Heute vor 571 Jahren: Aus Rache wurden die Kinder des sächsischen Kurfürsten entführt. Doch ein Mann aus dem Volk griff beherzt ein. Dieser Beitrag erschien zuerst in COMPACT-Geschichte «Verschwörung und Skandale» von Historiker Jan von Flocken. Hier mehr erfahren.
Es war ein furchtbarer Anblick, der sich Margarethe von Sachsen in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 bot. Drei schwarz vermummte Gestalten waren über mehrere Leitern ins Schloss zu Altenburg (heute Thüringen) eingedrungen und hatten sich ihrer Söhne Ernst und Albrecht bemächtigt. Hilfe schreiend beugte sich die Mutter über die Burgmauern, doch vergeblich. Ihr Gemahl, Kurfürst Friedrich II. von Sachsen, weilte mit seinem Gefolge im 50 Kilometer entfernten Leipzig. Die Entführer verschwanden mit den jammernden Knaben ungehindert im nächtlichen Dunkel Richtung Süden.
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COMPACT unterstützenUrheber dieser Untat war der Ritter Kunz von Kaufungen. Im sogenannten Sächsischen Bruderkrieg (1446–1451) hatte dieser adelige Haudegen auf der Seite des Kurfürsten gegen dessen rebellischen Bruder Wilhelm gekämpft. Dabei zeichnete sich Kaufungen mehrfach aus. Der zeitgenössische Chronist Enea Silvio de Piccolomini, seit 1458 Papst Pius II., bezeichnete ihn als «bellicae rei peritus, manu promptus et animo imperterritus» (erfahren in Kriegsdingen, persönlich tapfer und von völlig unerschrockenem Geist). Gleichwohl wurde der Kaufunger schließlich vom Feind gefangen genommen und musste sich, wie damals üblich, durch ein hohes Lösegeld freikaufen. Es ging dabei um eine Summe von 4.000 Gulden, was bei aller gebotenen Vorsicht einer heutigen Summe von etwa 2,3 Millionen Euro entspricht.

Nach Beendigung des Krieges forderte Kunz eine Entschädigung vom Kurfürsten. Diese beinhaltete eine Wiedergutmachung für das gezahlte Lösegeld sowie für die Zerstörung seiner Liegenschaften in Thüringen und die Enteignung seines Rittergutes in Schweikershain (Mittelsachsen). Doch Friedrich verweigerte jede Kompensation. Auf gerichtlichem Weg war keine Entscheidung im Sinne Kunz’ zu erreichen, daher reifte in ihm der Plan, sein tatsächliches oder vermeintliches Recht auf eigene Faust durchzusetzen: Im kleinen Kreis kündigte er an, er wolle «sich für seinen Schaden nicht an Land und Leuten, sondern an des Kurfürsten eigenem Fleisch und Blut rächen».
Die Verschwörer schlagen zu
Zu diesem Zweck verbündete er sich nach einer persönlichen Fehdeansage mit zwei anderen unzufriedenen Adligen, den Herren Wilhelm von Mosen und Wilhelm von Schönburg. Die drei beobachteten tagelang das Hoflager in Burg und Schloss Altenburg. Der Ort galt als äußerst sicher. Kaiser Friedrich I. «Barbarossa» hatte im 12. Jahrhundert die Festung auf einem Felsen außerhalb des gleichnamigen Städtchens zu einer repräsentativen Pfalz ausgebaut. Eine ständige Wachmannschaft sorgte für den Schutz der Entourage des Herzogs und Kurfürsten von Sachsen. Doch diese Wächter waren nun mit Friedrich, den man auch den «Sanftmütigen» nannte, nach Leipzig abgezogen.
Als ehemaliger Schlosshauptmann von Altenburg kannte Kunz sämtliche Schlupfwinkel in dem Bau. Später hieß es in einem Manifest des Kurfürsten, «dass er alle Gänge des Schlosses nebst der Höhe der Fenster boshaftig ausgekundschaftet» habe. Außerdem besaß er dort einen Spion, den Küchenjungen Hans Schwalbe. Der berichtete im Juli 1455, dass nur noch ein alter Kastellan die Wache hielt, fast alle Diener betrunken seien und «auch der Pförtner bettlägerig ist und also sich alles sehr wohl schickt». Zudem hatte Kunz seinen Diener Johann Schweinitz unter einem Vorwand in die Burg geschickt.
Begleitet von 30 Reitern und zehn Fußknechten erschienen Kaufungen, Mosen und Schönburg in der Nacht zum 8. Juli mit mehreren Steigleitern auf einem Wagen vor den Mauern. Schwalbe und Schweinitz befestigen diese Leitern an zwei hohen Fenstern neben der Küche. Dann brachen die drei Ritter die verschlossene Tür zum Kinderzimmer auf, einer bedrohte die alte Wärterin, die beiden anderen packten die Sachsenprinzen. Das Schlafgemach der durch das Geschrei ihrer Kinder alarmierten Kurfürstin Margarethe wurde blockiert und binnen weniger Minuten war der dreiste Raub geschehen.
Ohne Umstände gelangten alle Entführer durch das von innen geöffnete Schlosstor. Die mit ihrer menschlichen Beute fliehenden Ritter planten, die Prinzen auf unterschiedlichen Wegen nach Böhmen zu bringen, wo Kaufungen an der Grenze eine kleine Burg erworben hatte. Dort, etwa 70 Kilometer entfernt, würde ihr Vater Friedrich sie so leicht nicht erreichen und man hätte ein beträchtliches Lösegeld aushandeln können. Was die Entführer nicht einkalkulierten, war die Tatsache, dass der Prinzenraub nicht nur die kleine Altenburger Burgbesatzung, sondern ganz Sachsen aufschreckte. Mit Kirchenglocken wurde Alarm geschlagen, der sich von Stadt zu Stadt fortsetzte. Bald läuteten fast im gesamten Wettiner-Territorium die Glocken und kündeten davon, dass irgendein Unheil geschehen war.
Die Befreiung der Prinzen
Ausgerechnet Kaufungen verpatzte seinen Fluchtplan. Während einer Rast im Wald bei Elterlein, 60 Kilometer südöstlich von Altenburg, überredete ihn der erst elf Jahre alte Prinz Albrecht, er möge ihm erlauben, einige Erdbeeren zu suchen, um seinen Hunger zu stillen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Köhler Georg Schmidt, ein Angestellter des nahegelegenen Klosters Grünhain, mit seinem «Bullenbeißer», einer riesigen Dogge, auf der Mittagsrast. Schmidt war bekannt für seine Redlichkeit. Eine zeitgenössische Chronik berichtet über seinen Umgang mit den rauhen Köhlergesellen, er sei «ein Ermahner der unvorsichtigen Burschen gewesen, der die liederlichen Kerls oft mit ernsten Worten gestraft und zur Besserung angehalten» habe.

Durch das andauernde Geläute misstrauisch geworden, stand der Köhler auf und wie es der Zufall wollte, stieß er am Waldrand auf den jungen Albrecht, der ihm seine Identität enthüllte: «Ich bin Herzog Friedrichs Sohn und bin gefangen.» Schmidt machte sich sogleich auf den Weg, ausgerüstet mit einem handfesten Schürbaum und begleitet von seinem scharfen Hund. Der vom Ross gestiegene Kunz sah sich plötzlich dem schwarzen Mann gegenüber, verfing sich mit einem Sporn in den Baumwurzeln, und Schmidt schlug ihn mit seinem Schürbaum zu Boden. Kunz’ Diener Schweinitz und zwei weitere Männer sahen sich von der scharfen Dogge in Schach gehalten. Mit Hilfe von herbeigeeilten Dorfbewohnern und Mönchen wurde Kaufungen samt seinen Spießgesellen gefesselt und dem Abt des Klosters Grünhain übergeben. Albrecht – ein Kind, jäh aus dem Schlaf gerissen, geplagt von Schrecken, Julihitze, Durst und Hunger – erhielt später für sein couragiertes Vorgehen den Beinamen «der Beherzte».
Die Flucht mit Prinz Ernst war wesentlich besser vorbereitet. Der 14-jährige Wettiner wurde zunächst in der später so genannten Prinzenhöhle versteckt, einem mittelalterlichen Bergwerksstollen bei Hartenstein im Erzgebirge. Dort musste er drei Tage ausharren. Als die Entführer Mosen und Schönfeld von den Geschehnissen im Wald zu Elterlein erfuhren, beschlossen sie, ihren Gefangenen freizulassen. Allerdings verlangten sie zuvor, man solle ihnen Straffreiheit gewähren, falls nicht, «so wollen wir den Kurfürstlichen Sohn erstechen».
Open-Air-Spektakel
Jeden Sommer finden auf dem Residenzschloss Altenburg Theateraufführungen über die Entführung der Wettiner-Prinzen Ernst und Albrecht unter freiem Himmel statt. Im Jahr 2026 werden Vorstellungen vom 7. bis 11. Juli gegeben. Organisiert wird das Open-Air-Spektakel von dem 2003 gegründeten Traditionsverein Altenburger Prinzenraub e. V. Die Darsteller sind Laien, die allerdings unter professioneller Regie arbeiten. Weitere Informationen unter prinzenraub-spektakel.de.
Tatsächlich blieben die beiden adeligen Ganoven ungeschoren, sie durften nur nie wieder sächsisches Gebiet betreten. Prinz Ernst wurde auf ein Pferd gesetzt und ritt nach Chemnitz, wo sich seine Eltern derzeit aufhielten. Die wiedervereinte Familie reiste dann über Ebersdorf und Rochlitz nach Altenburg, wo man am 16. Juli eintraf.
Mit Kunz von Kaufungen aber machte der Kurfürst kurzen Prozess. Er wurde schon am 14. Juli 1455 auf dem Marktplatz in Freiberg enthauptet. Der Hilfskoch Hans Schwalbe, Kunzens Spion im Altenburger Schloss, wurde als Mithelfer am 28. Juli 1455 in Zwickau mit glühenden Zangen gefoltert und danach gevierteilt. Diener Johann Schweinitz endete wenig später am Galgen.
Der Lohn des Köhlers
Die Befreiungsaktion hatte noch ein anekdotisches Nachspiel. Der Köhler Georg Schmidt, so wird berichtet, «habe dem Kurfürsten und dem ganzen Hofgesinde immer und immer wieder erzählen müssen, wie bei der Befreiung des Prinzen sich alles zugetragen.» Dabei äußerte Schmidt stets, dass er Kunz von Kaufungen mit seinem Schürbaum «weidlich getrillet» habe. Das Wort «trillen» besaß damals die Bedeutung plagen, zerschlagen, prügeln. «Und so wäre ihm vom Kurfürsten der Name Triller beigelegt worden, und dieser hätte mit der Zeit den eigentlichen Familiennamen Schmidt ganz verdrängt».

Nur eine hübsche Legende? Tatsächlich erhielt Schmidt vom Kurfürsten als Belohnung ein kleines Landgut bei Zwickau nebst lebenslanger Steuerbefreiung. Das dürfte den wackeren Köhler gewiss mehr erfreut haben als jeder Ehrenname. Wobei «Triller» noch bis ins 17. Jahrhundert als Familienname in Sachsen auftaucht.
Die beiden Prinzen gingen nicht nur durch ihre spektakuläre Entführung in die Annalen der Geschichte ein. Im Vertrag von Leipzig teilten sie 1485 ihr Land. Ernst behielt die Kurfürstenwürde sowie die Gebiete bei Weimar, Erfurt und Wittenberg. Der jüngere Albrecht bekam das Territorium rund um Leipzig, Dresden und Meißen. Die bis heute bestehende Trennung zwischen Sachsen und Thüringen nahm damals ihren Anfang.
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