EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat die Abkehr von der Atomkraft als Fehler bezeichnet und will an der „weltweiten Renaissance der Kernenergie“ teilhaben. Doch ausgerechnet Kanzler Friedrich Merz erteilt dem eine Absage – wie hirnrissig! In COMPACT-Spezial „Klima-Terroristen“ treten wir den Ideologen mit Fakten entgegen. Hier mehr erfahren.

    Ausnahmsweise kommt mal etwas Gutes aus Brüssel: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will den fatalen Anti-Atom-Kurs beenden und plädiert für eine Rückkehr zur Kernenergie. „In den letzten Jahren erleben wir eine weltweite Renaissance der Kernenergie. Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben“, so die ehemalige CDU-Politikerin beim zweiten internationalen Nukleargipfel in Boulogne-Billancourt bei Paris. Die Abkehr von der Atomkraft sei ein „strategischer Fehler“ gewesen, erklärte von der Leyen.

    Positive Signale aus Frankreich

    Allzu große Brötchen will die EU-Kommissionschefin gar nicht backen. Geplant sei „eine neue europäische Strategie für kleine modulare Reaktoren“. Von der Leyen: „Unser Ziel ist einfach: Wir wollen, dass diese neue Technologie in Europa bis Anfang der Dreißigerjahre einsatzbereit ist.“ Die Mini-Atomkraftwerke sollten neben den herkömmlichen Kernreaktoren eine Schlüsselrolle bei einer flexiblen, sicheren und effizienten Energieversorgung in Europa spielen.

    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf einem Wahlplakat.

    Gastgeber Emmanuel Macron plädierte auf dem Kernenergie-Gipfel für eine bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Man benötige einen Markt für den freien Verkehr von kohlenstofffreier Elektrizität, so der französische Präsident. Sein Land setzt im Gegensatz zu Deutschland fest auf Nuklearenergie und fordert für die Atomkraft die gleiche finanzielle Unterstützung der EU wie für erneuerbare Energien. Die Regierung in Paris plant derzeit den Bau von sechs weiteren Reaktoren.

    Merz macht nicht mit

    So weit, so gut. Doch ausgerechnet die Bundesrepublik als Staat mit den einst besten und sichersten Atomkraftwerken Europas war auf dem Gipfel in Frankreich noch nicht einmal vertreten. Schlimmer noch: Von der Leyens Parteifreund Friedrich Merz erteilte einer Rückkehr zur Kernkraft umgehend eine Absage. Am Rande eines Treffens mit dem neuen tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babis bezeichnete der Bundeskanzler den Atomausstieg als „unumkehrbar“ – Angela Merkels „alternativlos“ lässt grüßen!

    Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Pressekonferenz im Deutschen Bundestag, 18. Juni 2025. Foto: EUS-Nachrichten / Shutterstock

    Offenbar leidet Merz an kognitiver Dissonanz, denn er erklärte, dass er persönlich die Einschätzung der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen, wonach die Abkehr von der Atomkraft falsch gewesen sei, zwar teile. Die Bundesregierungen zuvor hätten aber nun mal entschieden, aus der Atomkraft auszusteigen. Dieser Beschluss sei irreversibel. Das ist allerdings nicht korrekt – denn genauso, wie man den Ausstieg kurzerhand beschlossen hatte, könnte man den Wiedereinstieg beschließen.

    Die Lügen des Umweltministers

    Allerdings sitzt Merz die SPD im Nacken – und die scheint ohnehin die Richtlinienkompetenz in der Berliner Regierung innezuhaben, obwohl dies eigentlich dem Kanzler zukäme. Symptomatisch dafür ist die Wortmeldung von Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), der sogleich erklärte in Berlin, es spreche Bände, dass der Kern der angeblich „rückwärtsgewandten“ EU-Strategie aus neuen Subventionen für Atomkraftwerke bestehe.

    Wenn eine „Risiko-Technologie“ nach einem dreiviertel Jahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hänge und es längst bessere Alternativen gebe, sollte man daraus Konsequenzen ziehen, so der Genosse. „Sauberer ungefährlicher“ Strom aus Wind und Sonne sei günstiger, treibe längst die Energiewende an und produziere keinen „strahlenden Müll“.

    Nachhaltig faktenresistent

    Schneider ist offenbar nachhaltig faktenresistent. Seine Behauptung, Kernkraft hänge am staatlichen Tropf, greift zu kurz. In Europa profitieren Erneuerbare massiv von Subventionen, während Kernkraft oft benachteiligt ist. Globale Daten zeigen, dass fossile Brennstoffe zwar einen Anteil von 70 Prozent an allen Energie-Subventionen (etwa 447 Milliarden US-Dollar) haben, Erneuerbare aber immerhin knapp 20 Prozent (circa 128 Milliarden Dollar), Kernkraft aber nur drei Prozent (rund 21 Millarden Dollar).

    Windpark im IJsselmeer (Niederlande). Deutschland ist gerade dabei, sich an seiner massiven finaziellen Förderung erneuerbarer Energien zu verheben. Foto: fokke baarssen / Shutterstock

    Ähnlich sieht es in der EU aus, wo Sonne und Wind durch Einspeisungtarife, EEG-Umlage (BRD) und EU-Fördermittel (z. B. Innovation Fund) stark unterstützt werden – oft über Jahrzehnte. Kernkraft-Neubauten erhalten hingegen selten vergleichbare langfristige Garantien, und bestehende Anlagen tragen oft Steuern oder Stilllegungskosten selbst. Ohne diese Ungleichbehandlung wäre Kernkraft in vielen Ländern noch wettbewerbsfähiger.

    Von wegen teuer

    Auch was die vermeintliche Günstigkeit der Erneuerbaren betrifft, darf man sich durch den gern bemühten Levelized Cost of Electricity (LCOE) nicht täuschen lassen: In der EU lag dieser 2024/25 der LCOE für Onshore-Wind bei circa 40 bis 60 Euro/MWh, für Solar bei 35 bis 50 Euro/MWh und für neue Kernkraft bei 85 bis 120 Euro/MWh (je nach Projekt, z. B. UK Hinkley Point C höher).

    Die hohen Energie- und Lebensmittelpreise zehren das Geld der Deutschen im Rekordtempo auf. Foto: SERSOLL | Shutterstock.com

    Allerdings berücksichtigt der reine LCOE keine Systemkosten wie Netzausbau, Backup (Gas) oder Speicher für Intermittenz (Unregelmäßigkeit und Unvorhersehbarkeit der Stromproduktion). Bei hohen Erneuerbaren-Anteilen steigen diese Kosten massiv – in Deutschland zum Beispiel durch die bereits erwähnte EEG-Umlage und Reserve-Kraftwerke. Kernkraft liefert hingegen stabile Grundlast zu niedrigen Betriebskosten (oft weniger als 30 Euro/MWh bei bestehenden Anlagen).

    Sicher und sauber

    Auch SPD-Schneiders Ansicht, dass es sich bei Atomkraft um eine „Risiko-Technologie“ handle, ist reine Ideologie und widerspricht den Fakten. Globale Statistiken („Our World in Data“ , basierend u. a. auf einer Untersuchung von Anil Markandya und Paul Wilkinson vom US-Gesundheitsministerium) zeigen: Kernkraft verursacht nur 0,03 Todesfälle pro TWh (inklusive Tschnernobyl und Fukushima), Kohle 25 bis 100, Gas drei, Wind 0,04 und Solar 0,02 je TWh – inklusive Installationsunfällen. Von Umweltschäden, etwa dem Vogel- und Insektenschreddern bei Windrädern ganz zu schweigen.

    In Europa gab es seit Jahrzehnten keine tödlichen Unfälle in kommerziellen Anlagen. Moderne Reaktoren (Gen III+) sind passiv-sicher. Die Risiken von Fossilen (Luftverschmutzung: Millionen Tote pro Jahr) oder Staudämmen (z. B. Banqiao: zehntausende Tote) sind um ein Vielfaches höher.

    Das Argument des „strahlenden Mülls“ überzeugt ebenfalls nicht: In der EU sind 97 Prozent des radioaktiven Abfalls niedrig- oder mittelaktiv und sicher gelagert; nur weniger als ein Prozent sind hochaktiv. Bis 2016 sammelten sich weltweit etwa 390.000 Tonnen Spent Fuel (verbrauchter Kernbrennstoff) an – marginal im Vergleich zu Solar-Modul-Abfall (perspektivisch mehrere Millionen Tonnen bis 2050) oder Windturbinen-Blättern, die beide nicht oder nur schwer recyclebar sind – im Gegensatz zu Kernbrennstoff, von dem rund 95 Prozent wiederverwendbar sind. Frankreich ist hier übrigens Vorreiter.

    Stabile Stromversorgung

    Zu guter Letzt sorgt Kernkraft auch für durchgehend eine stabile Stromversorgung – im Gegensatz zu Erneuerbaren, deren Intermittenz erfordert Backup. Der sogenannte Capacity-Faktor (Verhältnis der tatsächlich erzeugten Strommenge über einen bestimmten Zeitraum, zumeist ein Jahr, zur maximal möglichen Strommenge) liegt bei Atomkraft in Europa bei 92 Prozent (global: 83 Prozent), bei Onshore-Wind sind es 25 bis 40 Prozent, bei Solar zehn bis 20 Prozent.

    Kernkraft ist also kein Auslaufmodell, sondern der Schlüssel für eine sichere, bezahlbare und saubere Energieversorgung. Dass das noch nicht bis zur Bundesregierung durchgedrungen ist, ist bedauerlich, aber nicht verwunderlich.

    Weitere Argumente für Atomkraft und gegen die grüne Ideologie finden Sie In COMPACT-Spezial „Klima-Terroristen“. Wir entlarven die Deindustrialisierer und ihre Hintermänner. Hier mehr erfahren.

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