Offiziell gibt es keinen Zusammenhang zwischen Jeffrey Epstein und dem bis heute ungeklärten Fall des 2007 in Portugal verschwundenen britischen Mädchens Madeleine „Maddie“ McCann. Doch alle bekannten Theorien weisen Lücken auf – während weitgehend unberücksichtigte Spuren ins Zentrum des Netzes führen. Alle bislang bekannten Verstrickungen und Beweise hat Collin McMahon in seinem Buch „Die Akte Epstein“ zusammengetragen. Hier mehr erfahren.
Kuscheljustiz á la BRD: Obwohl ein Gerichtsgutachter eine hohe Gefahr für weitere Straftaten feststellte, wurde der mehrfach vorbestrafte Kinderschänder und Kleinkriminelle Christian B. im November letzten Jahres auf freien Fuß gesetzt, nachdem er in einer niedersächsischen Justizvollzugsanstalt eine siebenjährige Haftstrafe, unter anderem wegen Vergewaltigung, abgesessen hatte.
Ihm wurde zwar auferlegt, eine Fußfessel zu tragen und muss regelmäßigen Kontakt zu seinem Bewährungshelfer halten, es gebe „aktuell aber keine rechtliche Grundlage für freiheitsentziehende Maßnahmen“, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem aktuellen Beitrag über B., der nun in einer städtischen Unterkunft der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel untergekommen ist.
„Sie haben sie“
Doch B. ist nicht irgendein Sexualstraftäter. Er gilt nach wie vor als Hauptverdächtiger in dem bis heute ungeklärten Fall der im Frühjahr 2007 in Portugal verschwundenen Madeleine McCann, genannt Maddie. Anklage wurde bislang allerdings noch nicht erhoben. Das damals dreijährige britische Mädchen machte mit ihren Eltern Gerald und Kate, einem wohlhabenden Ärztepaar, Urlaub in der Ferienanlage Ocean Club im portugiesischen Praia da Luz.

Wie immer traf man sich auch am Abend des 3. Mai 2007 zum Tapas-Essen mit anderen Briten, die ebenfalls im Ocean Club ihre Apartments hatten. Das Zimmer, in dem Maddie untergebracht war, befand sich in Sichtweite, etwa 50 Meter hinter dem Pool. Alle zehn bis 15 Minuten schaute einer der sieben Resort-Gäste nach den schlafenden Kindern. Als Kate McCann kurz nach 22 Uhr von ihrem Kontrollgang zurückkam, war sie in Auflösung, verzweifelt. Maddie war weg. „Sie haben sie“, soll Kate gesagt haben. Doch wen meinte die Mutter mit „sie“?
Am nächsten Tag wusste die halbe Welt von der Tragödie: Die McCanns hatten die internationalen Medien eingeschaltet. Die beiden gaben pausenlos Pressekonferenzen, richteten eine eigene Webseite zur Fahndung ein, machten Druck auf die Politik. Neben der portugiesischen Polizei begann Scotland Yard mit eigenen Ermittlungen, schließlich richteten die McCanns sogar eine private Fahndungskommission ein, bestehend aus früheren Agenten des britischen Geheimdienstes MI5.
Es gingen tausende Hinweise ein. Augenzeugen wollten die Verschwundene in Marokko, Belgien, den Niederlanden, auf Mittelmeerinseln und im Nahen Osten gesehen haben. Später wurden die McCanns selbst verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun zu haben. Doch alle Spuren endeten in Sackgassen. Maddie wurde bis heute nicht gefunden nicht lebend und nicht tot.

„Es ist ein schrecklicher Job“
Es dauerte 13 Jahre, bis die die Staatsanwaltschaft Braunschweig Anfang Juni 2020 einen neuen Tatverdächtigen präsentierte: besagten Christian B., der heute auf freiem Fuß in Kiel lebt. Dem damals 43-Jährigen ist ein solches Verbrechen durchaus zuzutrauen: Im Heim aufgewachsen, geriet er schon als Teenager auf die schiefe Bahn. 1994 und 2016 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu Haftstrafen verurteilt, beide Male entzog er sich dem Gefängnis durch Flucht – und zwar nach Portugal.
Im Jahr 2005 überfiel, vergewaltigte und quälte er dort eine alte Frau. 2017 konnte er endlich ausgeliefert und wegen dieses Delikts ins Gefängnis gebracht werden, wo er bis November 2025 einsaß. Christian B. ist offensichtlich ein Psychopath, Ex-Freundinnen berichten von Schlägen und brutalen Misshandlungen. Doch ausgerechnet im Fall Maddie reicht die Beweislage nicht zur Anklageerhebung gegen ihn aus.
Als besonders belastend wird lediglich interpretiert, dass am Tatabend mit einem Mobiltelefon, das laut der Ermittler „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ von B. genutzt wurde, im Funkzellenbereich Praia da Luz telefoniert wurde, und zwar genau zur Tatzeit zwischen 21:10 Uhr und 22 Uhr. Nur: Dieses Indiz ist fast schon entlastend: Soll der Sexualstraftäter gleichzeitig ein Kind gekidnappt und fast eine Stunde am Handy gehangen haben?
Über ein viel belastenderes Detail berichtete nur die britische Presse: Am Abend vor der Entführung soll B. einer Freundin gestanden haben, er habe „morgen eine Arbeit in Praia da Luz zu erledigen“. Und weiter:
„Es ist ein schrecklicher Job, aber es ist etwas, das ich tun muss, und es wird mein Leben verändern.“
War der Deutsche also nicht Einzeltäter, sondern Komplize und Hiwi eines größeren Netzwerks? Dazu passt eine E-Mail des britischen Geheimdienstes, zu finden in den Fallakten der portugiesischen Polizei: „Unsere Informanten gehen davon aus, dass ein Pädophilenring in Belgien drei Tage vor Maddies Verschwinden den Auftrag für ein kleines Mädchen aufgegeben hat. Jemand mit Verbindungen zu diesem Ring sah Maddie in der Ferienanlage in der Algarve und machte Fotos von ihr. Diese schickte er weiter nach Belgien. Der Käufer dort befand, dass das Mädchen geeignet war, und Maddie wurde geschnappt.“

Einzeltäter oder Handlanger?
Damit ergäbe das „Sie haben sie“ von Kate McCann einen Sinn. Doch woher wusste die Mutter davon? Bis heute ist der schreckliche Verdacht nicht vollständig ausgeräumt, die Eltern könnten ihr eigenes Kind umgebracht (so der der portugiesische Polizeioffizier Goncalo Amaral, der bis zum Mai 2008 die Ermittlungen im Fall Maddie leitete, dann aber auf britischen Druck kaltgestellt wurde) oder eben an einen Pädophilenring, für den Christian B. die Drecksarbeit erledigte, ausgeliefert haben.
Obwohl es auch diese Thesen nicht endgültig bewiesen, gibt es doch bestimmte Indizien: Die portugiesischen Ermittler konnten im Mai 2007 am Tatort nicht nur keine fremden Fingerabdrücke und DNA-Spuren im Apartment der McCanns finden – es gab auch keinerlei Einbruchspuren. Anders als die Mutter angegeben hatte, fand die Polizei das Fenster nicht geöffnet, den Rollladen nicht hochgeschoben – das zeigen die amtlichen Tatortbilder. Maddies Bett sieht auf diesen völlig glatt und unbenutzt aus, nur im oberen Bereich ist die Decke etwas umgeschlagen.
Das stärkste Indiz gegen die Eltern sind allerdings die Schnüffelergebnisse zweier britischer Polizeihunde: Der eine Hund, Eddie sein Name, war auf den Geruch menschlicher Leichen trainiert, bei 200 vorherigen Einsätzen hatte er immer den richtigen Riecher gehabt. Im Apartment der McCanns schlug er an elf Stellen an, unter anderem an Maddies Teddy und im Kleiderschrank. Der Hotelbesitzer gab an, vorher habe es noch nie einen Toten in diesen Räumlichkeiten gegeben…
Die Polizeihündin Keela war hingegen auf explizit menschliches Blut abgerichtet, sie fand drei Spuren, sowohl in der Ferienwohnung wie auch im Kofferraum des Mietwagens der McCanns. Haben die Eltern also den Tod von Maddie vertuscht und anschließend die Leiche in ihrem Leihauto beseitigt? Dagegen spricht auf den ersten Blick, dass sie den Renault Scenic erst drei Wochen nach dem Verschwinden ihrer Tochter angemietet hatten, nämlich Ende Mai 2007. Doch genau an diesem Punkt grätscht der geschasste portugiesische Chefermittler Amaral rein: Er ist der festen Überzeugung, der britische Geheimdienst MI5 habe zwischenzeitlich beim Verstecken der Toten geholfen.
Der ominöse Unbekannte
Ein früherer Mitarbeiter des MI5, Henry Exton, schlug jedenfalls im Herbst 2013 Alarm. Er leitete eine private Ermittlergruppe, die die Eltern von Maddie höchstselbst ins Leben gerufen hatten. Exton beklagte, dass entscheidende Zeugenaussagen vom Tatabend von den McCanns unter Verschluss genommen worden seien. Daher habe er diese Informationen nicht an die Polizei weitergeben dürfen. „Warum dieser Maulkorb? Hätten die Erkenntnisse den Fall nicht schon damals weiterbringen können? Denn für Scotland Yard gilt der Mann inzwischen als Hauptverdächtiger“, wunderte sich die Bild-Zeitung am 27. Oktober 2013.
Mit „der Mann“ war nicht Christian B. gemeint, denn der geriet ja erst sieben Jahre später ins Visier der Ermittler. Diese Bezeichnung bezog sich auf eine Person, die – genau am 3. Mai 2007 um genau um 22 Uhr – in Praia da Luz mit einem Kind auf dem Arm gesehen wurde. Beobachtet hatten dies Martin Smith, ein irischer Urlauber, und seine Ehefrau. Nach ihren Angaben wurde auch ein Phantombild angefertigt.

Beide sagten im Mai 2007 bei den portugiesischen Behörden aus, Extons Ermittlergruppe entdeckte sie ein Jahr später in den Fallakten und machte daraus einen Bericht für den Hilfsfonds, der im Auftrag der McCanns die Suche koordinierte. Doch genau von dort kam ein klares „No“ zur Veröffentlichung. Begründet wurde dies seitens des McCann-Fonds unter anderem damit, dass der Bericht „hyperkritisch für die involvierten Personen“ sei, was auch immer das heißen mag.
Statt dem von dem irischen Paar beobachteten „Smithman“ – so der Behördenname für den unbekannten Verdächtigen – wurde nach einer völlig anderen Person gefahndet, die – ebenfalls mit einem Mädchen auf dem Arm – bereits um 21:15 Uhr gesehen worden war, und zwar von Jane Tanner, einer Bekannten der McCanns. Doch das passte nicht nur dem Entführungszeitfenster, und tatsächlich stellte sich später die Unschuld des Mannes heraus.
Die verräterischen Phantombilder
Wer ist also der echte „Smithman“? Und warum wollte man unbedingt verhindern, dass der Bericht über ihn und sein Phantombild unter Verschluss bleibt? Das zeigt ein Blick auf jenes Bild, das 2013 doch in die Öffentlichkeit kam. Der Kopf, der darauf abgebildet ist, weist eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit John Podesta auf. Der war unter Barack Obama Stabsleiter im Weißen Haus und später Wahlkampfleiter von Hillary Clinton.
Podesta in eine der Schlüsselfiguren der sogenannten Pizzagate-Affäre, dem Skandal um einem mutmaßlichen US-Kinderschänderring in Washington D. C., der im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der neuen Epstein-Akten am 30. Januar wieder hochkochte (COMPACT berichtete).
Doch das ist nicht alles! Ein weiteres Phantombild, das im Zusammenhang mit der Maddie-Entführung in Umlauf gebracht wurde, zeigt eine kurzhaarige Frau, die ähnlich aussieht wie Epstein-Komplizin Ghislaine Maxwell, ein anderes sieht John Podestas Bruder Tony ähnlich (alle Phantombilder auf der Abbildung oben).
Zwar wurden in den über drei Millionen neuen Epstein-Akten bislang noch keine konkreten Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Netzwerk des New Yorker Finanzmoguls und dem Entführungsfall Maddie entdeckt, doch die verräterischen Phantombilder sollten Grund genug sein, genau dort nun die Lupe hinzuhalten.
Alle Zeugen, Beweise, Verbindungen: Was bislang bekannt ist, hat der deutsch-amerikanische Investigativjournalist Collin McMahon in seinem sensationellen Enthüllungswerk „Die Akte Epstein“ zusammengetragen. Schon jetzt ist der Abgrund monströs doch er könnte noch um einiges tiefer werden. Hier bestellen.




