Heute vor 268 Jahren: Die verlustreichste Schlacht des Siebenjährigen Krieges drohte für Friedrich den Großen in einem Fiasko zu enden. Ein eigenmächtiger Angriff seines Reitergenerals rettete die Preußen am Ende. Mehr über den Alten Fritz und andere Lichtgestalten erfahren Sie in COMPACT-Geschichte «Preußens Glanz – Tugend, Schwert und Krone». Ein Hohelied auf bessere Zeiten! Hier mehr erfahren.
Friedrich der Große sah sich im Sommer 1758 einer eminenten Gefahr ausgeliefert. Zu seinen Gegnern gehörte zunächst das Reich der Habsburger, oft summarisch als «Österreich» bezeichnet. Doch die Erblande der Kaiserin Maria Theresia umfassten auch Ungarn, Böhmen, Mähren, Kroatien, Norditalien und das heutige Belgien.
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COMPACT unterstützenFrankreich und Schweden hatten sich der Koalition angeschlossen. Von drei Seiten sah sich Preußen heftigen Angriffen ausgesetzt. Und zu allem Überfluss mischte sich auch noch Russlands Zarin Elisabeth ein, die auf billige Gebietsgewinne von den geschwächten Preußen spekulierte. Anfang 1757 erklärte sie Friedrich den Krieg.
Die Festung Küstrin
Die russischen Truppen, unbeweglich und schlecht geführt, konnten zunächst nicht viel ausrichten. Das änderte sich 1758, als Graf Willim von Fermor, ein Abkömmling englischer Emigranten, den Oberbefehl übernahm. Er rückte mit seinen Regimentern Anfang August gegen Pommern und die Neumark vor, verheerte das Land und begann den Angriff gegen Küstrin. Die Stadt wurde binnen drei Tagen, vom 18. bis 20. August, in Asche gelegt. Nur drei Häuser und die steinerne Oderbrücke überstanden das Bombardement. Der Wiederaufbau dauerte Jahrzehnte.
Die Festung Küstrin aber hielt stand, weil der preußische Feldherr Christoph Graf zu Dohna-Schlodien, obgleich zu schwach, dem zahlenmäßig weit überlegenen Heer der Russen eine Schlacht zu liefern, sich jenseits der Oder aufgestellt hatte und von da aus die Besatzung verstärkte. Friedrich ließ daraufhin am 11. August Feldmarschall Jakob von Keith mit dem Großteil seiner Armee bei Landeshut in Schlesien zurück, um diese Provinz gegen die Kaiserlichen zu decken.

Schon am 20. August langte der König im Hauptquartier bei Frankfurt/Oder an, und am 23. folgten ihm die aus Schlesien mitgebrachten Truppen, insgesamt 14.000 Soldaten. Sie vereinigten sich bei dem Dorf Manschnow mit Dohnas Regimentern südwestlich von Küstrin auf der linken Oderseite. Damit war die preußische Streitmacht schon 36.000 Mann stark, worauf der Übergang über die Oder stattfand und bei Clossow ein Brückenkopf errichtet wurde.
Sobald General Fermor davon Nachricht erhalten hatte, hob er die Belagerung von Küstrin auf und stellte sich vor Zorndorf (heute Sarbinowo) auf, mit dem rechten Flügel an der Mietzel, einem kleinen Nebenfluss der Oder, und mit dem linken an der Drewitzer Heide. Der König rückte am 24. August nachmittags ostwärts bis zur Mietzel und bezog Stellung gegen Süden. Allerdings war das den Russen nicht unbemerkt geblieben, denn tagelange Hitze hatte den sandigen Boden dermaßen ausgetrocknet, dass jede Truppenbewegung dichte Staubwolken aufwirbelte.
Am sumpfigen Abschnitt der Mietzel entlang einer Kette von kleinen Teichen, dem Zabern-Grund, ergab sich ein anderes Problem: Zahllose Hügel und Senken erschwerten den Überblick und entzogen so eine geübte Truppe der Beobachtung schon aus kurzer Entfernung. «Daher entschloss sich der König, den Feind im Osten zu umgehen, ihn von Süden gegen Mietzel und Oder zu drängen; ein strapaziöser Umweg von wenigstens 12 Kilometern vor der Schlacht», schreiben Günter Dorn und Joachim Engelmann in ihrem Werk «Die Schlachten Friedrichs des Großen».
Seydlitz greift an

Bei Zorndorf standen sich am Morgen des 25. August 36.000 Preußen (davon 11.800 Mann Kavallerie) mit 193 Kanonen und 44.000 Russen (davon 8.000 Mann Kavallerie) mit 160 Kanonen gegenüber. Die preußische Infanterie kommandierte Feldmarschall Moritz von Anhalt-Dessau. Ihr linker Flügel (zehn Infanterieregimenter) stand unter Generalleutnant Hans Wilhelm von Kanitz; der rechte Flügel (zwölf Infanterieregimenter) unter Generalleutnant Christoph Graf zu Dohna.
Vor ihnen standen als Avantgarde acht Grenadierregimenter unter Generalleutnant Heinrich von Manteuffel. Die Infanterie der Reserve kommandierte Generalmajor Wilhelm von Forcade, die Kavalleriereserve Generalleutnant Konrad Marschall von Biberstein. Die Kavallerie des rechten Flügels (vier Regimenter) befehligte General Ludwig von Schorlemer. Die Reiterei des linken Flügels, welche die Schlacht entscheiden sollte, stand unter dem bewährten Oberbefehl des Generals Friedrich Wilhelm von Seydlitz.
Dieser außergewöhnlich talentierte Militär hatte Höhen und Tiefen des Siebenjährigen Krieges mit eiserner Energie durchgestanden. Für die erfolgreiche Deckung des Rückzugs nach der verlorenen Schlacht von Kolin dankte ihm der König am 20. Juni 1757 dadurch, dass er ihn außer der Reihe zum Generalmajor beförderte und ihm «für seine glorreiche Führung von 15 Eskadronen» den höchsten preußische Tapferkeitsorden Pour le Mérite verlieh. Mit 36 Jahren war er der bis dato jüngste General der preußischen Armee. Und das blieb er bis zum Januar 1945, als der 32-jährige Harald von Hirschfeld zum General ernannt wurde.
Nachdem der legendäre Husarenführer Hans Joachim von Zieten ihn zur Ernennung beglückwünschte, entgegnete Seydlitz knapp: «Es war auch höchste Zeit, wenn noch etwas aus mir werden soll.» Bei Zorndorf kommandierte er 36 Schwadronen Reiterei am linken Flügel. Dazu gehörten die Eliteregimenter Garde du Corps, Gensdarmes und Seydlitz-Kürassiere unter Generalmajor Robert Freiherr von Lentulus, zwei Husarenregimenter unter Generalmajor Paul von Malachowski und ein Dragonerregiment unter Generalmajor Ernst Heinrich Freiherr von Czettritz.
General Fermor hatte seine Streitmacht in zwei Linien aufgestellt. Die erste (18 Infanterieregimenter) kommandierte Generalleutnant Iwan Saltykow; die zweite Linie stand unter General Fürst Sergej Galizyn mit 20 Regimentern zu Fuß. Den starken linken Flügel der Kavallerie (Kürassiere und Dragoner) kommandierte Generalmajor Thomas Demicoud.
Gegen 9 Uhr begann die zweistündige Feuervorbereitung durch die preußische Artillerie. Dann marschierten die ersten Grenadierregimenter – Kremzow, Kleist, Petersdorff, Alt-Billerbeck, Lossow, Burgdorff und Kanitz – auf die feindlichen Linien zu. Doch der bisher so bewährte preußische Infanterieangriff konnte auf Anhieb keine Bresche in die gegnerische Front schlagen. Es folgte eine weitere Attacke der Infanterie unter den Generalen von Rautter und von Diericke. Auch hier blieb der Erfolg aus. Dann griffen die zwölf Regimenter von Graf Dohna ins Gefecht ein.
Lange Zeit wogte der Kampf unentschieden hin und her, der linke preußische Flügel wich zurück, auch Moritz von Anhalt-Dessau konnte die Lage nicht wenden. Der König selbst zeichnete sich durch den Einsatz seines eigenen Lebens aus. Er stieg vom Pferd, ergriff die Fahne des Infanterieregiments von Bülow Nr. 46 und führte seine fliehenden Männer wieder dem Feind entgegen. In einer Art Vorahnung hatte Friedrich am 22. August an seine Generäle einen Befehl geschickt, «wie sie sich zu verhalten haben, wenn ich sollte totgeschossen werden».
Am frühen Nachmittag kam es zur Krise: Preußens Infanterie geriet in Bedrängnis, wich zurück, der König befahl Seydlitz durch einen Adjutanten die Konterattacke. Nichts geschah. Friedrich wiederholte seinen Befehl, diesmal mit der Drohung, Seydlitz hafte mit seinem Kopf für die Ausführung. Nichts geschah. Eine dritte, noch drohendere Order beantwortete Seydlitz:
«Richten Sie dem König aus, nach der Schlacht stehe ihm mein Kopf zur Verfügung. Während der Schlacht aber möge er mir erlauben, in seinem Dienste guten Gebrauch davon zu machen!»
Erst am späten Nachmittag, als die Russen sich zu weit vorgewagt hatten, bot sich der günstigste Augenblick. Als Angriffssignal flog die brennende Tabakspfeife des Generals in die Luft, und Seydlitz attackierte mit seiner gesamten Kavallerie die russische Hauptmacht im Rücken. Dabei zeichnete sich besonders das Regiment Gardes du Corps unter Rittmeister Wilhelm Dietrich von Wacknitz aus; er wurde nach der Schlacht bevorzugt zum Oberstleutnant befördert.
Über diese Kämpfe berichtete später der Musketier Hoppe vom Infanterieregiment Alt-Kreytzen:
«Unsere Dragoner griffen mit gelockerten Zügeln derart ungestüm an, dass die Erde unter uns erbebte. Sie umzingelten uns ebenso wie die feindliche Kavallerie und sorgten für eine dicke Staubwolke. (…) Wir Infanteristen ergriffen nun wieder unsere Musketen, gaben tapfer Feuer und schrien: ‚Victoria! Lang lebe der König von Preußen!‘ In diesem Augenblick kam der König selbst herangeritten und sagte: ‚Kerls, brüllt noch nicht Sieg – ich werde euch sagen, wenn die rechte Zeit gekommen ist!‘ Die russische Streitmacht war vollständig niedergemäht, und das Blut floss in Strömen.»
Bei diesen Kämpfen fiel auch Friedrichs Flügeladjutant Hauptmann von Oppen.
Die Russen flüchten
Zunächst behaupteten die russischen Infanteriebrigaden der Generale Fürst Dolgoruki (Regimenter Susdal und Butyrki), Leontjew (Regimenter Kexholm und Ladoga) sowie Uwarow (Regimenter Tschernigow und Schlüsselburg) noch ihre Stellung, ebenso die durch Artillerie verstärkten Brigaden Prinz Lubomirskis (Regimenter Rostow und 3. Grenadiere) und die 1. Grenadiere von Nikita Panin. Doch unter den wuchtigen Schlägen der preußischen Kavallerie zerbarst schließlich ihre Formation und zerriss auch die dahinter stehenden Regimenter der zweiten Linie Sankt Petersburg, Nowgorod und Woronesh.
Erstaunt und entsetzt stellte man fest, dass viele russische Soldaten sich auch in aussichtsloser Lage lieber stumpfsinnig erschlagen ließen, als den Rückzug anzutreten. Ein Kriegsteilnehmer, der spätere Hauptmann Johann Wilhelm von Archenholtz, berichtete:
«Waren nun ganze Reihen zu Boden gestreckt, so zeigten sich immer neue Scharen, die auf eine ähnliche Abfertigung ins Reich der Schatten zu warten schienen. Es war leichter, sie zu töten als in die Flucht zu schlagen; selbst ein Schuss mitten durch den Leib war oft nicht hinreichend, sie auf die Erde zu werfen. Nichts blieb den Preußen übrig, als niederzumetzeln, was nicht weichen wollte.»
Waren die Russen aber dennoch einmal ins Laufen gekommen, spielten sich die tollsten Szenen ab. Archenholtz weiter:
«Die Marketenderwagen wurden geplündert und der Branntwein viehisch genossen. Vergebens schlugen die russischen Offiziere die Fässer in Stücken, die Soldaten warfen sich der Länge lang auf den Boden, um den so geliebten Trank noch aus dem Sande zu lecken. Viele hauchten betrunken die Seele aus, andere massakrierten ihre Offiziere, und ganze Haufen liefen rasend auf dem Felde herum, ohne auf das Zurufen ihrer Befehlshaber zu achten.»
Nach wechselhaftem Kampf erlahmte schließlich jeder Widerstand. Der zertrümmerte russische Flügel rechts flüchtete in die Wälder nördlich des Ortes Quartschen, verfolgt von der preußischen Reiterei. Napoleon I., der in seinem Exil auf Sankt Helena genügend Muße besaß, um sich mit Militärgeschichte zu beschäftigen, schrieb über die Schlacht bei Zorndorf:
«Schließlich nach längerem Schwanken, vielen falschen Bewegungen und Scharmützeln, die durch den Scharfblick von Seydlitz und die Unerschrockenheit seiner Kavallerie wieder ausgeglichen wurden, war der linke Flügel des russischen Karrees durchbrochen, und der Sieg gehörte den Preußen.»
Und er sprach voller Anerkennung über «den tapferen Seydlitz mit seiner unvergleichlichen Kavallerie und dem Scharfblick, der ihn auszeichnete».
Atempause im Krieg
Der Kampf zog sich über fast zehn Stunden hin, kein Gefecht im Siebenjährigen Krieg dauerte so lange. Die Preußen eroberten 33 Fahnen, 103 Geschütze und die feindliche Kriegskasse, fünf russische Generale gerieten in Gefangenschaft. Von Friedrichs Streitmacht waren 13.000 Mann gefallen oder verwundet, 35 Prozent der Gesamtstärke. Die Russen verloren 20.700 Mann, das waren 45 Prozent ihrer Gesamtstärke und mithin prozentual die schwersten Verluste in allen drei Schlesischen Kriegen.
Die Schlacht von Zorndorf führte zu einer Atempause. Friedrich hatte einen operativen Erfolg erzielt, weil Fermor sich am 27. August gezwungen sah, über Landsberg/Warthe und Stargard nach Nordosten auszuweichen und bis November ganz Pommern zu räumen. Der Preußenkönig erhielt damit die Möglichkeit, sich dem Kampf mit den inzwischen nach Sachsen vorrückenden Österreichern zuzuwenden. Bereits am 11. September vereinte er sich wieder mit seinen Truppen in der Lausitz. Die drohende Gefahr eines russischen Angriffs war unter schweren Opfern für ein Jahr gebannt.
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