Er war auf dem Fußballplatz unglaublich, und er ist ein bodenständiger Mensch, der eine Zeit verkörpert, in der auch Leistungssport noch Identifikationsfiguren hervorbrachte, solche wie Horst Hrubesch, der heute 75 Jahre alt wird. Unser Spezialheft „Nationalsport Fußball“, erhältlich noch als E-Paper, erinnert auch an seine Zeit. Hier mehr erfahren.

    24. April 1982. In der Bundesliga kommt es am 29. Spieltag im Nieselregen vor 80.000 Zuschauern zum Spitzenspiel zwischen München und Hamburg. Das Olympiastadion brodelt. Für den FC Bayern ist es die letzte Chance, noch in den Meisterschaftskampf eingreifen zu können. Entsprechend entschlossen gehen es die Roten an und führen nach einer Stunde mit 3:1.

    Aber an diesem 24. April kommt alles ganz anders und der HSV zunächst auf 2:3 heran. Dann geht der Vorhang auf für Horst Hrubesch. Die Schlussviertelstunde gehört Hamburgs unverwechselbarer Nummer neun. Er markiert kurz vor Schluss das 3:3, und ganz Hamburg liegt ihm zu Füßen. Sein Tor vollendet eine famose HSV-Aufholjagd, dachten jedenfalls alle. Doch das letzte Wort war noch nicht gesprochen. In unnachahmlicher Art und Weise netzt er in letzter Minute mit dem Kopf auch noch zum 4:3. Tausende Hamburger in München im Freudentaumel sind die Folge! Der HSV wird Deutscher Meister!

    Seltene Erfolge

    Zur historischen Einordnung dieses 24. April 1982 ist festzuhalten, dass am gleichen Tag die junge Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ den europäischen Schlager-Grandprix gewinnen konnte. Beide Ereignisse, also HSV-Sieg in München und der Singsang-Triumph, sollten so rasch nicht wiederholen. Hamburg gewann erst im Jahre 2006 wieder bei den Bayern, und Schlager-Fuzzies mussten bis zum 2010 warten, ehe die niedliche Lena Meyer Landrut den Erfolg für Deutschland erneuern könnte.

    Diese Fußball- und Musik-Parallele ist Horst Hrubesch bekannt, ich habe sie ihm selbst erzählt, und zwar am Rande einer HSV-Mitgliederversammlung. 2013 könnte das gewesen sein . Bis dahin hatte ich seinen Weg intensiv verfolgt.

    Deutsche-Fahnen-zur-Fußball-EM
    Leidenschaft, Begeisterung, Patriotismus: Worum ei bei Fußball eigentlich geht, wird zunehmend verdrängt.

    Am 5.2.1977 hatte der Hamburger SV die Elf von Rot-Weiss Essen mit 5:3 bezwungen – und alle drei Treffer für die Gäste aus dem Ruhrpott gelangen diesem blonden Hünen. Eine Saison später kickte er dann selbst in Hamburg. Und wie! Er prägte von seinem ersten Tag mit der HSV-Raute an die größte Ära der HSV-Vereinsgeschichte.

    Der ehrliche Arbeiter

    Den fußballerischen Erfolg hatte er sich Schritt für Schritt erarbeiten müssen. Er war eben kein Netzer oder Beckenbauer, kein Star, kein filigraner Techniker. Aber er lieferte auf und neben dem Fußballplatz immer ehrliche Arbeit ab. Der am 17. April 1951 in Hamm geborene Westfale verkörpert wie kaum ein anderer den Fußball-Malocher.

    Bevor er an eine große Karriere dachte, stand er auf Baustellen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Fliesenleger, später arbeitete er jahrelang als Dachdecker. Fußball war seine Leidenschaft, nicht sein Lebensplan. Erst als 24-Jähriger gelang ihn der Sprung in die Bundesliga. In Hamburg entwickelte er sich dann rasch zum gefürchteten Stoßstürmer.

    Zwei Tore zum EM-Titel

    Gleich in seiner ersten Saison wurde er mit dem HSV Meister; der erste Bundesliga-Titel des Vereins! Gemeinsam mit Kevin Keegan begeisterte er und schoss gleich in seiner ersten Spielzeit 13 Tore. In der Folgezeit war er der Garant für zwei weitere HSV-Meistertitel, wurde 1983 Torschützenkönig der Liga und erlebte dann den Höhepunkt seiner Vereinslaufbahn mit dem Europapokalsieg gegen Juventus Turin Ende Mai 1983 in Athen. Sein Einsatz und seine Willenskraft konnten Berge versetzen.

    Legendär wurden die vielen Tore, die er per Kopf nach „Bananenflanken“ seines Mannschaftskameraden Manfred Kaltz einschädelte. Nach seinem Erfolgsrezept gefragt, sagte er in einem heute noch berühmten Interview die bemerkenswerten Worte: „Manni Flanke, ich Kopf – Tor!“ Fußball kann nämlich ganz einfach sein. Ein Mann umfangreicher Sprechblasen war er nie, es war immer seine Authentizität, die ihn auszeichnete.

    Natürlich war er auch in der deutschen Nationalmannschaft gefragt. Dort hatte er aber immer große Konkurrenz. Dennoch blickt er auf 21 Länderspiele und sechs Tore mit dem Adler auf der Brust zurück. Seine wichtigsten Treffer gelangen ihm im Endspiel um die Europameisterschaft 1980 unter Trainer Jup Derwall in Rom, die zum 2:1-Erfolg gegen Belgien und somit zum EM-Sieg führte. 1982 wurde er mit der Nationalelf zudem Vize-Weltmeister.

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    Später war er bei verschiedenen Vereinen in der BRD, Österreich und der Türkei als Trainer tätig. Wertvolle Tätigkeit lieferte er zwischen 2000 bis 2026 in der Jugendarbeit beim DFB ab.. 2009 gewann er die Europameisterschaft mit der U21-Nachwuchsauswahl.

    In Erinnerung aber bleibt vor allen Dingen seine Zeit als Kopfballungeheuer. Hrubesch war nie ein Spieler, der sich schonte. Er ging in jedes Duell mit voller Überzeugung, stellte sich in den Dienst der Mannschaft und lebte das, was man heute oft vermisst: echte Hingabe. Seine Karriere endete 1985 nach intensiven Jahren. Auch seine letzten Worte haben Fußball-Geschichte geschrieben: „Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!“

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