Jugendwort 2026: Die drei Finalisten stehen fest. Und manche fragen sich: Sind die jungen Leute von Sinnen? Unser Autor Michael Kumpmann nimmt die Jugend in Schutz und sagt: Wir haben es mit einer neuen Kunstform zu tun. Nachzulesen in der September-Ausgabe von COMPACT mit dem Titelthema «Die Entscheidung». Hier mehr erfahren.
Schon bei den Top-10 für das Jugendwort des Jahres 2026 wähnte sich mancher im anglisierten Absurdistan. Doch nun haben es auch noch drei englischsprachige Begriffe in die Endauswahl geschafft: «Ragebait», «Peak» und «Crashout». Bis zum 20. August konnten Jugendliche aus zehn Begriffen ihren Favoriten wählen, die drei mit den meisten Stimmen sind nun in die finale Runde gegangen. Jetzt wird wieder fleißig abgestimmt, bis zum 28. September. Die Bekanntgabe des Siegerwortes erfolgt am 10. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.
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COMPACT unterstützenDas bedeuten die Begriffe
Doch was bedeuten die drei Finalworte eigentlich? Hier die Erklärungen:
Ragebait setzt sich aus den englischen Wörtern «rage» (Wut) und «bait» (Köder) zusammen. Gemeint sind Inhalte in den sozialen Medien, die gezielt darauf angelegt sind, bei anderen Menschen Empörung hervorzurufen. Das Prinzip ist ähnlich wie beim sogenannten Clickbait: Während dies mit einer besonders reißerischen Überschrift zum Klicken verleiten soll, versucht Ragebait, das Publikum emotional zu provozieren.
Dafür eignen sich etwa absichtlich überspitzte Behauptungen, kontroverse Meinungen, im Jugendslang «Hot Takes». Der Kalkül dahinter: Wer sich ärgert, kommentiert, widerspricht, teilt den Beitrag vielleicht sogar – und sorgt damit für mehr Interaktionen und Reichweite. Der Algorithmus wiederum kann einen solchen Post dadurch noch mehr Menschen zeigen. Es geht also um Aufmerksamkeit durch Provokation.
Peak ist das englische Wort für «Gipfel» oder «Höhepunkt» und wird in der Jugendsprache als Superlativ verwendet. Ist etwas «peak», gilt es als das Beste vom Besten, also als «10 von 10» oder «besser geht es nicht». Der Begriff kann sich auf nahezu alles beziehen: einen Film, eine Serie, ein Videospiel, ein Konzert, einen Fußballmoment oder auch eine ganz alltägliche Situation. Besonders häufig taucht «peak» als Bewertung in sozialen Netzwerken auf. Ein Fan könnte etwa nach einer besonders gelungenen Szene in einer Serie unter einem Ausschnitt schreiben: «Das ist peak.»
Crashout bezeichnet hingegen das genaue Gegenteil eines besonders guten Moments: Wer einen Crashout hat oder «crashout geht», verliert komplett die Fassung, rastet aus oder reagiert extrem emotional. Der Ausdruck kommt aus der Gaming-Szene und wird inzwischen auch von jungen Leuten verwendet, die keine Affinität zu Video- und Computerspielen haben.
Dabei muss es keineswegs um einen tatsächlichen Wutausbruch gehen. Gerade im Alltag wird «Crashout» oft ironisch und übertrieben benutzt, um eine eigentlich banale Situation dramatisch darzustellen. Wer beispielsweise in einem Videospiel zum wiederholten Mal kurz vor der Endrunde verliert, könnte im Stream ankündigen: «Bro, ich geh gleich crashout!» Ebenso kann jemand sagen: «Wenn mein Akku jetzt noch ausgeht, gehe ich komplett crashout.» Der Begriff beschreibt dann eine Mischung aus Frust, Überforderung und der scherzhaften Ankündigung, gleich völlig die Kontrolle zu verlieren.
Vom Netz auf die Schulhöfe
Was auffällig ist: In diesem Jahr kamen besonders viele Ausdrücke in die engere Auswahl, die in den sozialen Medien viral gingen. Bestes Beispiel: «67», englisch ausgesprochen «Six-Seven». Die Floskel geht ursprünglich auf den 2024 veröffentlichten Song «Doot Doot (6 7)» des US-Rappers Skrilla zurück. Man vermutet einen Bezug zur 67th Street in seiner Heimatstadt Philadelphia oder einen Polizeicode.
Zum Renner wurde die Zahlenkombination allerdings erst durch ein Video des amerikanischen Jugendlichen Maverick Trevillain, der bei einem Basketballspiel spontan «Six-Seven» rief und seine Hände dazu auf und ab bewegte. Worte und Geste fanden ihren Weg ins Netz und auf die Schulhöfe, wurden millionenfach nachgeahmt.
Außer vielleicht Erwachsene zu verwirren, steckte nichts dahinter. Genau diese Bedeutungsleere dürfte jedoch einen wesentlichen Teil des Reizes ausmachen. «67» kann praktisch überall eingebaut werden und funktioniert gerade deshalb. Man muss nicht wissen, was es bedeutet, um mitzumachen. Das unterscheidet den Begriff von vielen älteren Memes. Während dort zumindest eine Pointe oder eine konkrete Referenz verstanden werden muss, ist bei «Six-Seven» die bloße Wiederholung der Witz.
Moderner Surrealismus
Doch sind solche Phänomene purer Schwachsinn? Verblödet unsere Jugend langsam? Unser Autor Michael Kumpmann erhebt in seinem Artikel «Dadaismus im Algorithmus» in der September-Ausgabe von COMPACT Einspruch und sagt: Wir haben es mit einer neuen Kunstform zu tun, die sogar Bezüge zu früheren Stilen aufweist.
Das verdeutlicht er am Beispiel des sogenannten Brainrot-Phänomens. Bekanntestes Beispiel ist «Skibidi Toilet», eine animierte Webserie des georgischen Youtubers Alexey Gerasimov. Schon die Handlung klingt wie eine Parodie auf das Phänomen selbst: Toiletten mit menschlichen Köpfen versuchen, die Welt zu erobern. Ihnen stellen sich humanoide Wesen entgegen, deren Köpfe durch Überwachungskameras, Lautsprecher oder Fernseher ersetzt wurden.
Michael Kumpmann schreibt dazu: «Der Kulturkritiker Jens Jessen argumentiert, die Serie sei weniger stumpfsinnig, als man zunächst vermute. Wer in ihr lediglich ein Zeichen des intellektuellen Verfalls sehe, mache es sich zu einfach. Tatsächlich lassen sich zumindest einzelne Szenen mit älteren Formen surrealistischer Kunst in Verbindung bringen. So erinnert eine Folge, in der Toiletten in einem Restaurant auftauchen, an eine berühmte Szene aus Luis Bunuels Film Das Gespenst der Freiheit (1974). Dort sitzen Menschen bei einem Dinner auf Klos, während die Verrichtung an einem Esstisch stattfindet. Absurdität und das bewusste Brechen gesellschaftlicher Regeln gab es schon vor Internetzeiten.»
Wiedergänger des Dadaismus
Eine Abwandlung ist das sogenannte Italian Brainrot. Seine Entstehung hängt eng mit dem Aufstieg von Künstlicher Intelligenz zusammen. Aus diesem Trend entwickelte sich 2025 eine ganze Welt animierter Figuren wie Tralalero Tralala, ein dreibeiniger Hai mit Turnschuhen, Bombardiro Crocodilo, eine Mischung aus Alligator und Kampfflugzeug oder Tung Tung Tung Sahur, ein anthropomorpher Kentongan (indonesische Schlitztrommel, durch die im Ramadan das Fastenbrechen eingeleitet wird).

Klingt alles auch irgendwie absurd. Doch auch dafür sieht Kumpmann Vorläufer, wenn er schreibt: «Brainrot ist eine zeitgenössische Form des Dadaismus. Deren Vertreter reagierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf eine Welt, die ihnen angesichts von Krieg und Massengesellschaft selbst absurd erschien, mit bewusstem Nonsens, mit schrägen Collagen, Lautgedichten und der Zerstörung traditioneller Vorstellungen davon, was Kunst sei.
Und er kommt zu dem Schluss: So wird aus Hugo Balls jolifanto bambla ô falli bambla (Karawane, 1917) heute Tralalero Tralala – und aus Kurt Schwitters’ Gedicht 25 (elementar) (1922) – das im Wesentlichen aus Zahlen in einer bestimmten Abfolge und typografischen Anordnung besteht – das Meme und Jugendwort 67. Zugespitzt könnte man sagen: Brainrot ist das Dada des Algorithmuszeitalters.
Den vollständigen Text über Jugendwörter und Kunst finden Sie in der September-Ausgabe von COMPACT mit dem Titelthema «Die Entscheidung». Hier bestellen.





