Bereits vor dem Polenfeldzug hatte NS-Diktator Adolf Hitler territoriale Ansprüche durchgesetzt, ohne dass ein Schuss fiel. Warum kam es 1939 zum großen Knall? Und war Deutschland wirklich allein schuld? Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Sonderausgabe «Geschichtslügen gegen Deutschland». Ein Standardwerk gegen antideutsche Verfälschungen. Hier mehr erfahren.
_ von Gerd Schultze-Rhonhof
COMPACT bleibt für Dich frei zugänglich. Damit das möglich ist, sind wir auch auf Werbeeinnahmen und direkte Unterstützung angewiesen.
Bitte deaktiviere Deinen Adblocker für compact-online.de oder unterstütze unsere Arbeit direkt.
COMPACT unterstützenDas deutsch-polnische Verhältnis war zwischen beiden Kriegen nicht immer so schlecht wie 1939. Der Beginn war schlecht und auch das Ende. 1918 übernahmen die Polen die zwei Provinzen Posen und Westpreußen, noch ehe ihnen diese Gebiete durch die Siegermächte in Versailles zugestanden worden waren. Für die mehrheitlich von Polen bewohnte Provinz Posen wurde das in Deutschland akzeptiert.
Aber die Provinz Westpreußen war zu zwei Dritteln deutsch bevölkert, sodass dieser eigenmächtige Gewaltstreich Polens in der Weimarer Republik von keiner der demokratisch legitimierten Reichsregierungen anerkannt wurde. 1921 startete Polen den Versuch, ganz Oberschlesien mit Milizen und den dort überwiegend in dritter Generation ansässigen polnischen Gastarbeitern zu erobern. Nach einer Volksabstimmung, die Warschau zu verhindern suchte, erhielt es das ostoberschlesische Industriegebiet von den Siegerstaaten zugesprochen.
Eine Falle wird aufgebaut
Erst unter den Diktatoren Hitler in Deutschland und Josef Pilsudski in Polen gab es eine Annäherung für ein paar Jahre. Nach Pilsudskis Versuch von 1933, Frankreich zu einem Krieg gegen Deutschland aufzurufen, den Paris abgelehnt hat, lenkte er ein – und schloss 1934 mit Hitler einen Freundschaftsvertrag.

Das nun stabile Verhältnis führte dazu, dass die polnische Regierung sich 1938 eine Landerwerbung in der damals zerfallenden Tschechoslowakei von Hitler billigen ließ: Polen annektierte daraufhin 1938 den tschechischen Teil des Industriegebiets von Teschen und dabei auch die zum Teil deutsch bewohnte Stadt Oderberg, auf die auch das deutsche Auswärtige Amt Anspruch erheben wollte.
Hitler setzte sich dagegen mit dem Argument durch: «Ich kann nicht um jede deutsche Stadt mit Polen streiten.» Er rechnete damit, dass Polen als Kompensation dafür in der Danzigfrage nachgeben und einer Wiedervereinigung Danzigs mit dem Reich zustimmen würde.
Umsonst. Obwohl sich Deutschland und Polen angenähert hatten, gab es nämlich nach wie vor drei Probleme: erstens den deutschen Wunsch, die Hansestadt Danzig wieder an Deutschland anzuschließen; zweitens die Wahrung der Menschenrechte der deutschen Minderheit in Polen. Das dritte Problem war der deutsche Wunsch nach exterritorialen Verkehrswegen vom Reichsgebiet in das seit 1920 abgetrennte Ostpreußen, die sogenannte Korridorfrage.
Im Mai 1939 – also vier Monate vor Kriegsausbruch – versprach der französische Oberbefehlshaber General Maurice Gamelin dem polnischen Kriegsminister Tadeusz Kasprzycki, dass Frankreich – wenn nötig – gemeinsam mit Polen in einen Feldzug gegen Deutschland ziehen werde. Konkret versprach er eine Großoffensive ab dem 15. Tag der eigenen Generalmobilmachung. Premierminister Édouard Daladier wusste aus einem Gespräch mit Gamelin, dass dieser nicht plante, die Zusage einzulösen. Beide ließen Warschau dennoch in dem falschen Glauben, dass sie mit Frankreich gemeinsam gegen Deutschland siegen könnten.
Anders war die Siegesgewissheit der Polen vor Kriegsausbruch nicht zu erklären. Für Deutschland war dabei bedeutend, dass die Zusage eines Angriffs der Franzosen gegen Deutschland auch dann gälte, wenn nicht etwa ganz Polen angegriffen würde, sondern nur Danzig an Deutschland angeschlossen werden sollte. 1939 hatte Frankreich damit massiv das Feuer für einen neuen Krieg geschürt.
Großbritannien übernahm erst kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs die Rolle einer Schutzmacht Polens. Londons Haltung gegenüber Warschau blieb wegen dessen Eroberungen der letzten Jahre zunächst lange sehr distanziert. Desgleichen sah man die Unterdrückungspolitik gegenüber den Ukrainern, Weißrussen, Juden und Deutschen mit großem Unbehagen. So war Polen für Großbritannien bis 1939 das, was man heute als Schurkenstaat bezeichnet.
Streitpunkt Danzig
Mit Hitlers Handstreich im März 1939 rückte Polen plötzlich wieder ins Zentrum des englischen Interesses: Durch die Zerschlagung der sogenannten Rest-Tschechei hatte das Reich erstmals ein nicht von Deutschen besiedeltes Gebiet angetastet.
In London wusste man sehr genau, dass nach einer Heimkehr Danzigs irgendwann die Kolonien an die Reihe kämen, die Großbritannien 1919 Deutschland abgenommen hatte. England wollte dem weiteren Gang der Revisionen deshalb rechtzeitig ein Ende setzen, und dazu eignete sich der deutsche Streit mit Polen um den Freistaat Danzig.

London schlug Warschau nach der deutschen Tschechei-Besetzung vor, Frankreich und die Sowjetunion als weitere Garantiemächte mit ins Boot zu nehmen. Doch Polen befürchtete zu Recht, dass Moskau sich in einem Krieg gegen Deutschland die ihm 1921 abgenommenen Gebiete der West-Ukraine und Weißrusslands wiederholen könnte. Die polnische Regierung ersuchte deshalb die britische um ein bilaterales Schutzabkommen ohne die Sowjetunion.
Am 31. März 1939 sprach Außenminister Lord Halifax eine Garantieerklärung für Polen aus, und am 25. August schlossen London und Warschau das Beistandsabkommen, das sich beide bereits im März in London zugesichert hatten. Zur vollen Wahrheit gehört auch, dass England damit die im März noch laufenden Verhandlungen zwischen den bisherigen Bündnispartnern Polen und Deutschland beendet und so eine friedliche Verhandlungslösung für Danzig vorsätzlich verhindert hat.
Diese seit Oktober 1938 laufenden Verhandlungen verliefen zwar äußerst zäh, aber sie hatten schon erste Ergebnisse gebracht. Polen sollte seine Handelsprivilegien in Danzig behalten und Deutschland die außenpolitische Vertretung Danzigs wieder übernehmen. Mit dem britischen Vertragsangebot hatte Polen jeden Grund verloren, sich mit den Deutschen auf eine einvernehmliche Lösung zu den Differenzen zu einigen. Es schaltete auf stur, begann, seine Streitkräfte mobil zu machen und wechselte vom Verbündeten Deutschlands zum Verbündeten der Briten und Franzosen.
Aufschluss über Englands Interessenlage gibt auch ein geheimes Zusatzprotokoll, das Briten und Polen in Ergänzung zu ihrem Beistandsabkommen am 25. August unterzeichneten. Darin wurde präzisiert, dass das abgeschlossene Bündnis nur gegen Deutschland gültig war. Als die Rote Armee am 17. September 1939 nach Polen einmarschierte und den Osten des Landes annektierte, nahm die britische Regierung dies deshalb ohne Konsequenz zur Kenntnis.
Die Ankündigung der Polen, statt eines Kompromisses lieber Krieg zu führen, die provozierende Mobilmachung und das Dazwischentreten Englands nahmen Hitler in den letzten Märztagen 1939 beinahe jede weitere Hoffnung, in der Danzig-Frage allein auf dem bisherigen Weg zum Ziel zu kommen. Erst danach setzte er die militärische Option neben weitere Verhandlungen. Am 3. April gab Hitler der Wehrmacht erstmals den Auftrag, einen Angriff gegen Polen so vorzubereiten, dass er ab dem 1. September 1939 möglich wäre.
Ein möglicher Kompromiss
Noch im Januar desselben Jahres hatte Hitler ein zweites Mal das Angebot vom Oktober 1938 unterbreitet und erneut die Anerkennung der nach 1918 verlorenen Gebiete als polnischen Bestand in Aussicht gestellt. Den Danzig-Vorschlag brachte Hitler Anfang 1939 auf die entgegenkommende Formel: «Danzig kommt politisch zur deutschen Gemeinschaft und bleibt wirtschaftlich bei Polen.» Selbst der Korridor sollte dabei polnisch bleiben. Auch dieses Mal kam ihm der polnische Außenminister kein Stück entgegen. Stattdessen nutzte er die Verärgerung der Briten über Hitlers Einmarsch in die Tschechei und bat die Londoner Regierung um das erwähnte Schutzabkommen gegen Deutschland.
Polens Marschall Edward Rydz-Smigly ließ im März 1939 seine Streitkräfte durch eine Mobilmachung verdoppeln und erste Kampfverbände in Richtung Danzig und Pomerellen aufmarschieren. Diese Drohgebärde als Antwort auf ein Verhandlungsersuchen widersprach dem Geist des zu dem Zeitpunkt noch gültigen deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrages, in dem es hieß: «Unter keinen Umständen werden die Vertragsparteien zum Zweck der Austragung solcher Streitfragen zur Anwendung von Gewalt schreiten.» Zu dieser Zeit gab es von deutscher Seite noch keine einzige Drohung gegenüber Polen.

Am 21. März ersuchte Außenminister Joachim von Ribbentrop den polnischen Botschafter in Berlin Josef Lipski, nach Warschau zu fahren und seiner Regierung die deutsche Bitte um neue Verhandlungen zu übermitteln. Am 26. März 1939 kehrte Lipski nach Berlin zurück und übergab ein Antwortmemorandum, das ein mit diplomatischen Freundlichkeiten garniertes klares Nein zu den deutschen Wünschen darstellte.
Die Brisanz der Note lag in dem Wortwechsel, mit dem sie übergeben wurde. Nachdem von Ribbentrop das polnische Memorandum gelesen hatte, entgegnete er Lipski, dass diese Antwort keine Lösung darstelle. Er beharrte darauf, dass der einzig gangbare Weg die Wiedereingliederung Danzigs in das Reich und exterritoriale Transitwege seien. Lipskis Antwort darauf war, dass er «die unangenehme Pflicht habe, darauf hinzuweisen, dass jegliche weitere Verfolgung dieser deutschen Pläne, insbesondere soweit sie die Rückkehr Danzigs zum Reich beträfen, den Krieg mit Polen bedeuten». Dies war die erste Drohung mit Krieg. Und es war der Pole, der sie aussprach.
Letzte Angebote
Nun herrschte Eiszeit zwischen beiden Staaten. Dennoch unternahm die deutsche Reichsregierung noch ein paar Anläufe weiterzuverhandeln. Doch die polnische Regierung verweigerte sich. Hitler bat danach die englische Regierung, zwischen Deutschland und Polen zu vermitteln.

In den letzten neun Tagen vor Kriegsbeginn liefen die Verhandlungsdrähte heiß. Die Gespräche gingen nun über den englischen Botschafter Nevile Henderson in Berlin und von dort über die englische Regierung nach Warschau und zurück, ohne dass es dabei eine Annäherung zwischen Berlin und Warschau gab. In die Verhandlungen zwischen Berlin und London wurde außerdem ein Vermittler eingeschaltet, der schwedische Industrielle Birger Dahlerus. Am 30. August 1939 unternahm die Reichsregierung nach neun Verhandlungstagen einen letzten von insgesamt sechs Versuchen. Sie machte einen 16-Punkte-Vorschlag und verlangte, dass Warschau noch bis Mitternacht des gleichen Tages einen bevollmächtigten Unterhändler zu Verhandlungen nach Berlin entsende.
Die wesentlichen Punkte dieses Vorschlags lauteten: Die Bevölkerung im Korridor soll in einer Volksabstimmung unter internationaler Kontrolle selbst entscheiden, ob sie zu Polen oder zu Deutschland gehören will. Der Wahlverlierer bekommt exterritoriale Verkehrswege durch den Korridor. Bleibt der Korridor bei Polen, erhält Deutschland exterritoriale Verbindungen nach Ostpreußen. Fällt der Korridor an Deutschland, bekommt Polen exterritoriale Verbindungen an die Ostsee nach Gdingen. Der Hafen und die Stadt Gdingen bleiben – so der deutsche Vorschlag – unabhängig vom Wahlausgang bei Polen, und Polen behält seine Handelsprivilegien in Danzig.
Die Warschauer Regierung beantragte beim Völkerbund, Protektoratsmacht über Danzig zu werden; es versuchte, dort Truppen zu stationieren und ein Postnetz aufzubauen sowie die Pässe der Danziger gegen polnische Pässe auszutauschen. Es verlegte 24 polnische Behörden in die Stadt und Kriegsschiffe in den Danziger Hafen. Schon vor Hitlers Machtübernahme musste der Völkerbund 106 Mal in Streitfälle um Danzig eingreifen – und wies fast alle angeblichen Ansprüche Polens zurück.
Das war das letzte deutsche Angebot vor dem Krieg. Während dieser neun Verhandlungstage ließ Hitler den schon für den 23. August befohlenen Angriff der Wehrmacht gegen Polen noch dreimal verschieben, obwohl er mit dem an diesem Tag abgeschlossenen Hitler-Stalin-Pakt sozusagen Rückendeckung für die Eröffnung des Feldzugs gegen Polen hatte. Seine Begründung: Er brauche noch Zeit zum Verhandeln.
Hätte Hitler ganz Polen erobern wollen, hätte er den Krieg vermutlich nicht wegen der Verhandlungen um viel geringere Kriegsziele, nämlich Danzig und den deutsch bewohnten Teil des Korridors, so oft verschoben. Am 1. September 1939 um 4:45 Uhr früh trat die Wehrmacht allerdings ohne Kriegserklärung zum Angriff gegen Polen an.
Die deutsche Alleinschuldlüge und andere «Geschichtslügen gegen Deutschland» zertrümmern wir in unserer gleichnamigen Sonderausgabe. Das Standardwerk gegen antideutsche Verfälschungen können Sie hier bestellen.





