Ziel: Der globale Einheitsmensch

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Die bekanntesten US-Geopolitiker sind steinalte Methusalems wie Zbigniew Brzezinski oder Henry Kissinger. Kaum einer kennt den neuen Stern am Himmel des amerikanischen Imperiums, den Militärstrategen Thomas P. M. Barnett, da seine Werke nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Unser Autor hat sie im englischen Original studiert: Das Ergebnis ist schockierend.

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So wird Deutschland abgeschafft – und heruntergebrochen zu einer Variable in der globalen Gesamtrechnung: «Wir werden bereit sein müssen, unseren Wohlstand zu teilen», behauptete SPD-Vize Ralf Stegner am 26. Oktober in einem Interview mit Die Welt. «In einer globalisierten Welt funktioniert es nicht mehr, dass ein Teil in Reichtum und Frieden lebt, während andere Regionen in Krieg und Not versinken.» Der laute Jubel der Sozialromantiker übertönt die leise Zustimmung der dahinterstehenden Geostrategen. Das breiteste Grinsen dürfte derzeit Dr. Thomas P. M. Barnett haben. In seinen Büchern The Pentagon’s New Map (Die neue Karte des Pentagon, 2004), Blueprint for Action (Blaupause fürs Handeln, 2005) und Great Powers – America and the World after Bush (Große
Mächte – Amerika und die Welt nach Bush, 2009) legt der einflussreiche Militärstratege seine Vision eines gewalttätig vereinheitlichten Planeten schonungslos offen.

Globalisierung total

In der Untergangsphase der UdSSR stieg der Sowjetexperte Barnett, der 1990 über rumänische und ostdeutsche Beziehungen mit der Dritten Welt promovierte, in kurzer Zeit zum Chefstrategen an der
US-Marinekriegsakademie in Rhode Island auf. Nach dem 11. September 2001 avancierten seine launig vorgetragenen Analysen der globalen Sicherheitslage zur Pflichtveranstaltung für Kadetten und Verteidigungsminister gleichermaßen.

Der Harvard-Absolvent unterteilt in The Pentagon‘ s New Map den Globus in einen «alten Kern» (USA, Europa) und einen «neuen Kern» (Schwellenländer, China, Indien). Beide würden durch die sogenannte «Kluft» geteilt: Regionen und Länder, die der Globalisierung trotzen, wie zum Beispiel Iran und Nordkorea. Terroranschläge sind für Barnett keine religiös motivierten Taten, sondern vielmehr ein Symptom der «Nicht-Vernetzung» und zeugten von einer «Nachfragefunktion nach Globalisierung». Denn in der «Kluft» lebten keine Gegner des westlichen Systems, sondern dessen heimliche Bewunderer: «Kapitalisten, (…) befeuert durch das Begehren nach einem besseren Leben». Mit dem utopischen Eifer eines verwirrten Trotzkisten glaubt Barnett, in einer integrierten Welt könnten die Menschen «die Vorteile einer Welt ohne Mauern ernten, ohne Nicht-Vernetzung und ohne Krieg».

Wie kein anderer beschwört der Stratege eine heilige Allianz zwischen einem internationalen System des Freihandels, gleichsetzbar mit «globalem Frieden», und dem US-Militärapparat und spricht von einem «Geschenk an die Menschheit». Zusammen bildeten sie die entscheidende Kraft bei der Globalisierung, Amerikas «historisches Geschenk an die Welt». Verfechtern «zivilisatorischer Apartheid» wie Osama bin Laden prophezeit der Mann aus Wisconsin ein Ende durch «natürliche Selektion» und setzt nach: «Und für den Fall, dass nichtrationale Akteure gegen die globale Ordnung
Gewalt androhen, sage ich: Tötet sie!»

Barnetts, in seinen eigenen Worten «unglaublich kühnen», Schlussfolgerungen war das im Jahr 2000 durchgeführte New Rule Sets Project vorausgegangen, ein Planspiel, das Amerikas Definition nationaler Sicherheit an den Globalisierungsprozess anpassen sollte. Hinter dem Projekt stand Cantor Fitzgerald, ein billionenschweres Finanzunternehmen, das mit Staatsanleihen aus Schwellenländern handelt.

Der Große Austausch

Durch den Transfer von Ressourcen aus Überschussgebieten in Regionen des Mangels solle die Globalisierung über die kommenden Jahrzehnte abgesichert und die «Kluft» weiter verringert werden. Unabdingbar sei das Anschwellen vierer «Hauptströme»:

■ Der «Strom von Energie» aus der «Kluft» hinein in den «neuen Kern».

■ Der «Strom von Geld» aus dem alten in den «neuen Kern», um dort wachsende Infrastrukturen zu unterstützen.

■ Der «Strom von Sicherheit» (Militärbasen, Flottenpräsenz) vom Westen in die «Kluft», wo Energiereservenund Bedrohungsrisiken gleichermaßen existierten. Dem Energieinvestor Casey Research erklärte Barnett 2012 in einem Interview: «Wenn man will, dass Shell oder irgendjemand anderes da hingeht, um Rohstoffe aus dem Meeresgrund zu holen (…), dann kann man da keine Leute haben, die mit Raketen um sich schießen, und Fischer und Spionagekähne, die in ein U-Boot hineinstoßen.»

■ Komplettiert wird die globale Umverteilung vom «Strom der Völker» aus der «Kluft» hinein in den «alten Kern». Schon 2004 forderte Barnett, bis 2050 sollte Europa jährlich 1,5 Millionen Zuwanderer aufnehmen.

Barnett begründet diese migrationspolitische «Schocktherapie» über die Demographie («Irgendjemand wird uns in unseren Betten umdrehen müssen, wenn wir alt sind») und bezieht sich auf einen im März 2000 erschienenen Bericht der UNO-Abteilung für Bevölkerungsfragen. Um etwa in Europa den Anteil an Personen im erwerbsfähigen Alter zu erhalten, warnte die Weltorganisation, müssten jeglichen vernünftigen Erwartungen widersprechende Einwanderungszahlen erreicht werden». In der deutschsprachigen Fassung des UNO-Berichts ist daher die Rede von einer Bestandserhaltungsmigration». Die richtige Übersetzung des englischen Originalbegriffs, «replacement migration», ist hingegen Nachfolgeoder Austauschmigration.

Weltstaat ohne Vielfalt

Globalisierung ist für Barnett eine «zersetzende Integration». Entfesseltes, heimatloses Kapital gedeiht inmitten heimatloser Konsumenten und scheut starke Nationen wie der Teufel das Weihwasser. Kultur und Tradition sollen durch Masseneinwanderung und politische Korrektheit zerfressen werden. «Wenn Globalisierung eine politische Bewegung wäre», schreibt Barnett bezeichnenderweise, «dann stellte Transnationalismus ihre Ideologie dar». Er fordert: «Wir, das Volk, muss zu wir, der Planet, werden.» Den «Programmcode» für die weltweite Umstrukturierung liefern in seiner Strategie die USA: «Nachdem wir das wirtschaftliche Modell unseres amerikanischen Systems erfolgreich in der großen Mehrheit der Weltbevölkerung nachgebildet haben», erläutert Barnett in ernüchternder Klarheit, «schauen wir nun der langfristigen Herausforderung ins Gesicht, seine politischen Gebilde – seine Gesetze, Institutionen, Kultur und damit verbundene Religions- und Meinungsfreiheit sowie die freie Wahl der Anführer – nicht nur innerhalb der Nationen, sondern durch die internationalen Systeme als Ganzes – nachzubilden». Statt vieler nach dem Vorbild der USA geformter Einzelstaaten soll also künftig ein amerikanisierter Weltstaat entstehen.

Zur Erreichung dieses Ziels sollen potentielle Konkurrenten durch die sogenannten Freihandelsabkommen TTIP (USA–Europa) und TPP (USA–Pazifik) entmündigt werden. Außerdem müsse man das «fremdenfeindliche Europa» auf den amerikanischen Weg einer multiethnischen Gesellschaft bringen. Dass die USA zwischen 1862 und 1890 allein 32 Millionen Migranten aufnahmen, habe sich ausgezahlt, denn «unser komplettes Nichtvorhandensein von Inzucht hat Amerika stark gemacht».

Dabei ist die Multikulti-Vielfalt nur Mittel zum Zweck, nur ein Durchgangsstadium: Das eigentliche Ziel ist die Schaffung einer globalen Mischrasse. Barnett, Vater eines adoptierten Jungen aus China und zweier adoptierter Töchter aus Äthiopien, gefällt «die Idee, dass die Menschheit [in der Urzeit]in einem leichten Braunton aufbrach, sich danach in einer Vielzahl von Hauttönen verbreitete, nur um eines Tages zu dieser mittleren Farbe zurückzukehren». Dann werde auch Religion keine Rolle mehr spielen. Sie diene nur noch als «Refugium vor zu viel Freiheit», erklärt der zweifache Konvertit.

Der von Grenzen und Religion befreite Weltmensch, so Barnett, soll ein globaler Pendler sein. Barnetts Musterschüler sind allseits bereite philippinische Arbeiter. Deren Hilfe beim Wiederaufbau Iraks misst er eine «bedeutende Rolle» bei. Ein aktueller Bericht der Beratungsfirma Wikistrat, deren Chefanalyst Barnett jahrelang war, spricht Klartext: «Die Einwanderung von gering qualifizierten Beschäftigten aus Osteuropa, Nordafrika, dem Mittleren Osten und Subsahara-Afrika half dabei, Großindustrien wie Landwirtschaft, Bauindustrie und Produktion aufrechtzuerhalten. Ohne den Abwärtsdruck auf die Löhne durch Zuwanderung könnten diese Industrien nicht global wettbewerbsfähig sein – Regierungen sind sich dessen bewusst.» Barnetts Vision zum Verhängnis werden könnte, dass auch den künftigen Opfern der Massenzuwanderung dieses Bedrohungsszenario bewusst ist, wie das Foto eines Pegida-Spaziergangs auf der Titelseite der Wikistrat-Studie beweist.

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Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

 

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