Kokain, Prostitution, Mord und Millionen: In seinem als Roman verkleideten Enthüllungswerk «Kill Your Friends» rechnet Insider John Niven mit der Musikindustrie ab. Eine tabulose Milieustudie über eine Branche im Größenwahn – und einen Mann, der für seine Karriere buchstäblich über Leichen geht. Hier mehr erfahren.

    London, 1997: Tony Blair ist gerade Premierminister geworden, die Britpop-Welle rollt, Oasis und Blur liefern sich einen erbitterten Konkurrenzkampf. Die Musikindustrie schwimmt im Geld. In den Chefetagen der großen Plattenfirmen knallen die Champagnerkorken, Kokain wird päckchenweise konsumiert, und auf den Spesenabrechnungen stehen Summen, für die andere Menschen jahrelang arbeiten müssen. Noch ahnt niemand, dass das Internet dem lukrativen Geschäft mit CDs bald schwer zusetzen wird.

    Mittendrin: Steven Stelfox, 27 Jahre alt, Manager bei einer Londoner Plattenfirma. Seine Aufgabe besteht darin, neue Talente aufzuspüren und unter Vertrag zu nehmen. Doch Stelfox interessiert sich weder für Musik noch für künstlerische Qualität. Ihn treiben andere Leidenschaften an: Geld, Macht, Sex und Drogen. Er ist arrogant, zynisch, gewissenlos und hält seine Mitmenschen für ausgemachte Idioten. Ein Mann, der alles verachtet, was nicht seinem persönlichen Vorteil dient. Und damit ist er in seiner Branche offenbar bestens aufgehoben.

    Ein Psychopath macht Karriere

    Der schottische Schriftsteller und Branchen-Insider John Niven hat mit «Kill Your Friends» einen der wohl widerwärtigsten Antihelden der neueren Popliteratur geschaffen. Stelfox säuft, kokst, betrügt, erniedrigt, kauft Sex und intrigiert. Frauen betrachtet er als Wegwerfartikel, Kollegen als Konkurrenten, Künstler als austauschbare Handelsware. Wer ihm im Weg steht, muss verschwinden. Notfalls für immer.

    Lady Gaga als blutrünstige Countess aus „American Horror Story“. Ausschnitt aus einem Intro in unserer Spezial-Ausgabe „Satan, Pop und Hollywood“. Foto: COMPACT

    Als seine Karriere ins Stocken gerät, werden aus den üblichen Bürointrigen handfeste Verbrechen. Stelfox schreckt auch vor Mord nicht zurück, um seinen Aufstieg zu sichern. Das Erschreckende daran: Seine Umgebung ist derart von Gier, Eitelkeit und Drogenexzessen zerfressen, dass selbst schlimmste Verfehlungen kaum noch auffallen.

    Nicht zufällig wurde Nivens 2008 veröffentlichter Debütroman immer wieder mit Bret Easton Ellis‘ Skandalbestseller «American Psycho» verglichen. Dessen Protagonist Patrick Bateman mordet sich durch die New Yorker Finanzwelt der achtziger Jahre. Steven Stelfox ist gewissermaßen sein britischer Nachfolger – nur dass er statt mit Aktien und Wertpapieren mit Popstars und Plattenverträgen hantiert.

    Die schmutzigen Geheimnisse der Musikindustrie

    Was «Kill Your Friends» besonders brisant macht: Autor John Niven weiß, wovon er schreibt. Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete er selbst jahrelang als A&R-Manager, unter anderem bei London Records. Er kannte die Branche, ihre Mechanismen und ihre Abgründe aus nächster Nähe.

    Die üblen, verkommenen und grotesken Gestalten seines Romans sind zwar fiktiv, doch ihre Verhaltensweisen haben reale Vorbilder. Musikjournalist Ben Myers bestätigte im Guardian, dass ihm zahlreiche der beschriebenen Charaktertypen aus seiner eigenen beruflichen Erfahrung vertraut vorkamen. Deswegen kann man sagen: «Kill Your Friends» ist ein als Roman verkleidetes Enthüllungswerk!

    Popstar Taylor Swift (r.) und ihre Kollegin Lana Del Rey bei den Grammy Awards 2024 in Los Angeles. Auffällig ist die Farbkombination der Kleider: Sie entspricht dem schwarz-weißen Schachbrettmuster der Freimaurerei. Foto: IMAGO / ZUMA Wire

    Besonders genüsslich führt Niven die Selbstüberschätzung der Musikmanager vor. Da werden unbekannte Bands mit Millionenvorschüssen ausgestattet, hoffnungslose Projekte zu kommenden Welterfolgen erklärt und tatsächliche Talente achtlos aussortiert. Stelfox selbst besitzt ein bemerkenswertes Gespür dafür, die falschen Entscheidungen zu treffen. Nur schadet ihm das erstaunlich wenig.

    Der Autor garniert seine Geschichte mit realen Fehleinschätzungen aus der Musikgeschichte. Das Ergebnis ist eine ebenso boshafte wie komische Demontage jener vermeintlichen Experten, die glaubten, den Publikumsgeschmack nach Belieben steuern zu können.

    Sex, Gewalt und keinerlei Reue

    Zimperlich geht es dabei nicht zu. «Kill Your Friends» ist krasser Stoff. Die Sprache ist deutlich, tabulos, direkt, die Schilderungen von Gewalt und Exzessen sind drastisch. Niven erspart seinen Lesern praktisch keine menschliche Niedertracht. Doch das ist die Realität in der milliardenschweren Musikindustrie.

    Gefangenes und gefoltertes Mädchen (Symbolbild). Foto: Estrada Anton / Shutterstock

    Gerade die hemmungslose Frauenverachtung seines Protagonisten sorgte für Diskussionen. In Interviews verteidigte der Schriftsteller seine Entscheidung, einen derart abstoßenden Charakter zum Erzähler zu machen. Die Ansichten einer Romanfigur seien schließlich nicht mit denen ihres Schöpfers gleichzusetzen. Literatur müsse auch Menschen darstellen dürfen, deren Denken und Handeln moralisch verwerflich sei.

    Das ist entscheidend für die Wirkung des Buches. Stelfox entschuldigt sich nicht, zweifelt nicht an sich selbst und empfindet keinerlei Reue. Er hält sich für den einzig Vernünftigen in einer Welt voller Versager. Gerade dadurch wird seine Perspektive zur bitterbösen Karikatur eines Milieus, das Erfolg mit Überlegenheit verwechselt.

    Der letzte Rausch vor dem Absturz

    Die eigentliche Pointe von «Kill Your Friends» liegt jedoch in seinem historischen Schauplatz. 1997 befand sich die traditionelle Musikindustrie auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Macht. Plattenkonzerne kontrollierten Produktion, Vertrieb und Vermarktung, während erfolgreiche Alben Millionen einspielten.

    Doch wenige Jahre später sollten MP3-Dateien, illegale Tauschbörsen und schließlich Streamingdienste das alte Geschäftsmodell erschüttern. Nivens Buch zeigt eine Branche unmittelbar vor diesem Umbruch. Seine Protagonisten verprassen Geld, als gäbe es kein Morgen, und merken nicht, dass die Party bald vorbei sein wird.

    Nivens «Kill Your Friends» ist eine gnadenlose, radikale Abrechnung: ein literarischer Amoklauf durch die Chefetagen des Popgeschäfts, voller schwarzem Humor und mörderischer Bosheit. Und hinter all den grotesken Übertreibungen steckt eine unangenehme Frage: Wie viel von Steven Stelfox ist tatsächlich erfunden?

    Gönnen Sie sich Unterhaltung mit großem Aufklärungswert: Das als Roman verkleidete Enthüllungswerk «Kill Your Friends» von Insider John Niven können Sie hier bestellen.

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