, konnten wir beim zentralen Freitagsgebet in Teheran erleben: Der Prediger, Ajatollah Dschanatti, brach in Tränen aus, als er über das Schicksal der Prophetentochter Fatima sprach – und viele der 100.000 Gläubigen auf dem Riesenareal weinten mit ihm. Das für uns Westler schwer verständliche ist, dass diese Erinnerung an Ereignisse vor fast 1.500 Jahren für die Schiiten keine religiöse Folklore ist, sondern aktuelle politische Handlungsanleitung: Sie assoziieren die Kalifen, die sich (unter anderem) durch die Tötung der Prophetentochter Fatima den Weg zur Nachfolge Mohammeds freikämpften, mit dem Macht- und Geldprinzip, das heute in den westlichen Staaten ebenso dominiert wie etwa in Saudi-Arabien. Demgegenüber verträten nur sie, die Partei (Schia) des von Mohammed designierten Nachfolgers Ali, die Reinheit des Glaubens ohne persönliche Bereicherung. Aus dieser Lesart der islamischen Geschichte ergibt sich ein starker sozialrevolutionärer Impuls, der den Iran auf den ersten Blick aussehen lässt wie früher die sozialistischen Staaten: Überall hängen in Teheran die riesigen Porträts der Revolutionsführer Chomeini und Chamenei, so wie früher in Moskau die Konterfeis von Marx und Lenin. Auch die Slogans auf den Spruchbändern („Für die Unterdrückten auf der Welt!“) sind ähnlich.

Dies zeigte sich auch bei unserem Empfang bei Ahmadinedschad. Er sprach mit uns weniger über aktuelle Politik, als über Philosophie und Religion, etwa dass alle Menschen unabhängig von Hautfarbe und Religion Brüder seien und denselben Gott hätten. Ganz besonders appellierte er an uns als Christen: Der jüngste Tag, der Gerechtigkeit auf Erden bringen soll, werde angekündigt durch die gemeinsame Wiederkehr des „verborgenen Imam“ in Begleitung von Jesus Christus. So eine Rede hätte ich vom Dalai Lama erwartet, aber nicht von einem Politiker.
Aber genau in dem, was wir beim Freitagsgebet und bei Ahmadinedschad erlebt haben, liegt die Stärke des Iran: Dass der Staat die spirituellen Kraftquellen des Volkes, vor allem die religiösen Werte und Traditionen, als Leitlinie für die Politik (und für das Alltagsleben) erschlossen hat und ständig weiter erschließt. Dabei ist mir klar geworden, dass die Islamische Republik als Vorbild für unsere europäischen Völker nicht geeignet ist, weil deren Religion und Tradition einfach nicht die unseren sind, und jeder Versuch, diese uns überzustülpen, nur mit Mord und Totschlag enden könnte. Die Schiiten, übrigens im Unterschied zu Salafisten und Wahabiten saudischer Provenienz, scheinen das auch verstanden zu haben.
Modell kann der Iran aber insofern sein, als dass ein Volk nur dann zu sich selbst finden und einen stabilen Staat aufbauen kann, wenn es die Wurzeln der je eigenen Kultur und des je eigenen Glaubens wiederfindet und pflegt.
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