Eine große Sturmflut verschlang vor fast 700 Jahren weite Teile der Nordseeküste. Auch die Handelsstadt Rungholt ging in dieser Groten Mandränke unter. Der Ort ist nicht nur eine Legende, wie manche behaupten. In unserer Sonderausgabe „Geheime Geschichte – Von den Pharaonen bis zur Kabale im Vatikan“ gehen wir auch den Flutberichten seit Gilgamesch-Epos und Bibel nach – und präsentieren erstaunliche Erkenntnisse. Hier mehr erfahren.

    Der 16. Januar 1362 begann nicht mit Blitz und Donner, sondern mit Wind. Mit einem starken Wind, der das Meer aufwühlte und die Menschen an der Nordsee erschaudern ließ. Denn dem Wind folgte das Wasser – es war die Nacht der Groten Mandränke, auch Zweite Marcellusflut genannt: eine Sturmflut, die die Deiche brach und Land und Menschen mit sich riss. Gespenstisch: Schon einmal, auch am 16. Januar, aber 1219, war die Region von einer großen Sturmflut, der ersten Marcellusflut, heimgesucht worden.

    Als die See diesmal über das Land griff, verschwammen die Grenzen zwischen Festland und Wasser. Kirchspiele, Höfe und ganze Siedlungen versanken in den Fluten. Zehntausende Menschen fanden den Tod, und mit ihnen ging ein Stück mittelalterlicher Küstenkultur verloren. Tief in das Festland eingeschnittene Buchten wie Dollart, Leybucht und der Jadebusen entstanden. In Nordfriesland wurden die Uthlande (zu deutsch: „Außenlande“), ein im Mittelalter viel weiter als heute nach Westen ragendes Landgebiet, von den Wassermassen zerrissen.

    Heimatforscher Bahnsen. Foto: Mario Alexander Müller, Paul Klemm

    Die Inselwelt entsteht

    Damit führte die Zweite Marcellusflut zur Entstehung der nordfriesischen Inseln in ihrer heutigen Form oder waren zumindest eine entscheidende Etappe auf dem Weg dorthin. Damals ging auch das legendäre Rungholt unter. Die im 14. Jahrhundert bedeutende und wohlhabende Handelsstadt soll sich westlich der heutigen nordfriesischen Küstenstadt Husum und südlich von der heutigen Wattenmeerinsel Pellworm befunden haben.

    Der Reichtum der Siedlung gründete sich auf Landwirtschaft, Viehzucht und Handel. Das fruchtbare Marschland ermöglichte hohe Erträge, und über Prielsysteme war Rungholt an die Handelswege der Nordsee angebunden. Salzgewinnung, Fischerei und Warenaustausch verbanden die Stadt mit anderen Küstenorten und dem hansischen Wirtschaftsraum.

    Zeitgenössische Berichte beschreiben Rungholt als einen Ort mit Kirchen, Deichen, Höfen und einem differenzierten sozialen Gefüge. Gleichzeitig war Rungholt vollständig vom künstlich geschaffenen Gleichgewicht zwischen Mensch und Meer abhängig. Deiche schützten das Land, Entwässerungsgräben hielten es nutzbar – doch dieses System war fragil. 1623 versank es in den Fluten.

    Gottes Strafe für Sünden

    Nach dem Untergang Rungholts kursierten schnell Legenden, nach denen das lasterhafte Leben der Stadtbewohner von Gott mit einer fürchterlichen Sturmflut abgestraft worden sei. Laut einer Erzählung, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts aufkam, sollen die Rungholter beispielsweise ihren Pfarrer dazu gezwungen haben, einem Schwein, das sie zuvor betrunken gemacht hatten, die Sterbesakramente zu gewähren.

    Briefmarke mit dem Konterfei von Theodor Storm. Foto: Boris15 I Shutterstock.com

    Der eingeschüchterte Pfarrer habe sich noch in die Kirche retten können. In der folgenden Nacht habe ihn ein Traum vor der bevorstehenden Sturmflut gewarnt. Der Geistliche soll sich noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben, während die sündhaften Rungholter ertranken seien. Diese Volkssage wurde in der Folge mehrfach von bekannten Autoren aufgegriffen.

    „Trutz, blanke Hans“

    Der Schriftsteller Theodor Storm schilderte in seiner 1871 erschienenen Novelle „Eine Halligfahrt“ beispielsweise den Mythos von Rungholt. Und 1882/83 setzte der holsteinische Dichter Detlev von Liliencron den Rungholtern in seiner Ballade „Trutz, blanke Hans“ ein Denkmal. Hier heißt es:

    „Rungholt ist reich und wird immer reicher / Kein Korn mehr fasst selbst der größte Speicher. / Wie zur Blütezeit im alten Rom / Staut hier täglich der Menschenstrom/ (…) Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken, / und Hunderttausende sind ertrunken. / Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch, / Schwamm anderntags der stumme Fisch.“

    Einige Küstenbewohner behaupten, man könne die Glocken von Rungholt an manchen Tagen noch geisterhaft läuten hören. Der Stoff wurde unter anderem in dem 2018 ausgestrahlten Borowski-Tatort „Land zwischen den Meeren“ adaptiert.

    Nicht nur eine Legende

    In den letzten Jahrzehnten häuften sich in der Wissenschaft die Stimmen, die die Existenz von Rungholt gänzlich bestritten und unterstellten, dass es sich um eine nur in der Sage existierende Stadt handele. Das ist allerdings falsch. So bemerkte ein Chronist des Vatikans nach der Sturmflut mit Bedauern, dass aus Rungholt nun keine Zahlungen mehr zu erwarten wären.

    Außerdem wurden über die Jahrhunderte immer wieder metallene Kessel, Keramik, Schwerter und Ziegel in dem Gebiet um die versunkene Stadt angeschwemmt, insbesondere an den Stränden der Inseln Nordstrand und Pellworm. Auf Pellworm präsentierte der Heimatforscher Hellmut Bahnsen seit den 1980er Jahren in seinem Rungholt-Museum zahlreiche Funde, die er im Wattenmeer und am Inselstrand machte. COMPACT-Reporter besuchten ihn vor einigen Jahren im Rahmen einer Reportage.

    Die junge Frau und das Meer – Klimawahn: Kommt die Nordseeflut?

    Viele von Bahnsens Funden konnten eigentlich nur auf die versunkene Stadt zurückzuführen sein. Auch in Husum, der „Grauen Stadt am Meer“ Theodor Storms, gibt es schon seit Jahren eine Rungholt-Ausstellung im Nordsee-Museum. Um Rungholt ranken sich zwar viele Legenden doch die Stadt selbst ist nicht nur eine Legende.

    Was Sie im Mainstream nicht lesen: In unserer Sonderausgabe „Geheime Geschichte – Von den Pharaonen bis zur Kabale im Vatikan“ gehen wir auch den Flutberichten seit Gilgamesch-Epos und Bibel nach – und präsentieren erstaunliche Erkenntnisse. Hier mehr erfahren.

    Kommentare sind deaktiviert.