Säbelrasseln in der Karibik: Die USA haben Kubas Ex-Präsidenten Raul Castro wegen vierfachen Mordes angeklagt, und den Flugzeugträger USS Nimitz in Stellung gebracht. Folgt nun das Venezuela-Drehbuch? Wer verstehen will, warum die USA immer wieder zur militärischen Karte greift, findet in Daniele Gansers „Imperium USA – Die skrupellose Weltmacht“ eindrucksvolle Beispiele und unbequeme Antworten. Hier mehr erfahren. 

    Havanna, 22. Mai 2026. Der Vorwurf wiegt schwer. Das US-Justizministerium wirft dem 94-jährigen Raul Castro sowie fünf weiteren Personen Mord und Verschwörung zur Tötung amerikanischer Staatsbürger vor. Hintergrund ist ein Vorfall aus dem Jahr 1996, als zwei zivile Flugzeuge einer kubanischen Exilgruppe über internationalen Gewässern abgeschossen wurden. Vier Menschen kamen dabei ums Leben, darunter drei US-Bürger. Generalstaatsanwalt Todd Blanche ließ keinen Zweifel:

    «Zum ersten Mal seit fast 70 Jahren werden hochrangige Führungskräfte des kubanischen Regimes in den Vereinigten Staaten wegen mutmaßlicher Gewalttaten angeklagt, die zum Tod amerikanischer Staatsbürger geführt haben.»

    Castro werde sich in den USA verantworten, «freiwillig oder auf andere Weise».

    Stahl in der Karibik

    Zeitgleich mit der Enthüllung der Anklage verkündete das US-Südkommando, die USS-Nimitz-Trägergruppe sei am 20. Mai in die Karibik eingelaufen. Nach offizieller Darstellung soll der Verband die strategische Präsenz Washingtons in Lateinamerika und der Karibik im Rahmen der Marineoperation Southern Seas 2026 verstärken. Was Washingtons offiziellen Pressemitteilungen verschweigen: Die Nimitz sollte eigentlich diesen Monat außer Dienst gestellt werden, die Außerdienststellung wurde jedoch auf März 2027 verschoben. Das riecht weniger nach regulärem Einsatz als nach gezielter Eskalationsgeste Außenminister Marco Rubio, Sohn kubanischer Einwanderer, verschärfte den Ton:

    «Kuba wird das nicht einfach aussitzen können.»

    Wer die jüngste Geschichte kennt, erkennt die Choreografie. Im Vorfeld des Angriffs auf Venezuela entsandten die USA eine beträchtliche Anzahl von Kriegsschiffen in die Region, darunter den Flugzeugträger USS Gerald Ford. Das größte Schlachtschiff der Welt. Die USA haben zudem die militärischen Überwachungsflüge in der Nähe Kubas verstärkt, was in den Monaten vor dem Angriff auf Venezuela ebenfalls zu beobachten war. Kuba-Experte Peter Kornbluh nannte die Anklage eine «extreme Warnung» an Havanna, sie ermögliche Trump, Militärschläge gegen Kuba als schlichte Strafverfolgung zu charakterisieren. Trump selbst hatte bereits im Januar erklärt, er werde «die Ehre haben, Kuba zu übernehmen», und «alles damit machen können, was er wolle».

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    Frühere US-Administrationen begründeten Regime-Changes mit Demokratiedefiziten oder Sicherheitsbedrohungen. Trump bedient sich eines anderen Werkzeugs: der Strafverfolgung. Maduro wurde wegen Drogenhandels, Terrorismus und Verschwörungen zum Kokainimport angeklagt, angeblich als Kopf des berüchtigten Cartel de los Soles (Sonnenkartell), eines Netzwerks hochrangiger Militärs im venezolanischen Drogenhandel. Der Vorwurf erwies sich als brüchig. Bereits am Tag nach Maduros Festnahme nahm das Justizministerium die Beschuldigung, er sei der Kopf des Cartel de los Soles, stillschweigend zurück.

    Raul Castro wird der Mord an US-Bürgern vorgeworfen. Screenshot X. Mario Nawfal.

    Die ursprüngliche Anklage von 2020 hatte das Kartell noch 32-mal erwähnt und Maduro als dessen «Anführer» bezeichnet. Ein überarbeitetes Dokument nach seiner Festnahme behauptete nur noch, er habe das Drogengeld-Patronagesystem «unterstützt». Trump ließ sich davon nicht beirren. Nach Maduros Festnahme erklärte er unverblümt:

    «Ich glaube, Kuba wird einfach fallen. Es sieht aus, als gehe es runter — als gehe es auf die Zählung runter.»

    Das Muster ist erkennbar: Der Strafverfolgungsapparat liefert den Vorwand. Die Kriegsschiffe liefern den Rest. Bei Castro lautet der Vorwurf Mord, und der Flugzeugträger liegt bereits in Position.

    Eine Insel am Limit

    Washingtons Drohkulisse trifft ein Land, das bereits am Boden liegt. Kurz nach der Festnahme Maduros im Januar kündigte Trump das Ende aller Öllieferungen nach Kuba an. Seither erreicht praktisch kein Öl den Inselstaat, Venezuela war Kubas wichtigster Öllieferant. Bis zu 20 Stunden am Tag fällt in Teilen der Insel der Strom aus. Lebensmittel sind für viele kaum noch leistbar. Das Gesundheitssystem arbeitet am Limit. «Die Menschen sind erschöpft», beschreibt die Kubanerin Heidi Amelia Lavastida Perez eine Krise, die «lautlos» voranschreite. Lieferengpässe bei Lebensmitteln, Gütern des täglichen Bedarfs sowie Medikamenten und medizinischem Material prägen den Alltag.

    Kubas amtierender Präsident Miguel Diaz-Canel wies die Anklage scharf zurück. Die Anschuldigung gegen Raul Castro enthülle «nur die Arroganz und Frustration der Vertreter des Imperiums». Und weiter:

    «Es ist ein politisches Manöver ohne jede rechtliche Grundlage, einzig darauf ausgerichtet, den fabrizierten Vorwand für eine militärische Aggression gegen Kuba zu rechtfertigen.»

    Die kubanischen Behörden riefen die Bevölkerung auf, gegen die «verabscheuungswürdige» Anklage zu protestieren. Die staatliche Zeitung Granma forderte die Kubaner auf, sich am Freitagmorgen vor der US-Botschaft in Havanna zu versammeln. Ob erbitterter Widerstand gegen einen Flugzeugträger reicht, das ist eine andere Frage.

    Am 1. Mai versammelten sich nach Regierungsangaben mehr als 500.000 Menschen vor der US-Botschaft in Havanna und protestierten gegen das Embargo und die Drohungen Trumps. An der Spitze des Demonstrationszuges gingen Diaz-Canel und Raul Castro persönlich. Wenige Stunden nach der Kundgebung verschärfte Washington seine Sanktionen gegen die Insel. Havanna lässt unterdessen die Strategie des «Kriegs der gesamten Bevölkerung» von Fidel Castro wiederaufleben, mit Militärübungen, an denen auch Zivilisten teilnehmen. Díaz-Canel wählte dabei klare Worte: Eine US-Militäroperation gegen Kuba würde in einem «blutigen Massaker» enden.

    Kuba ab 1959

    Die Entwicklung folgt einem Muster, das älter ist als die aktuelle Krise. Kaum eine Weltregion wurde nach 1945 so dauerhaft von US-Eingriffen geprägt wie der lateinamerikanische Raum. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gilt der Raum südlich des Rio Grande als Einflussgebiet, in dem politische Abweichungen nicht geduldet werden. Die Mittel wechselten von offenen Militärinterventionen zu verdeckten CIA-Operationen, von wirtschaftlichem Druck bis zur Stützung autoritärer Regime.

    Nach der Niederlage Deutschlands traten die Vereinigten Staaten zunehmend als globale Führungsmacht auf. Mit dem Zerfall der alten Kolonialordnungen und dem Beginn des Kalten Krieges gewann der amerikanische Doppelkontinent strategische Bedeutung. Die im 19. Jahrhundert formulierte Monroe-Doktrin wurde neu interpretiert. Nicht mehr europäische Imperien, sondern politische und ökonomische Abweichungen galten als Bedrohung.

    Castro. WikiImages, pixabay

    Mitte April 1959 schien das Verhältnis zwischen Washington und dem nachrevolutionären Kuba noch offen. US-Vizepräsident Richard Nixon empfing Fidel Castro und mahnte investorenfreundliche Rahmenbedingungen an. Doch spätestens mit der Agrarreform und der Annäherung Havannas an Moskau kippte die Haltung der Eisenhower-Administration. Interne CIA-Dokumente belegen, dass bereits 1959 über die «Eliminierung Castros» diskutiert wurde. Der für verdeckte Operationen zuständige Richard Bissell legte entsprechende Vorschläge vor.

    In Zusammenarbeit mit Mafiabossen wie Sam Giancana und Santos Trafficante wurden Giftanschläge vorbereitet. Andere Pläne zielten darauf ab, Castro öffentlich zu kompromittieren, unter anderem durch den Einsatz von LSD. Nach dem Scheitern der von der CIA organisierten Invasion in der Schweinebucht im April 1961 setzte Washington seinen Kurs fort.

    John Foster Dulles (rechts) 1956 bei Präsident Eisenhower. Foto: Public Domain, Wikimedia Commons

    Unter CIA-Chef Allen Dulles entstand mit der Operation Northwoods ein Geheimplan, der vorsah, Terrorakte zu inszenieren und Kuba zuzuschreiben, um einen Kriegsgrund zu schaffen. Diese Vorschläge sind durch freigegebene Originaldokumente belegt und markieren einen der radikalsten Punkte der US-Interventionsgeschichte.

    Die Eskalation kulminierte im Oktober 1962 in der Kubakrise. Nach Jahren wirtschaftlicher Isolation und verdeckter Umsturzversuche suchte Havanna Schutz in der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen. Washington reagierte mit einer Seeblockade und der konkreten Vorbereitung eines Angriffs auf die Insel. Über dreizehn Tage stand die Welt am Rand eines nuklearen Krieges.

    Freigegebene Protokolle des Exekutivausschusses des Nationalen Sicherheitsrates zeigen, dass die Regierung unter John F. Kennedy die sowjetische Raketenstationierung intern auch als Reaktion auf die eigene Politik verstand. Kennedy verwies auf die in der Türkei stationierten US-Raketen und bemerkte, dies sei im Grunde so, «als hätten wir plötzlich eine große Zahl von Raketen vor der eigenen Haustür».

    Die Krise endete erst, als Moskau die Raketen abzog und Washington im Gegenzug zusicherte, Kuba nicht anzugreifen. Die Insel war damit militärisch gesichert, blieb politisch jedoch dauerhaft Ziel amerikanischer Eindämmung.

    Vom Embargo zur Blockade

    Der wirtschaftliche Druck auf Kuba ist also nicht neu. Das US-Embargo reicht bis in die 1960er Jahre zurück und wurde über Jahrzehnte hinweg verfestigt. Neu ist jedoch die Qualität der Maßnahmen seit Anfang 2026.

    Der Wendepunkt kommt im Januar. Nach dem Wegfall zentraler Öllieferungen aus Venezuela beginnt Washington, gezielt gegen jede Form von Ersatzversorgung vorzugehen. Der wirtschaftliche Druck wird zur kompletten Abriegelung der Ersatzversorgung. Im Inneren verschärfte sich seitdem die Lage. In Moron eskalierte am 14. März ein Protest. Demonstranten drangen in ein örtliches Parteibüro ein, trugen Möbel und Geräte auf die Straße und setzten sie in Brand, mehrere Personen wurden festgenommen. Auffällig blieb die Tonlage aus Havanna. Diaz-Canel gab sich kämpferisch und erklärte auf X:

    «Selbst im schlimmsten Fall kann sich Kuba einer Sache sicher sein: Jeder externe Angreifer wird auf unüberwindlichen Widerstand stoßen.»

    International rückte die humanitäre Lage stärker in den Fokus. Die Klimaaktivistin Greta Thunberg sprach von einer «brutalen kollektiven Bestrafung des kubanischen Volkes» und machte die US-Politik direkt für die Entwicklung verantwortlich. Die Situation auf der Insel wurde damit zunehmend auch zu einem moralischen Streitfall auf globaler Ebene.

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