Deutschland ist immer noch in Ost und West gespalten. Wie weit geht die Ostalgie – und wie ist das zu bewerten? Jürgen Elsässers Editorial aus COMPACT 8/2026 im Volltext.
Deutschland ist im Jahr 2026 immer noch gespalten. Im Osten der Republik, auf dem Gebiet des ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaates, bekennen sich 40 Prozent zur AfD, im Westen ist es nur die Hälfte. Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt und Björn Höcke in Thüringen knattern auf dem DDR-Kultmoped Simson durch die Dörfer, in immer neue demoskopische Höhen.
COMPACT bleibt für Dich frei zugänglich. Damit das möglich ist, sind wir auch auf Werbeeinnahmen und direkte Unterstützung angewiesen.
Bitte deaktiviere Deinen Adblocker für compact-online.de oder unterstütze unsere Arbeit direkt.
COMPACT unterstützenZwei Vorstöße befeuerten die Diskussion. Anfang Juni wies Höcke im Weltwoche-Interview auf die unterschiedlichen Mentalitäten hin: Westdeutsche seien lediglich «deutsch sprechende Amerikaner» mit einer «Ersatzidentität», während im Osten noch «deutsch sprechende Deutsche» lebten. Der Widerspruch in der Partei war heftig, selbst Tino Chrupalla, ansonsten die Identifikationsfigur für die Menschen zwischen Elbe und Oder, widersprach. Was ihn aber keineswegs hinderte, beim nächsten Ostalgie-Event dabei zu sein.

Mitte Juli stand er mit Uli Siegmund auf einer Bühne in Dessau-Rosslau und stimmte vollmundig mit ein, als der Dritte im Bunde, der Kabarettist Uwe Steimle, die Hymne der DDR (Steimle: «Die einzige, die ich kenne») sang – und die ganze Halle, 600 Teilnehmer, mitschmetterte. Als anschließend das Trio die BRD-Hymne hinterherschob, waren gewisse Unsicherheiten bei Melodie und Text zu bemerken – es war eher eine Pflichtübung. Zumal der Text der Becher-Hymne erstaunlich aktuell klingt: «Auferstanden aus Ruinen» – das war damals eine Anspielung auf unsere kriegszerstörten Städte, heute denkt man eher an die Industriebrache, die Angela Merkel und Robert Habeck hinterlassen haben. Und als Ohrfeige für die Kriegstreiber Merz und Pistorius: «Alle Welt sehnt sich nach Frieden, reicht den Völkern eure Hand. Wenn wir brüderlich uns einen, schlagen wir des Volkes Feind.»
Die Formel «Deutschland einig Vaterland» erinnert übrigens daran, dass die SED unter Walter Ulbricht die Wiedervereinigung hochhielt, während gleichzeitig der «Kanzler der Alliierten» (SPD-Schumacher über Konrad Adenauer) die Spaltung betrieb. Seine Parole: «Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb». Die Ironie der Geschichte: Unter Erich Honecker wurde der Text der Hymne dann genau wegen dieser gesamtdeutschen Orientierung verboten.

Kaum aufgegriffen von den westdominierten Medien gibt es im Osten immer noch eine heimliche Liebe zur DDR. «Insgesamt – das ergab die Studie der Universität Leipzig weiter – verspüren zwei Drittel der Befragten aller Altersgruppen eine ausgesprochene DDR-Sehnsucht. Zum Vergleich: Laut einer Allensbach-Umfrage hatten 1990 dagegen noch 72 Prozent der Ostdeutschen ihre Lebensumstände in der DDR als unerträglich bezeichnet», so die Freie Presse aus Chemnitz im Oktober 2024.
Offensichtlich ist die Enttäuschung über die Ergebnisse der Wiedervereinigung riesengroß. Die Treuhand-Privatisierung führte nicht zu «blühenden Landschaften» (Helmut Kohl), sondern zur flächendeckenden Deindustrialisierung. Die Versuche des Neuanfangs wurden durch die teure Energiewende abgewürgt. Spätestens als die Masseneinwanderung auch das Stadtbild in Leipzig, Erfurt und Magdeburg veränderte, war Schluss mit lustig.
Die Menschen erkannten: Bei allen Fehlern und Verbrechen war die DDR immer noch der deutschere Staat von beiden gewesen. Gastarbeiter wurden nach der Ausbildung zum Wiederaufbau in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt. Und Margot Honecker quälte die Schüler zwar mit Marxismus-Leninismus, aber es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, biologische Tatsachen wie die Existenz von Mann und Frau abzustreiten.
Um ein Bonmot von Putin über die UdSSR anzupassen: Wer der DDR nicht hinterhertrauert, hat kein Herz. Wer sie zurückhaben will, hat keinen Verstand. Tertium datur? Kaum einer will die SED zurück. Aber viele die DDR. Das Sammelbecken dieser Sehnsüchte war früher die PDS, ist heute die AfD. Könnte sie einen neuen Ost-Staat führen?
Das Heft zum Editorial: In COMPACT 8/2026 mit dem Titelthema «Agenten gegen die AfD» zeigen wir, wie Geheimdienste und dubiose Kreise die Patrioten unterwandern wollen. Hier bestellen.




