Kein musikalisches Werk vermittelt die Stimmung des Karfreitags so wie die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Sie macht das Leiden und Sterben Jesu Christi erfahrbar. Der Prachtband „Die Schönheit unserer deutschen Kultur“ würdigt Bach und andere Geistesgrößen. Hier mehr erfahren.

    Karfreitag ist ein Tag der Stille. Kein festlicher Glanz, kein Frohlocken – stattdessen Innehalten, in Trauer der Leiden Jesu Christi gedenken, der gemartert und als Kreuz geschlagen wurde. In vielen Kirchen bleibt der Altar schmucklos, die Musik gedämpft, die Worte schwer.

    Und doch erklingt an diesem Tag in vielen Gotteshäusern und Konzertsälen eines der eindringlichsten und eindrucksvollsten Werke der Musikgeschichte: die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach (1685–1750). In ihrem Zentrum steht ein Choral, der über Jahrhunderte hinweg Menschen berührt hat: „O Haupt voll Blut und Wunden“.

    Ein Choral von zeitloser Tiefe

    Das Lied hat eine lange Geschichte, die weit vor Bach beginnt. Der Text geht zurück auf mittelalterliche Frömmigkeitstraditionen, die das Leiden Christi in den Mittelpunkt stellten. Die Fassung aus dem 17. Jahrhundert, die wir heute kennen, stammt von von Paul Gerhardt (1607–1676). Seine Worte verbinden poetische Sprache mit existenzieller Erfahrung: Schmerz und Trost, Klage und Gottvertrauen.

    Meisterkomponist: Die Werke von Johann Sebastian Bach (1685–1750) sind von zeitloser Schönheit. Bild: COMPACT/ChatGPT

    Gerhardt betrachtet die Passion Christi nicht distanziert. Er spricht den Heiland direkt an, voller Liebe und zugleich voller Ehrfurcht. Das „Haupt voll Blut und Wunden“ wird nicht nur beschrieben, sondern betrachtet – und in diesem Anschauen liegt bereits eine Form von Anteilnahme.

    Die Melodie, die Bach in seinem Werk verwendet, ist schlicht, beinahe volksliedhaft. Gerade diese Einfachheit macht ihre Wirkung aus. Sie ist eingängig, getragen von einer ruhigen, würdevollen Bewegung. Nichts lenkt ab, nichts wirkt künstlich gesteigert. Stattdessen entsteht Raum – Raum für Gedanken, für Gefühle, für persönliche Deutung.

    Ein Werk des Glaubens

    Die Matthäus-Passion ist weit mehr als eine Vertonung der Leidensgeschichte Jesu. Sie ist ein vielschichtiges Werk, das Text, Musik und Theologie auf einzigartige Weise miteinander verbindet. „Hier ist etwas so Großes, daß wir es nicht fassen können“, so Albert Schweitzer. Grundlage ist das Evangelium nach Matthäus, das in Form von Rezitativen nacherzählt wird. Hinzu treten kontemplative Arien, die das Geschehen kommentieren, und Choräle, die gewissermaßen die Stimme der Gemeinde darstellen.

    Gerade in dieser Verbindung liegt die besondere Kraft des Werkes. Die biblische Geschichte wird nicht einfach nur wiedergegeben – sie wird erlebt. Der Evangelist kündet, die Figuren sprechen, der Chor reagiert, und immer wieder tritt die Gemeinde hinzu, um das Gehörte zu reflektieren. So entsteht ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Text und Hörer.

    Der jüdische Hohepriester Kaiaphas fordert vor dem Sanhadrin den Tod Jesu. Bild: COMPACT/ChatGPT

    Das Werk besteht aus einem etwas kürzeren ersten Teil, der von den Mordplänen des jüdischen Sanhedrin, Jesu Salbung in Bethanien, dem letzten Abendmahl und der Gefangennahme im Garten Gethsemane handelt, und einem umfangreicheren zweiten Teil, der von dem Verhör vor dem jüdischen Rat, der Verleugnung des Petrus, der Verurteilung durch Pilatus, Jesu Verspottung, sowie seiner Kreuzigung, seinem Tod und seinem Begräbnis berichtet.

    Der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ erscheint innerhalb der Passion mehrfach, jeweils in leicht veränderter harmonischer Umgebung. Diese Wiederholung schafft Vertrautheit, gibt Orientierung und vertieft zugleich die emotionale Wirkung. Mit jeder Wiederkehr verändert sich die Perspektive: Was zunächst wie eine Betrachtung wirkt, wird zunehmend zu einem persönlichen Bekenntnis.

    Musik als Predigt

    Zu Bachs Zeiten war die Matthäus-Passion Teil der Karfreitagsliturgie. Sie wurde nicht im Konzertsaal aufgeführt, sondern im Gottesdienst gehört. Zwischen den beiden Teilen hielt in der Regel der Pastor seine Predigt. Dadurch war das Werk nicht allein künstlerisch, sondern auch geistlich. Die Musik sollte das Evangelium auslegen, vertiefen, erfahrbar machen. Sie war – im besten Sinne – Andacht und Gebet in Tönen.

    Eine im Gebet versunkene Frau. Bild: COMPACT/Grok

    Das Leiden Christi als zentrales Thema wurde dabei nicht als fernes, abgeschlossenes Geschehen wahrgenommen. Vielmehr wurde es zu einem Spiegel, in dem sich menschliche Erfahrungen wiederfinden: Schmerz, Schuld, Verlassenheit, aber auch Hoffnung und Vertrauen. Gerhardts Lied verdichtet diese Dimension in besonderer Weise.

    Einer der ersten Bach-Biografen, Johann Nikolaus Forkel, sagte daher über die Matthäus-Passion:

    „Dieses Werk ist eines der erhabensten Denkmäler der Kirchenmusik.“

    Der Blick auf Jesu geschundenes Haupt mit der Dornenkrone ist zugleich ein Blick auf die Verletzlichkeit des Menschlichen. Es geht nicht nur um religiöse Verehrung, sondern um Mitgefühl. In einer Welt, die oft von Hast und Oberflächlichkeit geprägt ist, fordert dieser Choral eine andere Haltung ein: das Aushalten, das Hinschauen, das Mittragen. Gerade darin liegt auch seine Aktualität.

    Wiederentdeckung eines Meisterwerks

    Nach Bachs Tod geriet die Matthäus-Passion zunächst weitgehend in Vergessenheit. Erst im 19. Jahrhundert wurde sie wiederentdeckt und neu aufgeführt. Die Renaissance dieses monumentalen dramatisch-epischen Werks markiert einen Wendepunkt in der Musikgeschichte.

    Ein Opus wurde wieder sichtbar und erfahrbar, das in seiner Größe und Komplexität weit über das hinausging, was man bis dahin kannte. „Die Matthäus-Passion ist das größte christliche Kunstwerk“, soll Felix Mendelssohn Bartholdy anlässlich der Wiederaufführung 1829 gesagt haben.

    Seitdem hat die Matthäus-Passion einen festen Platz im kulturellen Leben gefunden. Sie wird – gerade an Karfreitag – in der gesamten christlichen Welt aufgeführt, interpretiert, neu gedeutet. Dabei hat sich auch ihre Funktion verändert. Was ursprünglich Teil eines Gottesdienstes war, ist heute oft ein Konzertereignis. Und doch bleibt die ursprüngliche Intention spürbar.

    Wer die Passion hört, wird Teil eines Ganzen, das größer ist als der Einzelne. „O Haupt voll Blut und Wunden“ steht dabei exemplarisch für diese Erfahrung. Es ist ein Lied, das verbindet – Vergangenheit und Gegenwart, Glauben und Zweifel, Individuum und Gemeinschaft. Karfreitag lädt dazu ein, innezuhalten. Die Matthäus-Passion gibt dem eine musikalische Form.

    Unser Erbe, unser Stolz: Ob Brandenburger Tor oder Völkerschlachtdenkmal. Ob Goethe, Bach, Beethoven oder Mozart. Ob Bismarcks Sozialreformen oder die Weimarer Klassik. Wir schöpfen aus einem großartigen kulturellen Schatz. Eduard Klaus würdigt ihn in seinem Prachtband „Die Schönheit unserer deutschen Kultur“ . 225 Seiten, Atlas-Großformat,  mit 112 farbigen, eigens für dieses Buch geschaffenen Künstler-Collagen und patriotischen Texten. Hier bestellen.

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