Der unsichtbare Prophet: Eine Reise nach Aserbaidschan

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Land der Wunder: Aserbaidschan ist ein muslimisch dominierter Staat, aber man sieht keine Kopftücher auf den Straßen. Wie ist das möglich? Eine Spurensuche in Baku. Auszug aus COMPACT 4/2020.

_ von Christiane Klier

«Baku ist die einzige muslimische Stadt weltweit, in der einer Frau ein Denkmal errichtet wurde, die ihren Tschador wegwirft. Jeder sollte die Bedeutung dieses Denkmals kennen. Für mich ist es ein Schlüsselsymbol unseres Landes. Aber eines, das sprichwörtlich nicht in Stein gemeißelt ist. Daher sollten wir Pilgerreisen dorthin unternehmen und dessen historische Bedeutung würdigen», schrieb der aserbaidschanische Dichter Rasim Garaja. Grund genug für mich, diese Stadt zu besuchen – ein geeigneter Anlass waren die Parlamentswahlen am 9. Februar.

Drei Tage bin ich kreuz und quer in der Hauptstadt herumgefahren und herumgelaufen, aber ich habe tatsächlich kein einziges Kopftuch gesehen! Auf dem Land mag es ein wenig anders sein, doch die einzige Kopftuchfrau, der ich während meines Aufenthaltes begegnete, war eine saudische Touristin in unserem Hotel. Wie ist das möglich – gelten doch die Sitten der in Aserbaidschan vorherrschenden Schiiten, wie man aus dem Iran weiß, als überaus streng? Mubariz Gurbanli, Vorsitzender des Staatlichen Komitees für religiöse Angelegenheiten, klärt mich auf: Das Land ist religiös wie ethnisch ein Schmelztiegel. Deutsche Siedler bauten beispielsweise protestantische Kirchen, es gibt insgesamt 35 nicht-muslimische Gemeinden und gleichzeitig mehr als 2.000 Moscheen.

Selbstbewusst: Die Frauen des Landes zeigen gerne Gesicht.
Foto: picture alliance / AA

Doch Aserbaidschan ist auch traditionell säkular: Bereits in vorislamischer Zeit setzte man sich hier für Frauenrechte ein, die Vielweiberei konnte sich nicht durchsetzen. 1806 wurde dieses Randgebiet der muslimischen Welt Teil des russischen Imperiums. 1859 wurde Baku Hauptstadt des gleichnamigen transkaukasischen Gouvernements. Nachdem 1872 mit Ölbohrungen begonnen worden war, wuchs die Einwohnerzahl schnell. In den Wirren nach der Oktoberrevolution zerfiel das Imperium, 1918 wurde die Aserbaidschanische Demokratische Republik gegründet – und das Frauenwahlrecht eingeführt, etwa zeitgleich wie in der Weimarer Republik. Als die Rote Armee zwei Jahre später einmarschierte, war es schon wieder vorbei mit der Unabhängigkeit – aber die Frauenemanzipation wurde nicht angetastet. Lenin erklärte Baku zum «Vorposten des Sozialismus im Orient», hier fand der kommunistische «Kongress der Völker des Ostens» statt, auf dem Marxens berühmte Parole um einen entscheidenden Passus erweitert wurde: «Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt Euch!» Fortan wurden alle Religionen als Ausdruck einer rückständigen Vergangenheit bekämpft. Auch das eingangs beschriebene Denkmal stammt aus der sozialistischen Ära, die im Chaos der Gorbatschow-Reformen unterging. 1991 wurde der Unionsverbund aufgelöst, viele Teilrepubliken proklamierten sich zu selbständigen Staaten, darunter auch Aserbaidschan.

Obwohl als sogenanntes Turkvolk der Türkei sehr nah, dulden die Aseris den politischen Islam nicht. Erdogans Emissäre können in diesem Land nicht, wie in Deutschland, Scharia und Fatwas predigen, die Moscheen werden engmaschig überwacht. Die erst 1992 mit türkischen Mitteln erbaute Sehidler-Moschee wurde 2009 geschlossen. Wer sich nicht an die gesetzlich verankerte Trennung von Staat und Religion hält, landet im Knast. Der Terror von salafistischen Terroristen aus dem angrenzenden Dagestan und Tschetschenien konnte so ebenso eingedämmt werden wie zahlreiche Versuche des IS, das Land zu infiltrieren. Der gütige Vorsitzende mit dem verschmitzten Lächeln verschweigt mir jedoch, dass er und seine Familie vor einem Jahr nur mit Personenschutz aus dem Haus gehen konnten, da er sich mit seinem harten Durchgreifen bei den Islamisten äußerst unbeliebt gemacht hatte. Doch das scheint überstanden. Zum Abschied sagt er mir zuzwinkernd: «Religion ist kein Spiel. Man muss sie stets kontrollieren, sonst wird sie gefährlich. Ich lebe nach dem Motto: Religion ist eine private Angelegenheit zwischen mir und Gott.»

Eine Familiendynastie

Präsident Ilham Alijew regiert das Land seit 2003 mit fester Hand. Er übernahm das Amt von seinem Vater Haydar, der ab 1994 Aserbaidschan vom post-sozialistischen Umbruch dank erheblicher Öl- und Gasvorkommen in relativen Wohlstand führte.
Trotzdem war es eine Überraschung, als die Stadtrundfahrt unsere kleine Gruppe zu der von Alijew Junior für Alijew Senior errichteten Gedenkstätte führte. Schöpferin des riesigen Komplexes war keine Geringere als Zaha Hadid, die wohl bekannteste Architektin weltweit. Alles ist weiß, es gibt weder innen noch außen rechte Winkel oder gerade Kanten, alles fließt. Beim Hinaufsteigen der breiten Treppe wird mir schwindelig. Nicht nur, weil das Auge sich nirgends festhalten kann, sondern weil ein anderer Teil des Hirns die Tatsache verdauen muss, dass sich die Herrscherfamilie einfach so inmitten der Hauptstadt einen teuren Tempel errichtet hat. Oben angekommen, geleitet uns Museumsführerin Zeyneb die Installationen entlang: mit neuester Technik dargestellte aserbaidschanische Geschichte, aber vor allem ikonenhafte Bilder der Heldentaten von Alijew Senior. Selbst Zeyneb wirkt am Ende der Tour ein wenig erschöpft.

Auch die Innenstadt ist luxuriös – wohin das Auge blickt, nur edelste Boutiquen: Prada, Gucci, Chanel säumen den berühmten Baku Boulevard mit teuren Shopping Malls, Cafés, Rummelplatz und Jachthafen. Die Straßen sind alle neu asphaltiert, unglaublich breit und extrem sauber. Nirgends liegt Müll, trotz diverser Streuner sind nicht einmal Hundehaufen zu sehen. Die Architektur ist eine bunte Mischung aus Sowjet-Platte, stalinistischem Zuckerbäckerstil wie in der Frankfurter Allee im Osten Berlins sowie ganz alten und kleinen Häusern neben den Glas- und Stahlfassaden zahlreicher Wolkenkratzer. (…) [Ende des Textauszugs]

Christiane Klier war als Wahlbeobachterin in Aserbaidschan. Ihren vollständigen Bericht finden Sie mit Zugang über Digital+ HIER und in der April-Ausgabe von COMPACT. Das Heft mit dem Titelthema „Sie kommen! Die neue Asylflut im Schatten von Corona“ und dem ausführlichen Dossier „Corona, Crash und Chaos“ kann schon jetzt in unserem Online-Shop bestellt werden. Klicken Sie einfach HIER oder auf das Bild unten.

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8 Kommentare

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    Sorry, hab’s mit Kasachstan verwechselt: Dort steht die Pyramide =Satans Astana – Hauptstadt der Neuen Weltordnung. Die andere Kritik aber stimmt …

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    Naiv – oder Werbung für Faschisten? Oder einfach nur schlecht recherchiert? Wahlen – was für ein Witz?! Es gibt dort den größten Satanstempel der NWO! Und dieses Clan-Ekel tut alles, um sich bei der "Black Nobility" einzuschleimen; da ist der Islam (als satanistische Sekundärreligion) sowieso ziemlich egal …
    Schande! Das Schlüsselwort heißt Öl – davor kuscht ein Jeder …

    Noch heute schießen Sie auf die Armenier/ Christen, mit denen es keinen Friedensvertrag gibt. Wem das Land gehört kann man leicht an den alten, tausendjährigen Steinkirchen erkennen …

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    Sachsendreier am

    Super Beitrag und total interessant. Dass es derartige Modernität in einem muslimischen Land gibt, ist wirklich erstaunlich. Wie toll wäre es, hätte sich Erdogan davon inspirieren lassen. Da hätten wir in Deutschland auch was davon.

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    heidi heidegger am

    sehr witzig! Ihr wisst, dass mein Stamm der heidis7Sokis/Tiffis in gutem Einvernehmään steht mit ditt Stamm d. Sonneborns/DIE PARTEI und auch bissi titanic, so lasset mich zitierään:

    — Bestens gelaunt verlasse ich nach den Abstimmungen den Plenarsaal, werde dabei von Katarina Barley überholt, die mit einer Assistentin schnellen Schrittes an mir vorbeizieht. »Wo ist der Fototermin? Im dritten Stock?« fragt die Assistentin energisch, bleibt stehen, schaut sich in dem doch recht komplexen Gebäude um, richtet den Blick dann nach oben: »Wo ist der dritte Stock?« Auch wenn die Damen zur politischen Konkurrenz gehören, will ich nicht unhöflich sein: »Der dritte Stock ist zwischen dem zweiten und dem vierten. Aber: Es ist zu spät für Fototermine!« Während die Assistentin mich irritiert fixiert, lächelt Barley mich an und sagt mit leichter Resignation in der Stimme: »Es ist zu spät für alles.« —

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    heidi heidegger am

    sehr witzig! Sonneborn (der Lurch war in Arzach!!) wurde von dorten angelabert..gleich berichte isch mehr davon, hihi..

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      heidi heidegger am

      Teil 3

      »Mr. Sonneborn?« Ich blicke auf: »Wer will das wissen?« Zwei eher unseriös wirkende Herren stehen vor mir und lächeln mich sympathieheischend an: »Wir sind aus Aserbaidschan …« »Herzlichen Glückwunsch. Ich bin ein Bewunderer Ihrer autoritären Staatsform.« »Oh, ja, gut. Wir möchten Sie gern einladen, nach Baku.« Das überrascht mich, immerhin stehe ich seit unserer ersten Bergkarabach-Reise* auf Diktator Aliyevs Schwarzer Liste und vermeide bei Reisen Zwischenlandungen in Baku genauso wie in der Türkei. »Interessante Idee. Würde ich zurückkommen?« Die beiden Galgengesichter schauen sich an, grinsen vielsagend, dann sagt der eine: »Also, wenn es Ihnen soooooo gut gefällt, können Sie auch dort bleiben!« Ein guter Witz, finde ich, zumindest wenn man weiß, dass der Reise-Blogger Alexander Lapshin nach einem öffentlichkeitswirksamen Besuch in Bergkarabach von einer aserbaidschanischen Sondereinheit entführt und in Baku im Gefängnis fast zu Tode gefoltert wurde.

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        heidi heidegger am

        Teil 4

        »Wir können gerne in Brüssel darüber sprechen, bitte mailen Sie einfach meinem Assistenten.« Dann widme ich mich wieder meiner Torte und denke noch ein wenig über die Einladung nach. Wahrscheinlich geht es ja doch eher um Bestechung als um eine handgreifliche Revanche für unseren Arzach-Besuch, eine geschmackvolle Gucci-Herrenhandtasche voller Geld vielleicht. Ich sollte mich mal mit Karin Strenz von der CDU austauschen, im Europarat genießt die hochkorrupte CDU-Bundestagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern zwar längst lebenslanges Hausverbot, der Deutsche Bundestag aber hat bisher keinerlei Sanktionen gegen sie erlassen.

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