Sieh an! Travelbook, das Reiseportal des Axel-Springer-Verlags, widmet sich der „irren Verschwörungstheorie von der Nazi-Festung im Eis“. Und muss doch eingestehen: „Sie hat tatsächlich einen wahren Kern.“ In seinem Standardwerk „Mythos Neu-Schwabenland“ trennt Heinz Schön Mythen von Fakten und schreibt, was wirklich wahr ist. Hier mehr erfahren.

    Im Sommer 1945 trugen sich merkwürdige Dinge an der argentinischen Atlantikküste zu. Zwei deutsche U-Boote, U 977 und U 530, unter den Kommandos der Oberleutnants Otto Wermuth und Heinz Schaeffer, landeten nach wochenlanger Abenteuerfahrt im Hafen von Mar del Plata an. Man war erstaunt: Wie konnte es sein, dass noch Monate nach der Kapitulation der Wehrmacht zwei Boote der deutschen Kriegsmarine durch den Atlantik gefahren waren? Hatten Wermuth und Schaeffer etwa einen Geheimauftrag ausgeführt?

    Das deutsche U-Boot U 156 – hier bei der Rettung Schiffbrüchiger im Südatlantik – griff 1942 Öltanker in der Karibik an. Foto: CC0, Wikimedia Commons

    Diese Frage ist bis heute nicht restlos geklärt – und sie ist keineswegs so abwegig, wie sie sich vielleicht anhören mag. So war noch im Mai 1945 das deutsche Unterseeboot U 234 vor der nordamerikanischen Küste aufgetaucht – mit mehr als 500 Kilogramm angereichertem Uran sowie zwei zerlegten ultramodernen Messerschmitt-Jagdflugzeugen an Bord. Das eigentliche Ziel wäre Japan gewesen, die Fracht hätte dazu beitragen sollen, das Reich der aufgehenden Sonne zur atomaren Kriegführung zu befähigen.

    Die deutsche Antarktis-Expedition 1938/39

    Hatten die beiden U-Boote, die im Sommer 1945 in Argentinien anlandeten, ähnlich spektakuläre Aufträge? Diese Frage wirft nun sogar das Reiseportal Travelbook des Axel-Springer-Verlags auf. Autor Robin Hartmann räumt gleich in der Einleitung seines Artikels über die „irre Verschwörungstheorie von der Nazi-Festung im Eis“ ein, dass diese einen „wahren Kern“ enthalte.


    Diese Theorie besage, so Hartmann, das U 977 und U 530 „Teil eines größeren Konvois“ gewesen seien, der „Adolf Hitler, Eva Braun, Martin Bormann und andere Nazi-Schergen nach der Kapitulation Deutschlands in Sicherheit gebracht – zu einer geheimen Festung in der Antarktis“.

    Doch was ist der „wahren Kern“, den der Autor ausmacht? In seinem Travelbook-Artikel schreibt er:

    „Ausgangspunkt sämtlicher Mythen um Neuschwabenland und die Nazi-Festung im Ewigen Eis ist der 17. Dezember 1938. An diesem Tag bricht ein deutsches Schiff unter strengster Geheimhaltung zu einer Expedition in die Antarktis auf. Die Route führt in einen unerschlossenen Teil, der heute als Königin Maud-Land bekannt ist. Der Kapitän Alfred Ritscher ist Mitglied der Kriegsmarine und hat bereits an Expeditionen in die Arktis teilgenommen. Das 8.000 Tonnen schwere Schiff ‚Schwabenland‘ bricht mit zwei Flugbooten an Bord auf. Ziel ist es, einen Landstrich zu kartografieren und in Besitz zu nehmen, der schließlich Neuschwabenland getauft wird.“

    Die Vermessung des Landes per Flugzeug erfolgte, wie Heinz Schön in seinem Standardwerk „Mythos Neu-Schwabenland. Für Hitler am Südpol“ schreibt, ab Januar 1939. Dabei warfen die Piloten alle 20 Kilometer Metallstangen mit Hakenkreuzen ab, um das circa 600.000 Quadratkilometer große Gebiet als Territorium des Deutschen Reiches zu markieren. Ins Reich der Spekulationen gehört laut Schön allerdings, dass Neuschwabenland später als Zufluchtsort für den Fall einer Niederlage im Krieg ersonnen wurde, um irgendwann mit einer dort stationierten Streitmacht wieder zurückzukehren.

    Operation Highjump

    Ein Ereignis heizt die Spekulationen um Neuschwabenland besonders an. Am 3. Dezember 1946 brach eine Flotte der US-Navy vom Marinestützpunkt Norfolk, Virginia, in Richtung Antarktis auf. Die bis dato größte Unternehmung ins ewige Eis lief unter dem Codenamen Operation Highjump. Insgesamt wurden 33 Schiffe mit rund 5.000 Mann Besatzung entsandt, darunter zwei Zerstörer, ein Eisbrecher, das U-Boot USS „Sennet“ und der Flugzeugträger USS „Philippine Sea“. Mitgeführt wurden 26 Flugzeuge und 30 Hubschrauber.

    Leiter der für sechs Monate geplanten Mission war Admiral Richard E. Byrd, der sich eigentlich schon im Ruhestand befand. Offiziell als wissenschaftliche Expedition deklariert, war Operation Highjump doch primär ein militärisches Manöver – angeblich zur Erkundung der Antarktis als möglichem Schauplatz eines Krieges gegen die Sowjetunion.

    Operation Highjump: Die vermeintliche Expedition glich einem Aufmarsch. Foto: US-Navy

    Bereits am 30. Dezember 1946 gab es in der Zielregion den ersten Zwischenfall: Das Flugboot „George One“ stürzte über einem bislang unerforschten Gebiet des antarktischen Kontinents ab – offiziell soll es mit einem Eisberg kollidiert sein. Von neun Mann Besatzung überlebten sechs. Neun weitere Flugzeuge fielen bald wegen Defekts aus.

    Als Ende Januar 1947 die ersten Erkundungsflüge in der Nähe des Königin-Maud-Landes an der Nordspitze der Antarktis begannen, verlief zunächst alles nach Plan. Doch dann wurde die Operation plötzlich abgebrochen – nach nur zwei Monaten. Waren die US-Truppen angegriffen worden?

    Ein Zerstörer und mehrere Flugzeuge sollen verloren gegangen sein, die USS „Sennet“ wurde schwer am Turm beschädigt. Admiral Byrd gab dem Journalisten Lee van Atta kurze Zeit später ein Interview, das am 5. März 1947 in der chilenischen Tageszeitung El Mercurio veröffentlicht wurde. Vor allem eine Aussage des Kommandeurs lässt aufhorchen: „Ich möchte niemanden erschrecken, aber die bittere Realität ist, dass im Falle eines erneuten Krieges die Vereinigten Staaten durch fliegende Objekte angegriffen werden, die mit unglaublicher Geschwindigkeit von Pol zu Pol fliegen könnten.“

    UFOs, Nazis oder Sowjets?

    Für Vertreter der Theorie eines geheimen Nazi-Stützpunktes in Neuschwabenland ist klar, dass damals ein deutscher Angriff mit sogenannten Reichsflugscheiben stattgefunden habe. Die US-Medien interpretierten die Worte Byrds hingegen als Warnung vor den technischen Fähigkeiten der Sowjets.

    Letzteres meint auch Hartmann in seinem Artikel auf Travelbook. Er schreibt: „Tatsächlich hatte der Leiter des Manövers, Richard Byrd, vor einer Bedrohung einer ‚Invasion feindlicher Flugzeuge aus Richtung der Polarregion‘ gewarnt hatte. Gemeint waren aber freilich sowjetische Flugzeuge. Die Operation diente wohl tatsächlich allein Forschungszwecken. Die antarktische Küste und Teile des Landesinneren wurden durch Luftbilder kartografiert.“

    Angriff per Flugscheibe: So stellte der „History Channel“ den Zwischenfall 1947 bei der US-Operation Highjump in der Antarktis dar. Foto: medium.com

    Die Verluste bei Highjump ließen sich laut COMPACT-Autor Timo Beil auch ganz profan erklären, wie das Beispiel der USS „Sennet“ zeige. In seinem Artikel „Geheimnisse am Südpol“ in unserer Ausgabe vom Dezember 2025 schreibt er: „Sie kam einfach mit den Eisschollen nicht klar. So ein U-Boot ist sehr empfindlich, und Packeis kann schnell gefährlichen Druck aufbauen. Am Ende hatten die Amerikaner alle Hände voll damit zu tun, das Tauchgefährt in freies Wasser zu schleppen.“

    Und weiter: „Bei bedecktem Wetter und Schneegestöber über einer verschneiten Eiswüste verlieren Piloten rasch die Orientierung. Dies war bereits 1939 den deutschen Flugbooten widerfahren, von denen eines mit mehr Glück als Verstand an einer Bergkante entlang schrammte.“ Eingefleischte Reichsflugscheiben-Theoretiker wird auch das freilich nicht überzeugen.

    Was stimmt wirklich? In seinem Standardwerk „Mythos Neu-Schwabenland“ trennt Heinz Schön Mythen von Fakten und schreibt, was damals tatsächlich geschah. Hier mehr erfahren.

     

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