Der neue Vertrag von Versailles: Im Schloss vor den Toren von Paris unterzeichnete der US-Präsident ein Rahmenabkommen, das sich wie eine iranische Siegesurkunde liest. Die Elefanten im Raum bleiben die Straße von Hormus und der Libanon. COMPACT-Spezial «Kriegsverbrechen – US-Außenpolitik von Truman bis Trump» liefert alle Hintergründe zur aktuellen Eskalation und früheren US-Interventionen. Hier mehr erfahren.

    Es war ein Abendessen, das in die Geschichte eingehen könnte. Beim G7-Gipfel im Schloss Versailles, jenem Ort, an dem 1919 die Besiegten des Ersten Weltkriegs ihr Schicksal unterschrieben, unterzeichnete Donald Trump das Rahmenabkommen mit dem Iran. Halblaut sagte er anschließend vor Journalisten:

     «Hab’s gerade unterzeichnet.»

    Das Weiße Haus veröffentlichte auf X ein Video von Trumps Unterschrift an der Dinnertafel, neben ihm Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Pakistans Ministerpräsident Shehbaz Sharif, der als Vermittler seit Monaten zwischen Washington und Teheran fungiert hatte, bestätigte die Einigung auf X:

    «Nach intensiven Gesprächen freuen wir uns, bekannt geben zu können, dass das Friedensabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Islamischen Republik Iran erreicht wurde.»

    Das 14-Punkte-Abkommen, liest sich wie eine iranische Siegesurkunde: Aufhebung aller Sanktionen, ein privater Wiederaufbaufonds von mindestens 300 Milliarden Dollar, Truppenabzug aus der Region, Freigabe eingefrorener Vermögenswerte. Sechzig Tage bleiben, um ein endgültigen Deal auszuhandeln, verlängerbar im gegenseitigen Einvernehmen. In dieser Zeit gilt die Straße von Hormus vorerst als gebührenfrei. Was danach kommt, ließ Ghalibaf noch in derselben Nacht unmissverständlich durchblicken:

    «Der Iran hat das Recht auf Souveränität über die Straße von Hormus und natürlich werden wir eine Servicegebühr erhalten.»

    Auch im Libanon kämpfen Israel und die Hisbollah weiter, Jerusalem erkennt das Abkommen nur teilweise an.

    Die geleakten 14 Punkte

    Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel den Iran an. Teheran reagierte mit Raketen- und Drohnenangriffen auf US-Militärbasen in der Golfregion, und den westlichen Verbündeten Golfstaaten. Zudem schlossen die Revolutionsgarden die Straße von Hormus und trieben den Ölpreis zwischenzeitlich auf über 100 Dollar pro Barrel. Washington verhängte eine Gegenblockade iranischer Häfen.

    Der Krieg erfasste die gesamte Region: Die Hisbollah im Libanon, erneute Eskalation in Gaza, die Huthis im Jemen, auch schiitische Milizen im Irak. Mehr als 2.000 Handelsschiffe mit rund 20.000 Seeleuten saßen im Persischen Golf fest. Die Weltwirtschaft ächzte.

    Brennpunkt Hormus: Die Meerenge ist von überragender strategischer Bedeutung. Iran sitzt dort weiterhin am Hebel, die USA können nichts ausrichten. Bild: COMPACT/ChatGPT

    Ein erklärtes Kriegsziel Washingtons war es, den Iran zu demilitarisieren, dauerhaft vom Bau einer Atombombe abzuhalten und die Straße von Hormus zu öffnen. Die USA versuchten mit einer eigenen Seeblockade, getauft als  «Projekt Freiheit» und schließlich mit militärischen Drohungen, die Meerenge zu öffnen. Teheran hielt stand.

    Im April einigte man sich auf eine mehrfach gebrochene Waffenruhe. Pakistan übernahm die Vermittlung, wochenlange Verhandlungen in Islamabad folgten, zäh, immer wieder am Rande des Scheiterns. Nun liegt das Ergebnis auf dem Tisch: ein 14-Punkte-Memorandum of Understanding, das beide Präsidenten zeitgleich digital unterzeichnet haben und das mit sofortiger Wirkung in Kraft getreten ist.

    Das Memorandum of Understanding wurde zunächst vom saudisch-finanzierten Sender Al-Arabija und dem Finanzdienst Bloomberg geleakt, bevor ein hochrangiger US-Beamter den Text am Mittwoch in einer Telefonkonferenz mit Journalisten offiziell verlas. Trump zeigte sich über die Leaks verärgert.

    Die feierliche Unterzeichnung ist am Freitag auf dem Bürgenstock (Luxusresort auf einem Bergrücken oberhalb des Vierwaldstättersees in der Nähe von Luzern) in der Schweiz geplant. Viele Details bleiben bewusst offen und sollen in den kommenden 60 Tagen ausgehandelt werden. US-Vizepräsident Vance erklärte, das Papier sei «etwa anderthalb Seiten lang, es ist also ein sehr allgemeines Dokument». Der Inhalt im Wortlaut:

    «1. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Islamische Republik Iran sowie ihre Verbündeten im gegenwärtigen Krieg erklären mit der Unterzeichnung dieses Memorandum of Understanding die sofortige und dauerhafte Beendigung militärischer Operationen an allen Fronten, einschließlich im Libanon, und verpflichten sich, von nun an keinen Krieg und keine militärischen Operationen gegeneinander zu beginnen, auf die Androhung oder Anwendung von Gewalt gegeneinander zu verzichten und die territoriale Integrität sowie die Souveränität des Libanon zu gewährleisten. Das endgültige Abkommen wird die dauerhafte Beendigung des Krieges an allen Fronten, einschließlich im Libanon, sowie weitere Bestimmungen dieses Absatzes bestätigen.

    2. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Islamische Republik Iran verpflichten sich, die gegenseitige Souveränität und territoriale Integrität zu achten und sich nicht in die inneren Angelegenheiten des jeweils anderen einzumischen.

    3. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Islamische Republik Iran verpflichten sich, innerhalb von höchstens 60 Tagen ein endgültiges Abkommen auszuhandeln und zu erzielen, verlängerbar im gegenseitigen Einvernehmen.

    4. Unmittelbar nach Unterzeichnung dieses MOU werden die Vereinigten Staaten von Amerika mit der Aufhebung ihrer Seeblockade sowie aller Störungen oder Behinderungen gegen die Islamische Republik Iran beginnen und die Seeblockade innerhalb von 30 Tagen vollständig beenden. Während dieses Zeitraums wird der Schiffsverkehr schrittweise auf das Vorkriegsniveau zurückgeführt. Die Vereinigten Staaten von Amerika verpflichten sich ferner, ihre Streitkräfte innerhalb von 30 Tagen nach Abschluss des endgültigen Abkommens aus der Nähe der Islamischen Republik Iran abzuziehen.

    5. Mit Unterzeichnung dieses MOU wird die Islamische Republik Iran nach besten Kräften Vorkehrungen für die sichere Passage von Handelsschiffen zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman in beide Richtungen treffen, und zwar für einen Zeitraum von 60 Tagen ohne Gebühren. Der Schiffsverkehr wird unverzüglich aufgenommen, und unter Berücksichtigung der Notwendigkeit, technische und militärische Hindernisse zu beseitigen und Minen zu räumen, wird er innerhalb von 30 Tagen auf das Vorkriegsniveau zurückgeführt.

    6. Die Vereinigten Staaten von Amerika verpflichten sich, gemeinsam mit ihren regionalen Partnern einen umfassenden, von beiden Parteien vereinbarten Plan für den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung der Islamischen Republik Iran zu erstellen und dabei eine Finanzierung von mindestens 300 Milliarden Dollar sicherzustellen. Der Umsetzungsmechanismus dieses Plans wird als Teil des endgültigen Abkommens innerhalb von 60 Tagen ausgearbeitet.

    7. Die Vereinigten Staaten von Amerika verpflichten sich, nach einem im endgültigen Abkommen festzulegenden Zeitplan alle derzeit gegen die Islamische Republik Iran geltenden Sanktionen zu beenden, einschließlich der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats und der IAEA sowie sämtlicher einseitiger US-Sanktionen.

    «8. Die Islamische Republik Iran bekräftigt, niemals Atomwaffen herzustellen. Die Islamische Republik Iran und die Vereinigten Staaten sind sich einig, dass das Schicksal des angereicherten Materials und alle weiteren einvernehmlich festgelegten nuklearbezogenen Fragen, einschließlich der nuklearen Bedürfnisse des Iran, in einem endgültigen Abkommen angemessen geregelt werden. Das endgültige Abkommen wird die Bestimmungen dieses Artikels bestätigen.

    9. Die Islamische Republik Iran und die Vereinigten Staaten sind sich einig, dass bis zum Abschluss eines endgültigen Abkommens der Status quo aufrechterhalten wird: Der Iran hält den Status quo bei seinem Nuklearprogramm aufrecht, und die Vereinigten Staaten werden keine neuen Sanktionen gegen den Iran verhängen und ihre Streitkräfte in der Region nicht verstärken.

    10. Die Vereinigten Staaten von Amerika verpflichten sich, dass das US-Finanzministerium unmittelbar nach Unterzeichnung dieses MOU und bis zur vollständigen Aufhebung der Sanktionen Ausnahmeregelungen für den Export von iranischem Rohöl, Erdölprodukten und Derivaten sowie für alle damit verbundenen Dienstleistungen, einschließlich Banktransaktionen, Versicherungen und Transport, erteilen wird.

    11. Die Vereinigten Staaten von Amerika verpflichten sich, die eingefrorenen oder eingeschränkten Gelder und Vermögenswerte der Islamischen Republik Iran vollständig zur Nutzung freizugeben. Diese Gelder sollen uneingeschränkt zur Zahlung an jeden von der Zentralbank der Islamischen Republik Iran bestimmten Empfänger verfügbar sein.

    12. Die Islamische Republik Iran und die Vereinigten Staaten von Amerika sind sich einig, dass ein Umsetzungsmechanismus eingerichtet wird, um die erfolgreiche Durchführung und künftige Einhaltung des endgültigen Abkommens zu überwachen.

    13. Nach der Unterzeichnung dieses MOU und nach Erhalt von Zusicherungen hinsichtlich des Beginns der Umsetzung der Artikel 4, 5, 10 und 11 sowie der fortgesetzten Umsetzung dieser Schritte werden die Islamische Republik Iran und die Vereinigten Staaten Verhandlungen über ein endgültiges Abkommen aufnehmen, das sich ausschließlich auf die verbleibenden Artikel bezieht.

    14. Das endgültige Abkommen wird durch eine verbindliche Resolution des UN-Sicherheitsrats abgesichert.»

    In Teheran feierte man das Ergebnis als strategischen Sieg. Der Kommandeur der Quds-Einheit (zuständig für Auslands- und Geheimdienstoerationen) der Revolutionsgarden, Esmail Qaani, trat erstmals seit Monaten wieder öffentlich auf. Drei iranische Öltanker mit insgesamt fünf Millionen Barrel Rohöl passierten noch in der Nacht die Meerenge.

    Ghalibaf legte nach: «Unsere aktuellen Verhandlungen führen wir aus einer Position der Stärke. Die USA und Israel haben ihre Kriegsziele nicht erreicht. Zwar erklärt der Iran offiziell die Bereitschaft auf eine Atombombe langfristig zu verzichten, ein ähnlicher Deal bestand bereits 2025. Auch die USA sind von der Forderung der kompletten Auslieferung des vom Iran angereicherten Urans abgewichen. Wie Wahsington die Nuklearpläne Teherans langfristig überprüfen will, ist auch unklar.

    Gleich zwei Elefanten im Raum

    Punkt 5 des Abkommens regelt die Straße von Hormus für 60 Tage gebührenfrei. Ghalibaf machte noch in der Unterzeichnungsnacht unmissverständlich klar, wer in Zukunft das Nadelöhr der Weltwirtschaft kontrolliert:

    «Der Iran hat das Recht auf Souveränität über die Straße von Hormus und natürlich werden wir eine Servicegebühr erhalten.»

    Die Meerenge, durch die in Friedenszeiten täglich rund 20 Millionen Barrel Öl fließen, rund 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs, bleibt damit das ungeklärte Herzstück dieses Abkommens. Hier wird sich entscheiden ob ein Status Quo oder ein klarer iranischer Sieg den Krieg beendet. Zukünftige Regelungen soll der Iran laut Abkommen mit dem Oman erörtern. Washington hat dem bislang weder zugestimmt noch widersprochen. Trump selbst hatte die Straße von Hormus auf Truth Social als «abgabenfrei» angekündigt. Das gilt, wie das Abkommen nun zeigt, nur für 60 Tage.

    Die Straße von Hormus. Foto: NASA/Tim Kopra, CC0, Wikimedia Commons.

    Ein weiterer Punkt der den Frieden bedroht ist der Libanon. Der Süden des Zedernstaates, in den die israelische Armee jetzt mehrere Gebiete hält, bis zu 20 Kilometer vor Beirut vorgerückt ist, war einer von Irans zentralen Forderung: Teheran bestand von Beginn an darauf, dass das Abkommen ausdrücklich auch den Libanon umfassen müsse, also ein Ende der israelischen Angriffe auf die Hisbollah.

    Genau das wollte Netanjahu verhindern. Als er Anfang Juni Angriffe auf Beirut anordnete und damit Washingtons Verhandlungen mit Teheran zu torpedieren drohte, verlor Trump die Beherrschung. Laut mehreren mit der Angelegenheit vertrauten Quellen, die dem Nachrichtenportal Axios berichteten, beschimpfte Trump den israelischen Premier in einem «mit Schimpfwörtern gespickten» Telefonat am 1. Juni:

    «Du bist völlig verrückt. Was zum Teufel machst du da? Ohne mich wärst du im Gefängnis. Ich rette dir den Hintern. Alle hassen dich jetzt. Alle hassen Israel deswegen.»

    Irans Außenminister Araghtschi stellte gestern auf Nachfrage klar:

    «Der Waffenstillstand zwischen Iran und den USA umfasst unzweideutig alle Fronten, einschließlich des Libanon. Seine Verletzung an einer Front ist eine Verletzung an allen Fronten.»

    Ob sich Israel daran halten wird ist mehr als fraglich. Die Pläne der Netanjahau-Regierung reichen bis zur Vertreibung und Neubesiedlung. Der israelische Premier stimmte dem Abkommen daher nur teilweise zu. Sein Büro erklärte, Israel unterstütze die Vereinbarung mit dem Iran, diese umfasse jedoch nicht den Libanon. Verteidigungsminister Katz reagierte am 16. Juni unmittelbar auf die Bekanntgabe des Abkommens und ließ an Israels Haltung keinen Zweifel:

    «Trumps Abkommen ist für uns nicht bindend.»

    Israel werde in den «Sicherheitszonen» im Südlibanon, in Syrien und im Gazastreifen bleiben, «solange wie nötig», und behalte sich alle militärischen Optionen vor. Katz bezeichnete diese Gebiete als «größte Errungenschaften» der israelischen Armee in diesem Krieg.

    Netanjahu erklärte seinerseits, Israel werde seine Operationen im Libanon «wie geplant» fortsetzen. Noch heute führt Israel laut einem israelischen Regierungsvertreter «hartnäckige Verhandlungen» mit Washington über den Verbleib seiner Truppen im Südlibanon.

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