„Dieses Milieu hasst Deutschland“

27

_Interview mit Seyran Ates

Anlässlich der Ermordung der 19jährigen Maria, der Jürgen Elsässer einen Blogbeitrag gewidmet hat, publizieren wir Auszüge aus dem Interview mit der türkischen Soziologin und Frauenrechtlerin Seyran Ates («Der Multikulti-Irrtum») in COMPACT 1/2015. Es enthält zahlreiche Hintergrundinformationen zum Thema.

COMPACT: Was bedeutet der Tod von Tugce für Sie?

Seyran Ates: (…) Es sind so viele Themen, die jetzt hochkommen: Gewalt an Frauen, sexuelle Belästigung, Intensivstraftäter, Jugendliche mit einem solchen Gewaltpotential. Dann das Interkulturelle: Da sind zwei deutsche Mädchen in einem McDonald‘s, die werden geschützt von einem türkischen Mädchen. Dann ist da ein serbischer Täter…

COMPACT: Angeblich kosovoalbanisch, oder bosnisch…

Seyran Ates: Da und dort wird er als Serbe bezeichnet, aber offensichtlich hat er auch einen muslimischen Hintergrund. Dann sind da noch widerlichste Kommentare auf der Täterfreundschaftsseite. Das macht aus der Tat wieder ein gesellschaftliches Problem. Da ist das gesellschaftliche Problem mit Testosteronbomben, aber auch mit Rassisten und frauenfeindlichen jungen Menschen, die im muslimischen Milieu herangezogen werden. Dann gibt es sofort den Reflex: Gibt es das auch bei deutschen Jungs? Natürlich prügeln auch deutsche Jungs und vergewaltigen auch deutsche Jungs – also Intensivstraftäter – Mädchen. Die Frage ist eben, wie verbreitet ist es in dem einen und in dem anderen Milieu. Ich stelle mir die Frage: In welchem Milieu wachsen die auf? Wo kriegen sie Kontakt zu anderen Menschen und wo gibt es überhaupt die Chancen, anzusetzen, damit sich da etwas verändert? Der Täter wird ja in dieser Situation von seinen noch Freunden verteidigt: Er konnte sich doch nicht von so einer Tussi, einer Frau etwas sagen lassen. Wie menschenverachtend und frauenverachtend ist diese Haltung?!COMPACT: Diese Freunde schreiben, so etwas könne schon passieren, denn Tugce habe schließlich seine Ehre beleidigt…Seyran Ates: Genau. Das ist noch eine Steigerung. Zum einen ist es eine Frau, und dann hat sie ihn auch noch in seiner Ehre verletzt.

COMPACT: Ich habe diesen Ehrbegriff nie verstanden.

Seyran Ates: Er ist auf keinen Fall mit dem Ehrbegriff zu vergleichen, der aktuell in der deutschen Kultur existiert. Die Ehre ist nicht Bestandteil der eigenen Leistung, sondern das Verhalten eines anderen verletzt dein Ansehen. In diesem Fall ist es eine fremde Frau, und die hat ihn in seiner Männlichkeit verletzt. Aus diesem patriarchalen Denken heraus steht die Frau in ihrer Stellung unter dem Mann. Dieser junge Mann kann sich auf keinen Fall von diesem schwachen Geschlecht, also dieser jungen Frau, irgendetwas sagen, geschweige denn sich aufhalten lassen in seiner Absicht. Er macht ja alles richtig. Er stellt seine Männlichkeit unter Beweis, in dem er eine sexuelle Belästigung begeht. Dabei aufgehalten zu werden, das würde er vielleicht von den männlichen Familienmitgliedern dieser deutschen Frauen hinnehmen. Da würde man sich auf Augenhöhe wiederfinden. Aber dass das eine junge Frau war, die unter seinem Stand ist, die nichts zu sagen hat: Da flippt er dann noch mal aus. Da ist bei ihm die Sicherung durchgegangen. Er als Mann, der offensichtlich Intensivstraftäter ist, hat auch einen Freundeskreis, der ihn beobachtet. Und unter dieser Beobachtung nachzugeben, hätte er nie mit seiner Ehre vereinbaren können.

COMPACT: Die deutsche Gesellschaft hat sich das jahrelang angeschaut. Gegen den Täter liefen schon 15 Ermittlungen…

Seyran Ates: Im Jugendstrafrecht mit dieser „Du, Du“-Rechtsprechung und dem „Mach das nicht noch einmal“ kommen wir bei diesen Intensivstraftätern nicht weiter. Diese jungen Menschen drehen sich um und lachen die Rechtsprechung aus. Sie lachen das System aus. Sie sind in einem anderen System, in dem sie Männlichkeit erfahren, Achtung erfahren. Nach Auffassung solcher jungen Männer haben solche Staatsanwälte und Richter im Grunde keine Eier in der Hose. Sie sind diejenigen, die keine Kerle sind. In diesen Denkstrukturen ist der Staat schwach. Und dieser schwache Staat bestätigt sich immer wieder durch solche Urteile. Wenn er 15 oder 20 Straftaten begeht und es passiert ihm nichts… Er darf sich immer noch in seinem Clan präsentieren. Man zieht ihn ja nicht aus dieser Lebenssituation raus, er muss sich ja nicht ändern.

COMPACT: Man kann die Jungs aber kaum alle aus den Familien und ihrem Umfeld herausnehmen.

Seyran Ates: Doch, kann man. Durch Inobhutnahme. Ich weiß nicht, warum jugendliche Mehrfachstraftäter noch im Haushalt der Eltern leben. Man kann sie tatsächlich aus den Familien rausnehmen. Aber dann muss man wissen, wohin. Wenn es das Milieu ist, müsste man ihnen ein anderes Leben anbieten. Ein paar Monate in einer Umerziehungsanstalt bringen es auch nicht. Sie müssten ein anderes Leben, eine andere Chance haben.

COMPACT: Aber zu diesem Zeitpunkt ist das Kind doch schon längst in den Brunnen gefallen.

Seyran Ates: Wir bräuchten sowieso schon im Kindergarten einen Umgang mit dem Thema Gewalt. Es gibt Erzieherinnen, die verzweifelt sind über Jungs, die immer wieder zuschlagen. Dann gibt es Gespräche mit Eltern, die das verdecken und beleidigt sind. Dann geht es in der Grundschule weiter. Dann gibt es Verwarnungen, Verweise, irgendwann schwänzt er die Schule und dann geht die Karriere los. Die Eltern kommen auch aus diesem Milieu und sagen: Unser Sohn ist ein richtiger Junge, Jungs machen das halt. Die Erzieherinnen halten die Klappe, weil sie Angst vor diesen Eltern haben. Da bedarf es einer Zivilcourage der Gesellschaft.

(Das Interview führte Martin Müller-Mertens)

Das vollständige Interview Interview mit Seyran Ates können Sie in COMPACT 1/2015 lesen: “Dieses Milieu hasst Deutschland!” – Printausgabe hier bestellen

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel