Heute vor 58 Jahren: Am vietnamesischen Neujahrsfest beginnen nordvietnamesische und Vietcong-Einheiten ihre Tet-Offensive, die den Zusammenbruch der US-Truppen in Vietnam einleitet. Doch noch bis 1975 soll sich die Blutspur der US Army durch den Dschungel ziehen. In seinem Buch „Imperium USA“ deckt Daniele Ganser diese und andere Kriegsverbrechen auf. Hier mehr erfahren.

    Das Unheil brach in den frühen Morgenstunden des 30. Januar 1968 über die US-Armee herein. Während in Südvietnam die ersten Familien Opfergaben zum Tet-Fest, dem buddhistischen Neujahrsfest, darbrachten und der verheerende Krieg für einen Augenblick stillzustehen schien, griffen Truppen der nordvietnamesischen Armee und Vietcong-Einheiten nahezu zeitgleich hunderte Orte im gesamten Land an: Provinzhauptstädte, Militärbasen, Flughäfen – und das politische Herz Saigon selbst.

    Die Soldaten und kommunistischen Milizen kämpften in den Straßen von Hue, Da Nang und anderen Orten, lieferten sich Feuergefechte mitten in jenen Städten, die bis dahin als sicher galten. Die Angriffe trafen Südvietnam nicht an der Front, sondern im Innersten. Und sie trafen die US Army, die unisono mit der südvietnamesischen Führung seit Monaten versichert hatte, der Feind sei geschwächt, der Krieg unter Kontrolle.

    Die Tet-Offensive

    Der Zeitpunkt für diese sogenannte Tet-Offensive war bewusst gewählt. Das Neujahrsfest galt traditionell als Phase relativer Waffenruhe; viele südvietnamesische Soldaten hatten Heimaturlaub, amerikanische Kommandostellen rechneten allenfalls mit vereinzelten Angriffen in Grenzregionen.

    Doch nun wendete sich das Blatt: Die Kämpfe fanden nicht mehr im Dschungel oder in abgelegenen Provinzen statt, sondern auf Marktplätzen, in Wohnvierteln, vor Regierungsgebäuden – sichtbar für die Bevölkerung und, durch Fernsehbilder, für ein weltweites Publikum.

    Saigon, 30. Januar 1968: Ein verwundeter amerikanischer Soldat wird nach dem Angriff der Vietcong auf die US-Botschaft abtransportiert. Foto: Samuel L. Swain, CC0, Wikimedia Commons

    Besonders die Gefechte um Hue entwickelten sich zu einer der blutigsten Schlachten des gesamten Krieges. Wochenlang wurde um jede Straße gerungen, die Stadt schwer zerstört. In Saigon drangen Angreifer bis in das Gelände der US-Botschaft vor – ein symbolischer Schlag von enormer Wirkung, auch wenn das Gebäude rasch zurückerobert wurde. Militärisch gesehen erlitt der Vietcong enorme Verluste; viele seiner regionalen Strukturen wurden dauerhaft geschwächt oder zerschlagen.

    Doch gerade darin liegt das Paradoxon der Tet-Offensive: Auf dem Schlachtfeld verloren die Angreifer – strategisch gewannen sie. Denn die Offensive widerlegte auf dramatische Weise die zentrale Behauptung der amerikanischen Militärführung und der Regierung in Washington: dass der Feind kurz vor dem Zusammenbruch stehe und der Krieg sich seinem erfolgreichen Ende nähere. Stattdessen zeigte sich, dass der Gegner trotz jahrelanger Bombardements, trotz mehr als 500.000 amerikanischer Soldaten im Land, fähig war, eine landesweite, koordinierte Großoffensive durchzuführen.

    Der Zerstörer USS Maddox gehörte zu jenen Schiffen, die am 2. August 1964 im Golf von Tonkin während der Operation Desoto von nordvietnamesischen Torpedobooten angegriffen worden sein soll. Tatsächlich hatte die Attacke niemals stattgefunden. Die Lüge diente den USA jedoch als Begründung für ihren offenen Eintritt in den Vietnamkrieg. Foto: Bild

    Napalm und Agent Orange

    Die USA waren 1964 nach dem sogenannten Tonkin-Zwischenfall – der, wie man inzwischen weiß, fingiert war – in den Vietnamkrieg ein, doch schon vorher hatte man die Präsenz deutlich verstärkt: mit Militärberatern, Geheimdienstleuten und Luftunterstützung. Faktisch begann Washington schon seit den frühen 1960er Jahren, den Krieg zu organisieren. Und man kann es nicht anders sagen: Die USA bombardierten Nordvietnam in Grund und Boden. Einmal mehr setzte man sich dabei über Völkerrecht und Genfer Konvention hinweg.

    Die US-Bomben fielen ohne jede vorherige Kriegserklärung und in völliger Missachtung internationaler Gesetze. Es wurde nämlich auch auf chemische Kriegführung gesetzt, darunter Napalm-Brandbomben, die die Opfer qualvoll verbrennen ließen, und auf Streubomben wie die sogenannte Ananas-Bombe, die aus 250 kleinen Sprengsätzen bestand.

    Das Giftgas Agent Orange kam zum Einsatz, Anti-Personen-Bomben verstümmelten die Opfer, töteten sie aber nicht. Dies sei für eine arme Volkswirtschaft viel schlimmer, so die Überlegungen des Pentagons, weil die Familien lange mit der Versorgung der Verletzten beschäftigt wären. Ferner erteilte man den US-Soldaten den Befehl, keine Gefangenen zu machen. Insbesondere verwundete Soldaten der gegnerischen Vietcong waren sofort zu erschießen.

    Hunderttausende Opfer durch Bombenterror

    Die US-Luftwaffe versprühte schon ab 1962 und bis 1971 über 72 Millionen Liter dioxinhaltige Herbizide im Rahmen der Operation Ranch Hand über Südvietnam. Rund 170 Kilogramm Dioxin gingen auf Vietnam nieder. Millionen Menschen waren somit diesem Supergift ausgesetzt – mehr als eine Million erkrankte, wohl 100.000 Kleinstkinder trugen schwere Geburtsschäden davon.

    Die Spätfolgen sollten noch Jahrzehnte anhalten. Bis zu fünf Millionen Menschen verloren im Vietnamkrieg ihr Leben, drei Millionen in Vietnam, Laos und Kambodscha wurden zu Flüchtlingen. Bis 1968 waren mehr als eine halbe Million US-Soldaten in Vietnam stationiert – ihr Durchschnittsalter betrug gerade einmal 19 Jahre.

    Operation Ranch Hand: Die größte Operation des US-Militärs während des Vietnamkriegs zur Ausbringung von Herbiziden. In den Jahren 1962 bis 1971 wurden Entlaubungsmittel wie Agent Orange mit Flugzeugen ausgebracht, um freie Sicht im Dschungel zu erreichen. Das Gift forderte zahlreiche zivile Opfer. Foto: USAF, CC0, Wikimedia Commons

    Die Aggression gegen das benachbarte Kambodscha, die zur Empörung der amerikanischen Öffentlichkeit quasi nebenbei geführt wurde, hatte die CIA schon 1958 begonnen. Präsident Nixon entschloss sich dann im Jahr 1969, das Land intensiv zu bombardieren. Am 30. April wurde die erste Invasion eingeleitet. Mehr als zwei Millionen Kambodschaner wurden infolge der US-Bombenangriffe heimatlos.

    Die Luftangriffe wurden auch noch fortgesetzt, als der Vietnamkrieg im Mai 1975 offiziell beendet war. Als der Kongressabgeordnete Pete McCloskey nach den militärischen Auseinandersetzungen Kambodscha besuchte, erklärte er: Was die USA «der Nation angetan hatten, ist von größerer Bosheit, als was wir jemals einem anderen Land der Welt angetan haben, und völlig grundlos, außer dass wir daraus unsere eigenen Vorteile im Krieg gegen Vietnam gezogen haben».

    Dem Luftterror in Vietnam fielen Hunderttausende zum Opfer, die überwiegende Mehrheit davon waren Zivilisten. Drei der sechs Großstädte wurden völlig zerstört. Weite Teile Hanois und Haiphongs wurden in Schutt und Asche gelegt – auch 2.923 Schulen, 1.850 Krankenhäuser und Ambulanzen, 949 kirchliche Stätten sowie 808 Kulturdenkmäler.

    Das Massaker von My Lai

    US-Soldaten verübten mehr als 200 Kriegsverbrechen: Doch nur das Massaker von My Lai ist in die Geschichtsbücher eingegangen: Am 16. März 1968 hatte eine Gruppe von amerikanischen Soldaten unter der Führung von Leutnant William Calley Jr. den Auftrag, das kleine südvietnamesische Dorf My Lai einzunehmen.

    Das Spezialkommando stieß auf keinerlei Widerstand, die GIs erschossen jedoch fast alle Bewohner des Ortes und vergewaltigten viele Frauen. Am Ende gab es 503 zivile Opfer, davon 182 Frauen, 172 Kinder, 89 Männer unter 60 Jahren und 60 Greise. Anschließend setzten die Soldaten das Dorf in Brand, um die Verbrechen zu vertuschen.

    Frauen und Kinder: Opfer der US-Mordorgie in My Lai. Führende Offiziere versuchten, das Massaker zu vertuschen, doch US-Starjournalist Seymour Hersh deckte das Verbrechen auf. Foto: CC0, Wikimedia Commons

    Erst am 5. Dezember 1969 erschien im amerikanischen Life-Magazin ein ausführlicher Artikel über das Massaker. Die Bevölkerung in den USA reagierte geschockt. Doch nur vier der beteiligten Soldaten wurden vor ein Militärgericht gestellt. Der befehlshabende Offizier Calley wurde zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt, aber durch Nixon zu drei Jahren Hausarrest begnadigt. Die weiteren Veröffentlichungen zu My Lai markierten dann eine deutliche Wende in der weltweiten öffentlichen Meinung zum Vietnamkrieg, vor allem in den USA.

    Von Sieg zu Rückzug

    Die Tet-Offensive, die am 30. Januar begann und bis zum 25. Februar 1968 andauerte, bedeutete keinen sofortigen militärischen Zusammenbruch im Sinne einer Niederlage oder Kapitulation für die US Army. Doch sie markierte den Beginn eines schleichenden Zerfalls ihrer Einsatzfähigkeit und ihres inneren Zusammenhalts: Erstens schwand das Vertrauen der politischen Führung und der amerikanischen Öffentlichkeit in die militärischen Erfolgsmeldungen. Die Glaubwürdigkeit der Kriegsführung erlitt irreparablen Schaden.

    Zweitens sank die Moral der Truppen. Viele Soldaten erlebten Tet als Beweis, dass der Krieg weder kontrollierbar noch gewinnbar war. Disziplinprobleme, Desertionen, Drogenkonsum und sogenannte Fragging-Vorfälle – gezielte Angriff von Soldaten auf ihre eigenen Vorgesetzten, meist durch den Einsatz von Fragmentationshandgranaten („frag grenades“); daher der Name – nahmen in den folgenden Jahren deutlich zu.

    Und drittens zwang Tet zu einer strategischen Neuorientierung: US-Präsident Lyndon B. Johnson verzichtete auf eine erneute Kandidatur, leitete Friedensgespräche ein und stoppte große Teile der Bombardierung Nordvietnams. Der Fokus verlagerte sich schrittweise von Sieg zu Rückzug.

    Millionen von Toten

    Der Krieg sollte noch bis 1975 andauern, doch nach der Tet-Offensive ging es nicht mehr um den Gewinn Vietnams, sondern um einen möglichst gesichtswahrenden Ausstieg. Die US-Armee blieb zwar militärisch präsent, aber ihr ursprüngliches Ziel – den kommunistischen Vormarsch entscheidend zu stoppen – war politisch nicht mehr durchsetzbar.

    Offiziell fielen im Vietnamkrieg 57.000 US-Soldaten, 300.000 wurden verwundet. Nordvietnam und die Vietcong dürften mehr als eine Million Menschen verloren haben. Ausgehend von Krankenhausstatistiken in Südvietnam schätzt Guenter Lewy in seinem Buch „America in Vietnam“ (1992), dass 1,2 Millionen vietnamesische Zivilisten von 1965 bis 1974 durch Kriegshandlungen getötet wurden.

    Ein Komitee des US-Senats schätzte die Zahl der Opfer damals auf 1,4 Millionen. Andere Schätzungen gehen sogar von zwei bis vier Millionen Toten aus, was einem Achtel der damaligen Gesamtbevölkerung Vietnams entsprochen hätte. Die nach Amerika heimgekehrten Soldaten waren oftmals schwer traumatisiert, litten zeitlebens unter ihren Erlebnissen, mussten in psychiatrische Behandlung oder scheiterten im zivilen Leben. Zehntausende Veteranen begingen Selbstmord.

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