«Identität ist eine tief empfundene Wahrheit»

6

Der Komponist Kemal Cem Yilmaz ist in der deutschen Musik verwurzelt. Dennoch kehrte er in die Heimat seiner Eltern zurück – und verteidigt dort die Pegida-Bewegung. Sie lesen Auszüge aus einem Artikel, den Sie vollständig in COMPACT 6/2016 lesen können – hier bestellen

COMPACT wendet sich gegen Globalisierung und Neue Weltordnung. Unterstützen Sie uns mit Abschluss eines Abos – hier abschließen

_von Sebastian Hennig

Fast ehrfürchtig gleiten die Finger über die Tasten des Flügels. «Die Musik, in der sich mein melodisches und rhythmisches Empfinden in Gänze entfalten kann, ist vor allem deutsche Musik», sagt Kemal Cem Yilmaz. In jenen Klängen hat der 35-jährige Pianist, Komponist und Musikpädagoge seine Heimat gefunden, hat seinen Frieden mit ihr gemacht. 1981 kommt Kemal Yilmaz in Hannover zur Welt. Für das Studium ist sein Vater einst von Istanbul in die Bundesrepublik gezogen. In Deutschland gründet er eine Familie. Das Taxifahren, zunächst studentischer Nebenerwerb, wird zum Hauptberuf. Die Mutter arbeitet als Kostümschneiderin am Theater. Den Sohn schicken die Eltern früh zur Musikschule im niedersächsischen Langenhagen. In der 3. Klasse entdeckt er das Klavier – jenes Instrument, das sein Leben begleiten, sogar prägen sollte. Yilmaz studiert es in Hannover und Detmold. Neben der Arbeit im väterlichen Fahrbetrieb entstehen erste eigene Kompositionen.

«In Deutschland gibt es eine einzigartige Tradition der Kunstpflege. Die bedeutenden Komponisten haben nicht nur eine immense Relevanz für die Identität und das gemeinsame Empfinden aller Deutschen. Sie wirken in die gesamte Menschheit hinein.» Diesem Vorbild will er folgen. 2002 gewinnt er 21-jährig den Nationalen Türkischen Klavierwettbewerb in Eskisehir und konzertiert seither regelmäßig als Solist und Kammermusiker in der Heimat seiner Eltern. Anlässlich der 700-Jahrfeier seines Heimatortes Langenhagen wird in der dortigen Elisabethkirche 2012 sein bisher umfangreichstes Werk für Orchester «700» uraufgeführt. Neue klassische Musik für Orgel, Streicher, Schlagzeug, Flöte, das türkische Saiteninstrument Baglama, Didgeridoo und Klarinette. Während des Festkonzerts zum 600-jährigen Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen der Türkei und Polen, das 2014 in der byzantinischen Irenenkirche stattfand, wird er bei der Aufführung eines Klavierstücks von Ulvi Cemal Erkinals als Solist vom Istanbuler Staatsorchester begleitet.

Musik – für Kemal Yilmaz ist das weit mehr als Töne und Klänge. «Mit Musik kann man eigentlich all das zum Ausdruck bringen, wo die Sprache an ihre Grenzen stößt. Musik überspannt alle Grenzen», sagt er 2014 bei Sat.1. Doch in Deutschland blieb die Karriere früh stecken. «Musiker zu sein, ist nirgendwo einfach. Aber als Türke ist es doppelt schwer, in Deutschland erfolgreich zu sein», berichtet er im selben Jahr dem NDR. Vielleicht, weil auch die gutmenschelnde Integrationslobby als Objekt der Begeisterung eben nicht den feingeistigen Künstler, sondern das Stereotyp des ewig diskriminierten Hauptschülers sucht. Zwölf Jahre legt Yilmaz als «taxifahrender Komponist» zurück.

COMPACT wendet sich gegen Globalisierung und Neue Weltordnung. Unterstützen Sie uns mit Abschluss eines Abos – hier abschließen

(…)

Die amtlich geforderte Integration – für ihn erscheint sie wie eine realitätsferne Ideologie. Sie fordert den
Modellmenschen, der vorschriftsmäßigen Kriterien genügt. Wer sich nicht danach modellieren lässt, hat es
trotz Talent und Zielstrebigkeit besonders schwer. Der Komponist erinnert sich an seinen Werdegang: «Männlich, aus türkisch-muslimischem Kulturkreis stammend und lern- und anpassungsbereit zu sein, hat sich – nicht nur in meinem Fall – über lange Jahre hinweg als nicht vorteilhafte Mischung erwiesen.» Zu oft werden Plätze freigehalten, in die sich normierte Personen einzufinden haben wie in das Prokrustesbett der Antike: Wer zu klein ist, wird gewaltsam gestreckt, und dem Großen werden die überstehenden Gliedmaßen abgehackt. Doch Kemal Yilmaz ist nicht nur von hohem Wuchs, er strebt auch unablässig nach den Höhen seiner Kunst. Einerseits mit Wurzeln im Türkischen, andererseits mit einer geistigen Verankerung in der deutschen Kultur, hat ihm die paranoide Bundesrepublik nicht weniger abverlangt, als die doppelte Verleugnung beider Bezugspunkte. Letztlich pendelt der Künstler wohl irgendwo zwischen zwei Welten. «Über Identität kann man nicht streiten. Es ist eine ureigene, tief empfundene Wahrheit.» Wie deutsch ist die Kunst des Kemal Yilmaz? Besser: Wie national kann oder muss Kunst sein? «Die Frage sollte vielleicht eher umgekehrt lauten: Welche künstlerischen Elemente liegen im Nationalen oder Universellen vor?», sagt er. «Wird Kunst, die womöglich aus nationalen, religiösen oder sonstigen weltanschaulichen Antrieben entstanden ist, nach einer gewissen Zeit nicht ohnehin nur noch in ihrem rein ästhetischen und unmittelbar die Sinne ansprechenden Gehalt wahrgenommen?»

2013 ging Kemal Yilmaz nach Istanbul, in die Heimat seiner Eltern. Er ist nicht der Einzige: 40 Prozent der deutschtürkischen Hochschulabsolventen denken nach einer Studie der Universität Duisburg-Essen derzeit über einen Umzug in die Türkei nach. Ist die Metropole am Bosporus für Yilmaz ein Aufbruch? Gar eine Rückkehr? «In Deutschland bin ich ein eingedeutschter Türke, in der Türkei ein getürkter Deutscher.» In der quirligen Kulturszene des früheren Konstantinopel ist das kein Hindernis. «Musik in der Türkei ist überall und nirgendwo. Istanbul hat das Potential, eine Musikhauptstadt des 21. Jahrhunderts zu werden. Es bleibt zu hoffen, dass diese Chance erkannt und genutzt wird.» Hier können sich deutscher Kopf und türkisches Herz verbinden. «Wenn Deutschland das Land der Ideen und Formgebungen ist dann ist die Türkei das Land der Stimmen und Färbungen. Außerdem ist die Türkei die geistige und emotionale Brücke zwischen Europa und Asien.»

COMPACT wendet sich gegen Globalisierung und Neue Weltordnung. Unterstützen Sie uns mit Abschluss eines Abos – hier abschließen

Aus deutsch-türkischer Perspektive blickt Kemal Yilmaz auf das unübersehbare Brodeln in seinem Geburtsland. Bereits im Januar 2015 analysierte er die Dresdner Pegida-Bewegung als «Unmut über eine bis auf wenige Ausnahmen durch und durch anstandslose, verlogene und korrupte Politiker- und Medienkaste». Vielleicht ist es gerade der Blick aus der Entfernung, der die Augen öffnet und den Blick schärft. «Die gegenwärtige Doppelmoral deutscher Meinungsmacher gegenüber dem PKK-Terror in der Türkei entspricht geradezu spiegelbildlich der Diffamierung von AfD-Anhängern durch türkische Medien.»

Den Wandel in Deutschland spürte zuerst nicht der Künstler, sondern der Taxifahrer. «In meinem Nebenberuf, der Personenbeförderung, lernte ich in vielen Gesprächen mit Fahrgästen die Stimmung im deutschen Volk kennen.» Den deutschen Zorn kann er durchaus nachvollziehen: «Ich kann gut verstehen, dass viele Sachsen diese Besonderheit, die wesentlich ihr Dasein formt, sowohl in ihrem Land als auch übergeordnet für Deutschland als Deutsche, bewahren möchten. Ich kann verstehen, dass sie Entscheidungen, die sich auf das Leben ihrer Nachfahren auswirken, nicht diktiert bekommen wollen», sagt er mit Blick auf den Protest gegen die Asylflut. «Diesen fundamentalen menschlichen Abwehrtrieb in ein rassistisches Licht zu rücken, ist unsinnig.» Umso mehr lässt ihn die Arroganz des Establishments erschaudern. «Nach wie vor durchzieht polemisches Gekrächze die öffentliche Diskussion. Der Kernfrage nach der Bedeutung von identitären Wirklichkeiten wird aus dem Weg gegangen. Wer sind wir? Wohin gehen wir? Welche Entscheidungen gilt es zu treffen? Schwierige Fragen, die womöglich noch schwierigere Antworten für alle Seiten nach sich ziehen. Doch das Aufschieben wird die Probleme, die mit den strukturellen Veränderungen der vergangenen 60 Jahre entstanden sind, nicht verringern. Ganz im Gegenteil…» Die leichtfertige Anwendung des Begriffs «Islamhasser» auf die Pegida-Spaziergänger hat in Yilmaz‘ Ohren einen geradezu volksverhetzenden Beigeschmack. Das bundesrepublikanische Establishment wurde von Pegida kalt erwischt.

Auch hier sieht er Parallelen zur Türkei. «Auch der Gezi-Bewegung» – die Proteste gegen die Politik des damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan im Frühsommer 2013 – «ging es im Wesentlichen um den Respekt und die Achtung der Sorgen und Interessen ganz normaler Bürger, die sich immer mehr als Spielball einer kleinen, alles bestimmenden Machtelite sahen, welche sich überhaupt nicht mehr mit den Belangen eines gewichtigen Teils der Bevölkerung zu beschäftigen schien.»

(…)

«Ich traue dem Volk zu, dass es die vorhandenen Spaltungen gründlich analysiert und diesen erschlossenen Gräben eine zeitliche Daseinsspanne zuerkennt, in der alle Zustände zu einer notwendigen Klarheit und Eindeutigkeit gelangen können. So könnte sich der Nährboden für ein vernünftiges und gerechtes politisches Zeitalter in Mitteleuropa herausbilden. Wenn heute die Deutschen in Frieden und Souveränität deutsch sein können in ihrem Land – in all der Vielfalt, die Deutschsein ohnehin bedeutet –, dann wird es auch dauerhaften Frieden in Europa und Eurasien geben können.

(…)

COMPACT wendet sich gegen Globalisierung und Neue Weltordnung. Unterstützen Sie uns mit Abschluss eines Abos – hier abschließen




Über den Autor

COMPACT-Magazin

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Share this

Empfehlen Sie diesen Artikel