Vor 50 Jahren verstarb Martin Heidegger. Über dem Werk des Philosophen schwebt bis heute die Nazikeule. Dabei waren seine Ideen wichtige Stichworte für Denker wie Herbert Marcuse und Jean-Paul Sartre, aber auch für den 68er-Studentenführer Rudi Dutschke. Wer sich mit seinem Werk befasst, kommt nicht vorbei an unserer würdevollen Reichstag-Medaille in feinstem Silber. Hier mehr erfahren.
Wenn neue Textfunde über Heideggers NS-Engagement auftauchen, richtet sich der nachfolgende publizistische Sturm oft auch gegen seine Adepten. Die Ironie: Wie zuvor Hegel fand Heidegger seine wirkmächtigsten Nachdenker im linkspolitischen Flügel. Mehr noch, Heidegger war neben Theodor W. Adorno vielleicht wichtigster Impulsgeber für die neulinke Theorie. Heute vor 50 Jahren verstarb er in Freiburg im Breisgau.
Vordergründige Differenz
Seine Anhänger entstammen oft der maoistischen, undogmatischen und postmodernen Linken. Das mag zunächst erstaunen, wirkt Heidgeggers konservative Fassade, sein antiurbaner Lifestyle, seine Annäherung an den Nationalsozialismus doch wie eine Gegenposition zu alledem. Nun ist die vordergründige Differenz niemals ein Einwand; im Gegenteil verweisen die linken Adaptionen auf ein Potenzial, das in Heideggers Werk selbst schlummert.
Die wichtigsten Anknüpfpunkte für linkes Denken entdeckten bereits Heidegger-Schüler erster Generation, darunter Herbert Marcuse, der beim schwäbischen „Seinsdenker“ studierte und dessen Philosophie als „sehr konkret“ empfand. Später, als undogmatischer Marxist, assoziierte er Heidegger mit Entfremdung von Propaganda, Konsum- und Werbeterror.
Deren Resultat betitelte er als „eindimensionalen Menschen“. Glaubte Heidegger die menschliche „Eigentlichkeit“ in Stimmungen wie Angst und Langeweile freizulegen, so setzte Marcuse auf befreite Sexualität. Die Schnittmenge: Befreiung aus der Entfremdung ist keine Frage der Rationalität, sondern der Stimmung beziehungsweise der Emotion.
Letzteres machte Marcuse zum intellektuellen Guru der 68er-Bewegung. Sein Ruhm fiel sogar auf den Lehrer zurück: Zu Heideggers 68er-Fans zählte beispielsweise Rudi Dutschke.

Seine Popularität im Nachkriegs-Frankreich verdankte Heidegger der Adaption durch Jean-Paul Sartre, den intellektuellen Trendsetter seiner Zeit. Sartre studierte Heidegger während seiner Zeit als Résistance-Kämpfer, verarbeitete die Lektüre zum Das Sein und das Nichts (1943). In Sartres Variante ist der Mensch keine Einheit, nicht in sich geschlossen, sondern durch das Bewusstsein in ständiger Distanz zu sich selbst. Deshalb muss er sich ständig neu entwerfen, entscheiden, wählen – er ist zur Freiheit verurteilt.
Er untersteht dabei stets dem vernichtenden Blick, dem Urteil des Anderen. Diese Last, dieses Ungewisse, verursacht Angst. Auch Sartre traf bald eine weitreichende Wahl, konvertierte zum Maoismus. Zuvor aber löste Das Sein und das Nichts die Modewelle des Existenzialismus aus: Es transportierte das Schwarzwälder Denken während der 1950er Jahre in die Pariser Cafés und Nachtclubs, wo Studenten mit schwarzen Rollkragenpullis den Jazzmusikern lauschten.
Jean-Luc Godard, der Filmemachen als eine Form des Denkens versteht, drehte 1959 mit Außer Atem (1959) ein „existenzialistisches“ Kinowerk. Thema ist die Einsamkeit eines jungen Gangsters, der, von der Liebe enttäuscht, in Resignation und Ekel endet.
Aber Godard war nicht allein Sartre- sondern auch Heidegger-Leser. In zahlreichen Kinowerken zitiert er den Philosophen und paraphrasiert in Soft and Hard (1985) sogar einen Dialog aus dessen Werk. Selbst die Struktur Godardscher Filme, ihre Destruktion klassischer Erzählformen, fand in Heideggers Dekonstruktion abendländischer Metaphysik ein Vorbild – ebenso die „Geworfenheit“ der Protagonisten in den Terror des Geschwätzes, in die Unheimlichkeit der Welt, in existenzielle Ängste und Fragen. Wie Sartre konvertierte Godard temporär zum Maoismus, ohne Heideggers Einfluss damit abzulegen.
„Anruf des Gewissens“
Zu den profiliertesten Philosophen Italiens gehört zweifellos Giorgio Agamben. Als 22-Jähriger spielte er den Apostel Philippus in Das erste Evangelium Matthäus (1964) des katholischen Marxisten Pier Paolo Pasolini. Man erinnere sich an die Szene, als Jesus den Namen Philippus ausruft, auf dass er ihm folgen solle: Dieser Moment wirkt wie eine Illustration von Heideggers verfallenem Dasein, das plötzlich den „Anruf des Gewissens“ vernimmt, sich dadurch in seiner „Eigentlichkeit“ erfährt…
1966 besuchte Agamben ein Heidegger-Seminar in Frankreich. Bald darauf versuchte er in seinen Schriften über Macht und Entfremdung eine Synthese aus Marx, Foucault und Heidegger. Ebenso im Homo Sacer (1995), einer Betrachtung des „Ausgestoßenen“, des auf „nackte Existenz“ reduzierten Menschen, dessen Leben von den Staatsgesetzen nicht mehr geschützt wird, der als vogelfrei gilt. Und in Die Passion der Faktizität (1988) erweiterte Agamben Heideggers Daseinsanalyse zu einer Theorie der Leidenschaften.
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Wenn Agamben die Rolle des Ausgestoßenen reflektiert, bewegt er sich in ähnlichem Themenbereich wie der Hitparadenstürmer unter den Heidegger-Adepten: Jacques Derrida. 1930 als Jude im kolonialisierten Algerien geboren, stand ihm weder bei muslimischen Algeriern noch bei den französisch-christlichen Besatzern eine Tür offen. Diese Außenseiter-Erfahrung prägte seine Philosophie der Differenz – die Dekonstruktion. In ihr entlarvte Derrida unbewusste Denkstrukturen, etwa die abendländisch-metaphysische Tradition, alle Phänomene auf „das Eine“ zurückzuführen (auf den einen Gott, auf die eine Weltformel). Das gilt auch für die Lektüre von Texten. Die ermöglichen laut Derrida nicht nur „eine“ Lesart, lassen sich nie auf „eine“ Sinnebene reduzieren. Dabei half ihm Heideggers Unterspülung abendländischer Metaphysik.
Ausgerechnet der Rückgriff auf den schwäbischen Philosophen machte Derrida erneut zum Außenseiter. 1988, nach Erscheinen der Heidegger-Biographie durch Victor Farias, die ihn essentiell zum Nazi erklärte, prügelten die politisch Korrekten auch auf Derrida ein.
Fließende Grenzen
Konträr dazu belegen diese Beispiele jedoch, dass der Vorwurf einer braunen Infektion gegen die Heidegger-Linke jeder Grundlage entbehrt. Umgekehrt zeigt sich, dass Heideggers Denken – trotz seiner Assoziation mit dem Nationalsozialismus – ein Potenzial enthält zur Artikulation von „Differenz“ (Derrida), der Verzweiflung des „Homo sacer“ (Agamben), und der „Angst“ des Menschen, der seiner selbst nicht mächtig ist (Sartre). Alles Phänomene, die jenseits sozialpsychologischer Standardmodelle liegen. Wie Adorno verweist Heidegger auf stumme Qualen, von deren Existenz „man“ oft nicht einmal weiß – als Seismograph für das stille Geschrei des Seins (Alain Badiou), das im Lärm der Gegenwart ungehört verhallt.
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