Die Studenten revoltierten zu einer Zeit, als der Westen von Entgrenzung träumte: Mit bemannten Mondflügen, Drogen und Yogi-Meditationen wollte man unbekannte Räume und nicht geförderte Potentiale erschließen – und der Kultfilm 2001 lieferte die Bilder zum erhofften Evolutionssprung. Ein Auszug aus der aktuellen COMPACT 4/2018.

    Sucht jemand eine Erklärung der 68er-Revolte, bemüht er meist politische Kausalzusammenhänge, nennt als Auslöser den Vietnamkrieg, importierten Maoismus, und – in Deutschland – den Aufstand gegen die NS-Väter. Aber reicht das zum Verständnis einer Bewegung, die große Teile der westlichen Welt zeitgleich erfasste? Welche Matrix bündelte all diese Impulse und brachte sie zur Eskalation? Zumal die 68er-Revolte nicht aus ökonomischer Not heraus entstand, sondern sich vielmehr als kultureller, sogar anthropologischer Umsturz begriff: Ziel war die Befreiung des Menschen von allen Zwängen, die Hebung ungenutzter Potenziale.

    Also sprach Zarathustra

    Für die Lokalisierung dieser Potentiale ist es womöglich hilfreich, Werke der Populärkultur aus der 1968er Zeit zu befragen. Solche, die sowohl ästhetisches Neuland erschlossen, aber gleichzeitig auch vom breiten Publikum akzeptiert wurden, weil sie Haltungen, Phantasien, Ängste und Hoffnungen jener Generation spiegelten. Tatsächlich kam am 2. April 1968, dem Tag der Frankfurter Kaufhausbrandstiftung, ein Film zur Uraufführung, der die Kinokassen zum Überlaufen brachte und längst den Status eines Klassikers genießt, der in nie gezeigte Dimensionen vordrang, in gigantischen Bildern gleich zwei Evolutionssprünge des Menschen zeigte.

    Die Rede ist von Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum. Jeder, der ihn schon einmal sah, erinnert sich an die Eröffnungs-Sequenz: Ein prachtvoller Sonnenaufgang. Dazu als Soundtrack: Richard Strauss’ Tondichtung Also sprach Zarathustra, inspiriert durch Friedrich Nietzsches gleichnamige Schrift, die eine Überwindung des Gegenwartsmenschen, das Kommen des Übermenschen verkündete… Der Film beginnt in prähistorischer Zeit, mit einem Rudel Vormenschen in der Savanne. Hilflos scheinen sie gegenüber den Gefahren der Wildnis, gegen hungrige Raubtiere oder gegen eine rivalisierende Horde, die das Trinkwasser okkupiert. Eines Morgens ragt ein stelenförmiger Monolith neben den Schlafenden empor, gibt seltsame Brummtöne von sich. Bei der Horde löst er Panik, Neugier und Ratlosigkeit aus. Bald aber entdeckt ein Vormensch, dass er den Knochen eines verspeisten Tieres als Werkzeug, als Waffe nutzen kann. Ein Evolutionssprung hat stattgefunden. Der erste Schritt hin zur Technik, zur Beherrschung von Welt und Existenz ist vollbracht. Was aber hat dieser Monolith damit zu tun? Ist er radioaktiv, hat seine Strahlung eine zufällige Mutation hervorgerufen? – Nicht für Kubrick. Der verwies im Interview auf eine Theorie, wonach der Kontakt mit «den göttlichen Wesenheiten, die ohne Zweifel das Universum bevölkern», einen solchen evolutionären Schritt hätte provozieren können. Die Stele lässt sich aber auch monotheistisch deuten: In der Antike wurde nämlich der hebräische Gott Jahwe, wenn überhaupt, dann als Stele dargestellt! Kubrick, aus einer jüdischen Familie stammend, dürfte davon gewusst haben.

    Exodus ins All

    Aber egal, ob durch Gott, Götter oder Zufall generiert: Jedenfalls vollzog der Vormensch den Schritt zum Homo faber. Begeistert wirbelt er sein Werkzeug durch die Luft. Dort wandelt sich der Knochen via Match-Cut in ein Raumschiff. Soll heißen: Mit der Umdeutung des Knochens erfand er jene Technik, die ihn hunderttausende Jahre später ins Weltall bringen sollte. Wie nah 2001 damit an der Gegenwart der 1960er Jahre lag, zeigt die Tatsache, dass ein Jahr nach dessen Kinostart die erste bemannte Rakete zum Mond flog. Aber auch die US-Jugend- und Subkulturen der Sixties befanden sich auf dem Space-Trip – in zweifacher Hinsicht: Der Philosoph Timothy Leary, Propagandist der bewusstseinserweiternden Droge LSD, war der Überzeugung, dass der Mensch, mit seinem Willen zur Entgrenzung, sich im Weltall ausbreiten müsse: «Auswanderung ins All ist notwendig. Denn die Erde ist ein ”Schoß” und wir stehen im Begriff, daraus geboren zu werden. Leben währt ewig – Planeten nicht.» Diese Ausweitung irdischen Lebens ins All lief in jener Zeit parallel zur Entdeckung des – ebenfalls unbegrenzten – inneren Kosmos‘, für dessen Erforschung Leary die Bezeichnung «Neuronautik» und Ernst Jünger den Begriff «Psychonautik» einführten. Eine Ladung LSD gleicht einem Space-Ship. Kurzum, Ende der Sechziger halluzinierte die Populärkultur von endloser Ausdehnung, von Space-Trips in den inneren und äußeren Kosmos…

    Dies ist ein Textauszug aus der aktuellen COMPACT 5/2018. Stärken Sie mit Ihrem Abo die Stimme des Widerstandes – und sichern Sie sich unsere aktuelle Prämie! Einfach auf das Bild unten klicken.

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