Frieden auf dem Papier, Feuer im Südlibanon: Washington vermeldet eine neue Waffenruhe zwischen Israel und dem Zedernstaat. Doch noch während die Tinte trocknet, melden libanesische Behörden erneute israelische Drohnenangriffe. Alle Hintergründe liefert unsere Ausgabe «Zions Höllenritt. Wie Netanjahu die USA in den Untergang reißt», die schonungslos mit der Kriegstreiberei aufräumt. Hier mehr erfahren.
Am 2. März 2026 feuerte die Hisbollah Raketen auf den Norden Israels, als Antwort auf den US-israelischen Angriff gegen den Iran. Seitdem herrscht Krieg im Zedernstaat. Nun vermeldet Washington eine neue Vereinbarung: Israel und die libanesische Regierung haben sich auf einen Rahmen geeinigt, der die Kämpfe beenden soll. Sogenannte Pilotzonen im Süden des Landes sollen eingerichtet werden, in denen ausschließlich die reguläre libanesische Armee die Kontrolle ausübt. Die Hisbollah soll sich dabei hinter den Litani-Fluss zurückziehen. In der gemeinsamen Erklärung Israels und der libanesischen Regierung heißt es:
«Diese Schritte werden Fortschritte hin zu einem umfassenden Friedens- und Sicherheitsabkommen ermöglichen.»
Problem: Wer bei den Gesprächen fehlte, war jene Partei, gegen die Israel seinen Krieg führt: Die Hisbollah saß nicht mit am Tisch.
Das Abkommen
Die Vereinbarung sieht die Einrichtung sogenannter Pilotzonen im Süden des Libanons vor, in denen ausschließlich die reguläre libanesische Armee die Kontrolle ausübt. Die Hisbollah soll sich hinter den Litani-Fluss zurückziehen, ein Gebiet, das bis zu 30 Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Ob zeitlich befristet oder dauerhaft, blieb offen. Die nächsten Gespräche sind für die Woche ab dem 22. Juni angesetzt.
Israels Verteidigungsminister Israel Katz sprach von «großen Errungenschaften». Die Einigung sei «eine Reflexion der Realität, die wir bisher im Libanon geschaffen haben», und enthalte nach seiner Auslegung nicht nur die Verpflichtung zur Entwaffnung der Hisbollah, sondern auch die fortgesetzte Präsenz der israelischen Armee in einer Sicherheitszone» mit «Einsatzfreiheit».
Trump hatte bestätigt, mit Netanjahu ein angespanntes Telefonat über die ausgeweitete Militäroffensive im Libanon geführt zu haben, und angekündigt, die Gespräche über den Libanon-Konflikt von den Verhandlungen über den Iran-Krieg trennen zu wollen. Nicht so einfach, wie sich zeigt. Beide sollen am Apparat heftig aneinandergeraten sein, Trump soll Netanjahu sogar beleidigt und als «verrückt» bezeichnet haben.
Zwischen beiden Ländern herrschte bereits offiziell eine Waffenruhe, die faktisch nahezu komplett ignoriert wurde. Die Regierung in Beirut ist formal keine Kriegspartei. Die Hisbollah ist eine eigenständige, bewaffnete Miliz mit eigener Kommandostruktur, eigenen Haushalt und eigener Agenda, parlamentarisch vertreten, aber dem Staat nicht unterstellt. Sie werden hauptsächlich durch den Iran finanziert und ausgerüstet. Premierminister Nawaf Salam hat nur begrenzte Kontrolle über die Miliz, die hauptsächlich im Süden des Landes das Sagen hat, konstant im Krieg mit der israelischen Armee (IDF) steht.
Nun verdichten sich die Anzeichen, dass auch der nächste Friedensanlauf scheitern könnte. Noch in der gleichen Nacht starb ein UNIFIL (UN-Friedensmission im Libanon)-Soldat bei einem Mörserwurf nahe Mardsch Ujun. UNIFIL meldete zuletzt eine «zunehmend hohe Zahl» an Einschlägen im Südlibanon. Am Morgen berichtete die staatliche libanesische Nachrichtenagentur NNA von mindestens zwei israelischen Drohnenangriffen auf Fahrzeuge im Süden des Landes. Das israelische Militär äußerte sich zunächst nicht.
Die Hisbollah und der Litani
Die Hisbollah ist Israels eigene Schöpfung. Als die IDF 1982 bis Beirut vormarschierte, die PLO-Führung vertrieb und den Süden des Landes 18 Jahre besetzte, entstand aus dem Widerstand gegen die Besatzung jene Miliz, die Israel heute bekämpft, aufgebaut und finanziert durch den Iran, der in ihr eine schiitische Alternative zur säkularen PLO sah. Der Libanonkrieg 2006 bestätigte, was Israel seitdem nicht vergessen hat: Dieses Terrain kennt keinen Sieger. Nach wochenlangen Kämpfen musste die IDF abziehen, ohne ihr Ziel erreicht zu haben.
Nach dem Israel-Gaza-Krieg im Oktober 2023 begannen erneut Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah. Im Oktober 2024 folgte eine israelische Bodenoffensive im Südlibanon, und im November 2024 eine Waffenruhe, die von Anfang an brüchig war. Israel führte nahezu täglich Luftschläge durch, die Hisbollah baute ihre Infrastruktur wieder auf und räumte das Gebiet südlich des Litani nicht. Als Israel und die USA am 28. Februar 2026 den Krieg gegen den Iran begannen, feuerte die Hisbollah erneut Raketen auf den Norden Israels, die letzte Waffenruhe war Geschichte.
Seit dem 2. März 2026 rückt die IDF erneut vor. Verteidigungsminister Israel Katz hat die Strategie kurz darauf offen benannt: Gebäude und Infrastruktur in den libanesischen Grenzdörfern sollen zerstört werden, «im Einklang mit dem Modell, das wir in Rafah und in Beit Hanun im Gazastreifen angewandt haben». Siedlungsminister Bezalel Smotrich formulierte es noch direkter:
«So wie wir 55 Prozent des Gazastreifens kontrollieren, müssen wir dasselbe im Libanon tun.»
In den vergangenen Tagen hat Israel den Umfang seiner Einsätze erheblich ausgeweitet. Truppen überschritten an zahlreichen Stellen den Litani, der bislang als faktische Grenze galt, und erklärten das Gebiet bis zum Fluss Zahrani, rund 40 Kilometer nördlich der israelischen Grenze, zur Kampfzone. Die Bewohner von Nabatiyeh, einem wichtigen Zentrum im Süden des Landes, wurden zur Evakuierung aufgefordert, ebenso die Einwohner der Küstenstadt Tyrus, der viertgrößten Stadt des Landes. Burg Beaufort, Symbol der israelischen Besatzung der 1980er Jahre, ist erneut in israelischer Hand. Khiam, die Hisbollah-Hochburg auf den Hügeln über Galiläa, hält stand. Der Kampf um die Stadt dauert seit Anfang März, ein Symbol des Widerstands, das die IDF bisher nicht brechen konnte.
Am 17. April einigte sich Trump auf eine zehntägige Waffenruhe. Ein Hisbollah-Vertreter nannte sie «bedeutungslos», da Israel sie wiederholt brach. Am 22. Mai verlängerten Israel und der Libanon die Waffenruhe um 45 Tage, die israelische Armee griff weiterhin täglich Ziele im Libanon an.
Der Blutzoll ist furchtbar. Seit Kriegsbeginn wurden über 2.000 Menschen getötet, fast 1,2 Millionen vertrieben, ein Fünftel der gesamten libanesischen Bevölkerung. Unicef schätzt: Mindestens 370.000 Kinder sind allein im Libanon auf der Flucht. Dr. Eveline Hitti, Leiterin der Notaufnahme an der American University of Beirut, nennt die Zahlen: «In der Ukraine sind weniger als ein Prozent der Kriegsopfer Kinder. Im Libanon sind es 14 Prozent. Im Gazastreifen 30.»
Trumps gordischer Knoten
Der Libanon-Konflikt und der Iran-Krieg sind nicht voneinander zu trennen. Ein zunehmender Klotz am Bein des US-Präsidenten. Teheran macht zur Bedingung für weitere Gespräche, dass Jerusalem seine Angriffe auf die Hisbollah einstellt. Trump hingegen besteht darauf, beide Konflikte «getrennt» zu behandeln. Solange Israel im Libanon kämpft, blockiert das den Weg zu einem Rahmenabkommen mit dem Iran. Und dieses nicht existiert, hat die Hisbollah keinen Grund, die Waffen niederzulegen.
Noch gestern, dem Tag der Washingtoner Erklärung, lieferten sich die USA und der Iran eines der schwersten Feuergefechte seit Beginn der Waffenruhe. Iranische Revolutionsgarden feuerten Raketen und Drohnen auf US-Militärstützpunkte in Kuwait und Bahrain.
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