Manfred & Marek: Aspekte der schwierigen Nachbarschaft von Deutschen und Polen – Teil 1: Die Ursprünge

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Für den richtig Westdeutschen (zum Beispiel aus dem Rheinland oder den umliegenden Dörfern) mag es unverständlich sein, worüber ich hier schreibe, aber wer von Ostdeutschen abstammt – also richtig aus dem Osten, wo heute Polen und Russland liegen –, dem geht zuweilen durch den Kopf, wie es eigentlich mit unserem Verhältnis zu Polen steht – und zwar bevor man auf Auschwitz zu sprechen kommt.

Bei dem Jenenser Satiriker Bernd Zeller las ich hierzu vor wenigen Tagen, am 27. Januar 2020: „Es ist durchaus in Ordnung, wenn jemand wegen Auschwitz in die Politik geht. Wer sagt, dass er wegen Auschwitz in die Politik gegangen ist, dem soll man auch sonst nichts glauben.“

Es geht im Folgenden – das sei vorweg gesagt – nicht um Revision des Status quo, sondern um die Einschätzung: Wie halte ich es mit meinem Nachbarn – und dieser mit mir. Ich werde ein paar Bemerkungen zu historischen Fakten und zur Gegenwart machen und zu Zwecklügen diesseits und jenseits der Oder-Neiße-Grenze.

Historisches

Man tut sicher nichts Falsches, das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen als eine mehrhundertjährige Geschichte von Streit und Gewalt zu bezeichnen. Ob das mit den Auseinandersetzungen zwischen slawischen und germanischen Stämmen begann, mag dahinstehen. Man sollte diese (fast graue) Vorzeit zumindest im Auge behalten, da aus der Zuordnung als slawisch oder germanisch später die wunderlichsten Ableitungen durch deutsche und polnische Nationalisten zusammenfantasiert worden sind. In etwa so: Es bestehe ein polnischer Anspruch auf slawisches Siedlungsgebiet und vice versa. Es handele sich um germanisches, also urdeutsches Land und ähnliches.

Slawische Stämme im 7. bis 9. Jahrhundert. | Bild: Jirka.h23, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Die Berufung auf solche scheinbar vorhandenen (Rechts)-Titel hat Anlass zu drastischen Auseinandersetzungen gegeben. Die letzten davon endeten in den 1940-er Jahren unter Fremdaufsicht. Die beiden europäischen großen Verlierer des Zweiten Weltkriegs – die Deutschen und die Polen – hatten sich dem Diktat der Siegermächte zu beugen. Beide Kriegsverlierer verloren auch ihre staatliche Souveränität, die einen expressis verbis, die anderen zumindest faktisch. In beiden Ländern machten sich die Leute ans Werk, mit den aufgezwungenen Verhältnissen zurande zu kommen. Doch jetzt kommt der Unterschied: die einen akzeptierten ihr Schicksal, die anderen nicht.

Der Grund für diese unterschiedliche Eigenwahrnehmung wurzelt in der gezielt unterschiedlich ausgestalteten Kriegsschuldpropaganda der Siegermächte. Diese sah so aus, dass den Deutschen die Alleinschuld am Ausbruch und den Schandtaten des Zweiten Weltkriegs zugewiesen wurde. Bei dieser Konstruktion ging es anfangs vor allem um eines: Die späteren Siegermächte – vor allem Großbritannien und die USA – verspürten bereits in der Auftaktphase des Zweiten Weltkriegs die Notwendigkeit, den eigenen Völkern einen Schurken präsentieren zu können, gegen den die Kriegführung unabweisbar nötig sei.


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Die anglo-amerikanische Geschichtsschreibung hat bis zum heutigen Tage an dieser Schurken-Darstellung festgehalten. Sie ist anglo-amerikanischer Staatsmythos geworden: Wir, die Guten, im Kampf gegen das ewig Böse. Dieser Mythos wurde bewusst installiert, um von der eigenen Kriegs-Mitverursachung abzulenken. Hierfür erwies es sich als praktisch, nach Abschluss der Kampfhandlungen den einmal eingeschlagene Weg der Schurken-Zuweisung beizubehalten. Die einschlägigen Kampagnen wurden durch gewaltige Geldzahlungen – bevorzugt über die Rockefeller-Stiftung und den Council on Foreign Relations – finanziell abgesichert. Für das Modell der deutschen Alleinschuld war es aus Gründen der Logik notwendig, dem deutschen Schurken ein polnisches Erst-Opfer gegenüberzustellen. Auch hierbei ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Die Polen zehren noch heute von dieser Opferrolle. Davon wird zu sprechen sein.

Polen betritt die europäische Bühne

Nach unvollkommenen deutschen Versuchen während des laufenden Ersten Weltkriegs (1914-18) betrat der polnische Staat zum Jahreswechsel 1918/19 als Mündel der westalliierten Siegermächte die europäische politische Arena. Bis dahin war Polen, das Land und seine Bevölkerung, zwischen Deutschland, dem zaristischen Russland und der habsburgischen Donaumonarchie aufgeteilt. Im 19. Jahrhundert bis 1918 war diese Aufteilung komplett. Preußen Deutschland und Russland sowie Österreich-Ungarn hatten gemeinsame Landesgrenzen.

Die Installierung eines polnischen Nationalstaats 1918/19 war nur möglich, weil die polnischen nationalen Bestrebungen durch die Siegermacht Frankreich forciert unterstützt wurden, um dem besiegten Deutschland einen dauerhaften Krisenherd an seiner Ostflanke zu einzupflanzen. Diese französische Rechnung ging auf. Die folgenden Jahre bis 1934 waren die Zeit massiver Auseinandersetzungen zwischen Polen und seinen Anrainerstaaten, einer davon war Deutschland.

Die polnische Aggressivität stützte sich auf einen innen- und einen außenpolitischen Pfeiler: eine sich selbst installierende nationalistische Militärdiktatur („das Obristen Regime“) und die militärische und finanzielle Unterstützung durch Frankreich. Dessen Außenpolitik setzte anderthalb Jahrzehnte lang auf deutsche Nachbarstaaten, nämlich Polen und die Tschechoslowakei, von denen man zu Recht annahm, dass sie wegen der auf ihrem Territorium wohnenden, Millionen betragenden deutschen Bevölkerungsminderheiten dem Deutschen Reich ununterbrochen massive Probleme bereiten würden.

Nachdem die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen um das Industrierevier in Schlesien 1920 nach französischem Eingreifen ein Ende gefunden hatten, beschränkte sich Polen bei seinen Westausdehnungs-Ambitionen auf Versuche, Großbritannien und Frankreich zu Präventivkriegen gegen das entwaffnete Deutsche Reich anzustiften. Der letzte dieser Versuche fand im März 1933 statt. Der Einmarsch sollte nach den Planungen des polnischen Diktators am Montag, dem 6. März 1933, dem Tag nach den Reichstagswahlen, beginnen, wenn es nach seinen Vorstellungen im Reich keine handlungsfähige Regierung gab und folglich keinen organisierten Widerstand.

Polnische Milizen vor ihrem selbstgebauten Panzerwagen «Korfanty» während der Kämpfe um Oberschlesien. | Foto: CC0, Wikimedia Commons

Der Einmarsch fand nicht statt. Das ist bekannt. Weniger hingegen, dass es die Engländer waren, die abgewinkt hatten. Sie hatten zwei gewichtige Gründe: Innenpolitisch war in Großbritannien der Kampf gegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise das Thema Nummer eins, und außenpolitisch widersprach der polnische Wunsch britischen Interessen, keine dominante Großmacht auf dem Kontinent aufkommen zu lassen. Denn genau das stand zu befürchten, wenn man die polnische Propaganda von einem Polen von Meer zu Meer ernst nahm. Mit den beiden polnischen Meeren waren die Ostsee und das Schwarze Meer gemeint. Man sollte das im Hinterkopf behalten, wenn man in heutigen polnischen Verlautbarungen vom Intermarium-Konzept liest.

Lesen Sie am kommenden Donnerstag in Teil 2: Hitler betritt die europäische Bühne, das fatale Jahr 1939: Deutschlands und Polens Weg zum Zweiten Weltkrieg

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5 Kommentare

  1. Avatar
    Deutschösterreicher aus dem Wienerwald am

    Der Blick auf die graue Vorzeit ist insbesondere deshalb nicht nützlich, als manche Autoren sehr glaubhaft darstellen, daß auch die "Slawen" germanischer Herkunft sind. So gesehen lauter Bruderkriege, nicht nur, weil es sich um weiße Europäer und Christen handelt. Aber wie gesagt, so früh in einer spekulativen Vorzeit zu beginnen hilft nicht bei der Betrachtung der letzten Jahrhunderte. Vielleicht aber bei der Gestaltung einer guten Zukunft.

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    Die Bezeichnung Slaven kommt aus dem frühen Mittelalter, als man aus nichtchristlichen Völkern (Osteuropas) Sklaven erbeuten konnte, vom Begriff Sklaven ab. In frühestmittelalterlicher Zit war es eine Warängerkolonie.
    Polen entstand durch die Gründung des Bistums Gneisen als katholisches Land und setzte damit eine Grenze zur Ausbreitung der Ortodoxie nach Westen. Vor dem Supergau genannt Reformation war Polen ein guter und wichtiger Verbündeter Europas, besonders im Kampf gegen das osmanische Reich.
    Als Preußen sich dem Protestantismus zuwandte ging ein Riß durch die Beziehungen. Aus dem 30jhrg. Krieg konnte sich Polen heraushalten.
    Z.Zt. Peters des Gr. hat sich Polen in die Thronangelegenheiten des Zaren eingemischt und dessen Sohn und Thronfolger aufgenommen, ihn gegen den Vater unterstützt. (Peter lies diesen Sohn später hinrichten) Das führte dazu, daß R. P. besetzte und unter seinen Nachfolgerinnen Katharina und Elisabeth zu den Teilungen Polens unter Beteiligung Preußens. Damit waren die Beziehungen endgültig hin.

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    DerSchnitter_Maxx am

    Tja, seit dem 1. WK … ist halt für alle Anderen, eben ALLES … zapzarap legal 😉

    Givemoney … darf sich nicht -mehr- wehren … muss sich immer fügen, die Fresse halten, zahlen und hat nur noch dem steten Blöd-Michel-Bücklings-Dasein zu frönen – dann ist ALLES gut und in UN-Ordnung, aber klar … "sehr gerne" auf ewig … und immer, für die Anderen natürlich !╭∩╮(►_◄’) 😉

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    Die Revision des Status Quo Polen/ Deutschland ist wohl im Augenblick nicht unser drängendstes Problem. Aber kommt Zeit,kommt Rat.

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    Heinrich Wilhelm am

    "Es geht im Folgenden – (…) – nicht um Revision des Status quo". Der "Status quo" allerdings ist der springende Punkt. Der wurde 1919 und, wegen des vom Versailler Diktat vorprogrammierten Krieges, 1945, ohne Einbeziehung der Deutschen (und 1945 auch der Polen) oktroyiert. Und zwar nur von den drei Siegermächten.
    Eine Diskussion der deutsch-polnischen Nachbarschaft führt immer wieder auf die gleichen ungelösten Probleme, da Versailles, Potsdam und "Zwei plus Vier" das Oktroyierte unter den jeweiligen Bedingungen nur festschrieben. Die inzwischen auch faktisch zweifelhafte EU (seit dem "Brexit") kann nichts weiter, als Überkleistern und Übertünchen. Darunter rumort es weiter, nicht nur im Verhältnis Polen – Deutsche.
    Zu viel ist geschehen, was nicht aufgearbeitet wurde (und werden darf). Und das Feststellen der fortlebenden Befindlichkeiten bringt keine Lösung. Die Meisten hierzulande haben sich mit dem Zustand arrangiert und fragen sich nach dem Sinn solcher Diskussionen.
    Gleichwohl ist der Sinn fundamental…

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