Michel Houellebecq hat sich mit einem knallharten Weckruf zurückgemeldet. In seinem Lyrikband «Der stets verlorene Kampf» spricht der Autor von «Unterwerfung» eine deutliche Warnung an die Europäer aus – wie Thilo Sarrazin: Dessen überarbeitete Neuausgabe «Deutschland schafft sich ab – Die Bilanz nach 15 Jahren» legt die wahren Fakten auf den Tisch. Hier mehr erfahren.
Seit seinem eher schwachen Roman «Vernichten» (2022) war es ziemlich ruhig geworden um den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq. Doch nun hat sich der Autor des berühmten islamkritischen Werkes «Unterwerfung» (2015) auf die literarische Bühne zurückgemeldet und zwar mit dem Lyrikband «Combat toujours perdant», der jüngst unter dem Titel «Der stets verlorene Kampf» in einer zweisprachigen Ausgabe (Deutsch/Französisch) bei DuMont erschienen ist.
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COMPACT unterstützen«Ihr Abendländer, dies ist euer Endspiel»
Doch wer meint, Houellebecq habe nur ein paar harmlose Verse niedergeschrieben, der irrt. Thematisch wandelt der unbequeme Denker in den 38 Gedichten und kurzen Prosatexte, die man wahlweise als pessimistisch oder realistisch bewerten kann, erneut auf politisch unkorrekten Pfaden.
«Unser Lebenswille hat uns verlassen», beklagt der Autor und meint damit die Europäer. Gekommen seien «Eindringlinge, die uns nicht lieben und unsere Zivilisation zerstören, ohne selbst etwas aufzubauen». Wer gemeint ist, bleibt zwar offen, dürfte jedoch klar sein. «Ihr Abendländer, die ihr leben wollt, / Ihr habt nicht mehr viele Chancen», so seine Warnung. «Dies ist euer Endspiel.»

Houellebecq fährt fort: Und er schreibt: «Ich weiß, das Ende wird traurig sein.» Wie dies nach Ansicht des Autors, der sich in «Der stets verlorene Kampf» wie gewohnt mit Liebe, Alter, Schmerz, Vergeblichkeit, Hoffnungslosigkeit, Vergänglichkeit und Tod auseinandersetzt, lässt er den Leser am Ende des 112 Seiten starken Bandes wissen: «Das Bild des Todes wächst mit den Sekunden, / Deren eintöniges Ticken in der Leere widerhallt, / Sein lepröses Gesicht verwandelt sich in ein gieriges Maul, / Meine Worte verwandeln sich in abscheuliche Schreie. // Und so scheide ich von der Welt.»
«Sie sind sind mitten unter uns»
Überraschend sei, heißt es in einer Rezension der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wie stark Houellebecqs neuer Gedichtband an Charles Baudelaires «Blumen des Bösen» (1857) erinnere, «das Gründungsdokument der modernen Lyrik». Doch anders als bei den «Fleurs du mal» benutzte der zeitgenössische Autor die traditionellen Begriffe nicht, «um eine radikale Erfahrung des Neuen zur Sprache zu bringen: Stattdessen führt er den Leser in eine desolate Ruinenlandschaft. Der eine [Baudelaire] beschwört leidend die Moderne, der andere [Houellebecq] stimmt einen schmerzerfüllten Abgesang auf die europäische Zivilisation an.»
Der FAZ-Rezensent weiter:
«Houellebecq schildert Momente einer apokalyptischen Gegenwart, in der schreckliche Ereignisse stattgefunden haben. Es ist immer wieder die Rede von ‹Überlebenden› in ‹einem verfluchten Land› (‹Die abgelegenen Landstriche›), von einer Barbareninvasion, von rätselhaften, böswilligen Wesen: ‹Sie kommen aus einer Zukunft, die nicht existieren wird›, heißt es in ‹Sie sind mitten unter uns …› und: ‹Sie sind der finstere und nie ausgesprochene Gedanke›. Das Motiv der Barbaren wird (wie andere Versatzstücke der französischen Romantik) bemüht, aber nicht so zugespitzt, dass Migrantenschelte draus würde – genauso gut können hier außerirdische Monster einer H.P.-Lovecraft-Erzählung spuken.»
Dass der Autor damit keine Aliens oder fiktive Wesen, sondern höchst irdische und reale Personen meint, dürfte außer Frage stehen. Houellebecq versteht es gekonnt, die Dinge zu umschreiben, und überlässt es dem Leser, sich seine eigenen Gedanken zu machen – auch aus Gründen des Selbstschutzes.
Unser spirituelles Vakuum
In gewisser Weise schreibt Houellebecq damit die Geschichte der «Unterwerfung» fort. Der Erfolgsroman spielt im Frankreich des Wahljahres 2022, in dem der linksliberale Polit-Mainstream endgültig ausgedient hat. Seine verbliebenen Repräsentanten unterstützen, um einen Wahlsieg des Front National [heute Rassemblement National] zu verhindern, den muslimischen Kandidaten Ben Abbes. Der hebt als neuer Präsident den Laizismus, die Trennung von Staat und Religion, auf. Für den Bildungsbereich gilt: Christliche und konfessionslose Professoren dürfen nur noch an privaten Hochschulen dozieren. An staatlichen Universitäten verlangt man die Konversion der Lehrkräfte.
Doch Houellebecq stellt klar: Die Ausbreitung des Islam im Westen folgt der Logik des Horror vacui: Europa, das seine spirituellen Wurzeln verloren hat, gibt sich dem materialistischen Wissenschaftsglauben hin, dem Konsumismus und Hedonismus, bringt nur noch «geistiges Aids» (Jean Baudrillard) hervor. Er ist ein kulturelles Vakuum, eine Suizidgesellschaft. Folglich übernimmt der Islam als spirituell aggressive Kultur, die Funktion des geistigen Überbaus. Hauptfigur des Romans, der Universitätsprofessor und Literaturwissenschaftler François, ist Prototyp des westlichen Nihilismus: Im mittleren Alter angelangt und desillusioniert, plagt ihn keinerlei Engagement oder weitreichendes Interesse mehr. Sein Hauptamüsement: sexuelle Beziehungen mit Studentinnen.
Der Wahlsieg von Ben Abbes treibt den Dozenten in verschärfte Konfrontation mit Europas kultureller Endzeit, löst Erinnerung an das eigene, vergessene Erbe aus. Vor allem, als er bemerkt, dass viele Forderungen der neuen Regierung offenbar noch vor wenigen Generationen von der katholischen Kirche vertreten wurden. Nach einer Krise konvertiert François schließlich zur Religion des Propheten. Nicht allein, um seine Rückkehr an die Sorbonne zu sichern und ein wenig spirituelle Morgenluft zu schnuppern, sondern auch in der Hoffnung, seine polyerotischen Lüste mit unterwerfungswilligen Studentinnen fortführen zu können …
«Meine Worte verwandeln sich in abscheuliche Schreie»
Houellebecq beschließt diese Zeitdiagnostik in «Der stets verlorene Kampf» mit Hoffnungslosigkeit: «Das Bild des Todes wächst mit den Sekunden, / Deren eintöniges Ticken in der Leere widerhallt, / Sein lepröses Gesicht verwandelt sich in ein gieriges Maul, / Meine Worte verwandeln sich in abscheuliche Schreie.»
Können wir das Blatt noch wenden? Immerhin meint ein Rezensent in der Welt erkennen zu können, dass sich hinter dem «Zyniker ein verkappter Romantiker verbirgt, der die Welt gerne retten würde und über den Tod hinaus wenigstens von der Schönheit, wenn nicht von den Göttern, in ein postmodernes Paradies getragen würde». Vielleicht ist ja doch ein wenig mehr drin, denn schon Hölderlin wusste: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.»
Was Houellebecq literarisch umschreibt, hat Thilo Sarrazin in Daten und Fakten gegossen: In seiner überarbeiteten Neuausgabe «Deutschland schafft sich ab – Die Bilanz nach 15 Jahren» zeigt er, dass alles noch schlimmer gekommen ist, als er vorausgesagt hatte. Hier bestellen.





