Die Versuchung COMPACT

1

Editorial von Nr.1: Die Versuchung COMPACT

„Manch einer, der vor der Versuchung flieht, hofft doch heimlich, dass sie ihn einholt“, schreibt Giovannino Guareschi, der Autor von Don Camillo und Peppone. Das könnte das Motto dieser Zeitschrift sein. Sie will ihre Leser in Versuchung führen und weiß, dass viele gerade in diesem Land darauf warten. Die Macht der Tugendwächter wankt.
Mit Sarrazin haben wir die süßeste Versuchung für die alternde BRD ins Zentrum dieses Heftes gestellt. Was von den Hohepriestern der veröffentlichten Meinung verboten wird, macht offensichtlich viele scharf. Dabei wollen wir die Schrift, die er an die Wand geschrieben hat, nur als Anstoß nehmen, nicht als neues Dogma. Die Zeit der Dogmen ist nämlich prinzipiell vorbei. Es geht um die Lust an der Debatte, am Pro und Contra.

Ganz generell muss die Verführung wechselseitig sein. Der Linke muss anfangen, mit dem Rechten zu diskutieren. Der Konservative soll die Argumente des Sozialdemokraten – auch Sarrazin ist einer! – schätzen lernen. „Von der Lust, katholisch zu sein“ schreibt der Papst-Biograph Martin Lohmann in dieser Ausgabe – das soll notorische Atheisten herausfordern. Der badische Muslim Andreas Rieger rühmt die deutsche Klassik in Weimar – das mag die geschichtsvergessenen Guido Knopp-Jünger provozieren.
Wichtig ist nur: Die Tabus müssen fallen. Sonst stirbt dieses Land an intellektueller Austrocknung. Also schreiben wir über die Sehnsucht nach (und das Leiden an) Deutschland. Über die Suche nach Gott. Über Ehe und Familie als Inseln in den Feuchtgebieten des kalten Mammon. Wer Facebook zum Opium des Volkes und Google zum Kompass einer offenen Gesellschaft machen will, wird daran freilich keinen Spaß haben. Pech gehabt. Es gibt kein richtiges Leben im virtuellen.

Als Chefredakteur will ich nicht verhehlen, dass mein Herz immer noch links schlägt. Dass ich mir mit dieser Zeitschrift bei meinen Genossen wenige Freunde machen werde, nehme ich allerdings nicht nur in Kauf – das ist regelrecht beabsichtigt. Denn die Achtundsechziger sind längst nicht nur Teil des Systems geworden – sie bilden mittlerweile seine Avantgarde. So war etwa die Umerziehung von Männern und Frauen zu androgynen Androiden, die sich am Ende so ähnlich sehen wie Renate Künast und Fritz Kuhn, von Anfang an ihr Projekt. Durchgesetzt hat sich dieses Gender Mainstreaming, weil auch Staat und Großkapital die Abschaffung der teuren Familie wünschen. Die aus allen Bindungen gelöste Konsummonade ist der ideale Sklave der Schönen Neuen Welt.
Zurück zu Don Camillo und Peppone: Die Filme aus den fünfziger Jahren zeigen, dass konservative Christen und orthodoxe Marxisten mehr gemeinsam haben, als sich die heutige Latte Macchiato-Linke vorstellen kann. In einer Folge lässt sich der Bürgermeister durch sein kommunistisches Parteibuch nicht davon abhalten, sein Neugeborenes zu Don Camillo in die Kirche zu bringen – zur Taufe. Allerdings besteht er drauf, dass das Söhnchen Lenin heißen müsse. Der Priester ist empört, die beiden prügeln sich im Glockenturm. Danach einigt man sich: Peppone will auf „Lenin“ verzichten und bietet großzügig „Camillo“ an. Nach Zwiesprache mit dem Jesus am Kreuz schlägt Don Camillo listig vor, „Lenin“ immerhin hinzuzufügen – neben seinem Namen verblasse der andere ohnedies.

Der Streit war ebenso leidenschaftlich wie die Versöhnung herzlich. Die beiden wussten bei aller Unterschiedlichkeit um die gemeinsame Verantwortung, die sie für ihr Dorf trugen. Katholik und Kommunist hatten als Partisanen für die Freiheit ihres Landes gekämpft – das hatte sie jenseits der Ideologien zusammengebracht.

Bedrohung und Besatzer sind heute andere als damals, die Herausforderung bleibt dieselbe. COMPACT soll deshalb eine Zeitschrift sein, in der sich Don Camillo und Peppone gleichermaßen zu Hause fühlen.

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

1 Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Elsässer,
    gestern habe ich diese poetische Absichtserklärung für Ihr Magazin das erste Mal gelesen. Sie hat mich tief berührt. Einige Dinge haben Sie darin sehr schön zur Sprache gebracht.
    Von der gegenseitigen Verführung, die schön wäre, vom virtuellen Leben, in dem es kein richtiges gibt, von Facebook als dem Opium des Volkes und von Google, als falschem Kompass einer offenen Gesellschaft. Das mit der gegenseitigen Offenheit und Verführung ist ein nobles Unterfangen.
    Nun ist diese Absichtserklärung ja schon ein paar Jahre her.
    Mich würde interessieren, was daraus geworden ist. Was hat sich davon für Sie erfüllt; was ist gelungen? Wo wurden Sie enttäuscht? Verhärtet und radikalisiert man sich nicht im Laufe der Zeit? Kann man diese Haltung angesichts all der Ablehnung und Häme, die einem entgegenschlagen, durchhalten? Wo sehen Sie, trotz all dem Hass die versöhnenden Elemente zwischen Links und Rechts? Anderswo las ich bei Ihnen "Für ein Europa der Völker". Nun ja; der Neoliberalismus der Reichen und Mächtigen benutzt uns nur und macht uns mit Sicherheit unsouverän und kaputt. Aber das Europa der Völker scheint mir auch eine anachronistische Alternative zu sein. Die Völker sind nicht immer nett zueinander. Sie achten einander nur selten, sie unterwerfen sich gegenseitig gerne und benutzen sich ebenso, wie die Geschichte uns lehrt.
    Wie soll ich da annehmen, dass ein Europa der Völker eine weisere und humanere Lebensweise hervorbringen soll, als die gegenwärtige? Es wird wieder Gewinner und Verlierer geben und die Verlierer werden nur die machtlose Wahrheit haben, während die Gewinner die Macht haben Ihre Lügen zur Wahrheit zu erklären und ihre Abscheulichkeiten zu begehen.
    Doch trotz all der Härte und Unfairness in den politischen Auseinandersetzungen steht diese Absichtserklärung immer noch ganz oben auf Ihrer Webseite und trotz unserer schlechten Erfahrungen mit den Völkerfrühlingen werben Sie mit diesem Motto.
    Es wäre schön, wenn Sie mir das mal zusammenbrächten. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.
    Herzliche Grüße – Tobias

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel