Eine Weltregierung, künstliche Menschen und rätselhafte Wesen, die grausam töten: COMPACT-Autor Michael Kumpmann entwirft in seinem Science-Fiction-Romandebüt «Dimensional Prophecy of Zohar Redux» eine düstere Zukunftsvision. Doch hinter dem Cyberpunk-Horror verbirgt sich eine philosophische Reise zu den Grenzen des Menschseins. Hier mehr erfahren.
Unsere Erde in nicht allzu ferner Zukunft: Automatisierte Fabriken, intelligente Roboter, künstliche Menschen und hochentwickelte Computersysteme prägen den Alltag. Die Menschheit hat den Mars kolonisiert und sich unter einer Weltregierung zusammengeschlossen. Doch die technologisch überlegene Zivilisation wird von einem Schrecken heimgesucht, den sie weder begreifen noch beherrschen kann.

Seit Jahren terrorisieren rätselhafte Wesen, sogenannte Caine, die Menschheit. Erstmals traten sie bei einem verheerenden Angriff auf eine Marskoloniein Erscheinung. Ihre Gestalt widerspricht allen bekannten Naturgesetzen. Sie tauchen unvermittelt auf und setzen tödliche elektromagnetische Strahlung frei. Besonders verstörend: Einige Gewebeproben weisen dieselbe DNA wie Menschen auf. Sind die Caine also selbst Menschen – oder etwas, zu dem sich die Menschheit erst noch entwickeln wird?
Die einzige wirksame Verteidigung ist der Riemann-Szabi-Rosenberg-Algorithmus. Er kann das Auftreten der Wesen mit erstaunlicher Genauigkeit vorhersagen. Seine unter dem Codenamen «Gnosis» klassifizierten Berechnungen retten zahllose Menschenleben. Doch plötzlich produziert das Programm widersprüchliche Ergebnisse. Als die Caine-Angriffe zunehmen, droht der japanischen Metropole Kyoto die vollständige Vernichtung: Die Weltregierung erwägt, die Stadt mit Wasserstoffbomben auszulöschen.
Cyborgs und Androiden

In dieser Situation trifft die junge Karala Yagiyu in Kyoto ein. Wegen ihrer mathematischen Begabung wurde sie an das Carl-Friedrich-Gauß-Institut berufen, wo sie den fehlerhaften Algorithmus verbessern soll. Dort begegnet sie Madoka Michael, einem weißhaarigen Mädchen mit außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten, dessen Gehirn allerdings medikamentös stabilisiert werden muss. Hinzu kommt Hilal, eine erfahrene Wissenschaftlerin, deren Körper umfangreich kybernetisch modifiziert wurde.
In Hilals Wohnung befindet sich außerdem Kisaria, ein funktionsunfähiger weiblicher Android. Äußerlich einem Menschen zum Verwechseln ähnlich, besitzt sie weder Bewusstsein noch eigene Wünsche. Für Karala wird die künstliche Frau zum Spiegel ihrer eigenen seelischen Leere.
Während die Wissenschaftler nach einer Lösung suchen, ereignet sich ein weiterer grausamer Caine-Angriff. In einem Apartment wird ein Mensch regelrecht zerfetzt. Über den Überresten schwebt eine monströse Erscheinung, die einem riesigen, von lebendigem Gewebe umgebenen Auge ähnelt. Am Tatort entdecken die Ermittler biologische Substanzen, die sich selbstständig verändern und neue Organismen bilden. Der Countdown zur Vernichtung Kyotos läuft. Den Wissenschaftlern bleiben nur wenige Stunden.
Mit Heidegger durch die Galaxis
Dies ist der Ausgangspunkt von «Dimensional Prophecy of Zohar Redux», dem Romandebüt von COMPACT-Autor Michael Kumpmann. Was zunächst wie eine Mischung aus Science-Fiction, Cyberpunk, Mystery-Thriller und kosmischem Horror erscheint, entpuppt sich als philosophisches Gedankenexperiment über Angst, Freiheit und die Natur der Wirklichkeit.
Die Idee entstand bereits um 2004. In zwei autobiografischen Beiträgen für das Portal «Multipolar Press» beschreibt Kumpmann, wie ihn japanische Anime-Serien und Videospiele zur Philosophie führten. Besonders «Neon Genesis Evangelion», «Ghost in the Shell» und «Xenogears» hinterließen ihre Spuren. Hinzu kamen Science-Fiction-Klassiker von Philip K. Dick, Stanisław Lem und H. P. Lovecraft.

All dies hat der Autor auch schon in seinen Beiträgen für das COMPACT-Magazin behandelt. Michael Kumpmann, Jahrgang 1987, ist Informatiker und Programmierer. Für COMPACT befasst er sich mit philosophischen Themen, Kulturphänomenen, Animes und Mangas, Science-Fiction, Okkultismus und Esoterik sowie mit moderner Netzkultur.
Sein Science-Fiction-Roman «Dimensional Prophecy of Zohar Redux», für den er auch das Artwork beisteuerte, ist vor allem von Martin Heidegger geprägt. Dessen Vorstellung der «Geworfenheit» beschreibt den Menschen als Wesen, das sich ungefragt in einer Welt wiederfindet, deren Bedingungen es nicht selbst gewählt hat. Romanheldin Karala verkörpert diese existenzielle Verunsicherung. Sie fürchtet den Tod, verachtet sich selbst und zweifelt am Sinn ihres Daseins. Ihre Begegnungen mit den Caine zwingen sie, sich der eigenen Freiheit und Verantwortung zu stellen.
Ebenso zentral für Kumpmanns belletristisches Erstlingswerk ist Heideggers Begriff des «Gestells»: Die moderne Technik lässt die Welt zunehmend als berechenbaren, kontrollierbaren Bestand erscheinen. Doch ausgerechnet die Caine führen vor einem Augen, wie brüchig dieser Herrschaftsanspruch ist.
Menschen und Maschinen
Damit berührt Kumpmann eine der großen Fragen des Transhumanismus: Was bleibt vom Menschen, wenn sein Körper und schließlich auch sein Bewusstsein technisch reproduzierbar werden? Hilal ist bereits ein Cyborg. Ihre Implantate ermöglichen es ihr, Belastungen zu überstehen, die einen gewöhnlichen Menschen töten würden. Die Androidin Kisaria dagegen besitzt einen künstlichen Körper, aber offenbar kein Bewusstsein. Madokas außergewöhnliche Intelligenz wiederum erweist sich zugleich als Gabe und gesundheitliche Bürde.
Wo verläuft die Grenze zwischen Mensch und Maschine? Kann ein künstliches Wesen eine Seele besitzen? Und ist das menschliche Bewusstsein womöglich selbst nichts anderes als ein biologischer Computer? Im Roman werden diese Fragen ausdrücklich mit Alan Turing, Kybernetik und der mathematischen Berechenbarkeit menschlichen Verhaltens verbunden. Die Möglichkeit eines vollständig determinierten Universums steht im Raum: Wenn sich selbst die Caine berechnen lassen, warum dann nicht auch Gedanken, Gefühle und Entscheidungen?
Kabbala, Gnosis und Tyrannis

Noch geheimnisvoller wird es, wenn man den metaphysischen Unterbau des Romans betrachtet. Schon der Titel enthält einen deutlichen Hinweis: Der «Zohar» ist eines der Hauptwerke der jüdischen Kabbala. Er behandelt die verborgenen Dimensionen der Schöpfung und das Verhältnis zwischen göttlicher Wirklichkeit und menschlicher Erkenntnis.
Auch der Codename «Gnosis» ist kaum zufällig gewählt. In den spätantiken gnostischen Lehren bezeichnet er eine besondere Erkenntnis, durch die der Mensch die verborgene Wahrheit hinter der sichtbaren Welt erschließen kann. Im Roman übernimmt ausgerechnet ein mathematischer Algorithmus diese Funktion.
Die Caine selbst erscheinen wie Wesen aus einer anderen Seinsebene. Bei einem Angriff äußert eines von ihnen die biblische Formel vom «Alpha und Omega» , dem Anfang und Ende aller Dinge. Sind diese Kreaturen bloß außerirdische Monster? Oder Manifestationen einer höheren, vielleicht sogar göttlichen Ordnung?
Weitere Anspielungen reichen von buddhistischen Vorstellungen der Vergänglichkeit über Yin und Yang bis zu freimaurerischen Chiffren und esoterischer Literatur. In der Bücherwelt der Protagonisten begegnen uns unter anderem René Guénon, Julius Evola, Manly P. Hall und Oswald Spengler. Gerade Guénons Kritik an der modernen Herrschaft der Quantität steht in einem spannungsreichen Gegensatz zur Leitidee des Romans: Alles ist Zahl.
Zu guter Letzt bleibt auch die politische Ordnung nicht ausgespart. Die Caine-Bedrohung dient als Rechtfertigung für Überwachung, Einschränkungen der Freiheit und drastische Sicherheitsmaßnahmen. Hinter der scheinbar befriedeten Weltgesellschaft lauert eine technokratische Herrschaft, die im Namen des Überlebens bereit ist, Millionen Menschen zu opfern.
Das Grauen hinter der Wirklichkeit
Kumpmanns Science-Fiction Roman «Dimensional Prophecy of Zohar Redux» lebt von diesem Zusammenprall gegensätzlicher Welten: Mathematik und Mystik, kalte Maschinenlogik und menschliche Verzweiflung, wissenschaftlicher Fortschrittsglaube und uraltes metaphysisches Grauen.

Die Geschichte bietet actionreiche Horrorszenen, unheimliche Begegnungen und einen Wettlauf gegen die Zeit. Doch ihr eigentlicher Reiz liegt in den Fragen hinter dem Geschehen. Was ist Wirklichkeit? Gibt es einen freien Willen? Was unterscheidet Menschen von Maschinen? Und könnte das Universum nach Gesetzmäßigkeiten funktionieren, deren Entdeckung unsere gesamte Vorstellung von Existenz erschüttert?
«Dimensional Prophecy of Zohar Redux» gibt darauf keine einfachen Antworten. Das Werk eröffnet vielmehr ein weitverzweigtes Rätsel, in dem sich Cyberpunk, Existenzphilosophie und okkulte Symbolik gegenseitig durchdringen. Wer sich auf diese ungewöhnliche Verbindung einlässt, findet weit mehr als eine futuristische Horrorgeschichte. Denn das Unheimlichste an Kumpmanns Caine ist vielleicht nicht, dass sie Menschen töten – sondern dass sie selbst Menschen sein könnten.
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