Der bekannte TV-Moderator hat per Livestream ein Alternativprogramm zur Politik der jetzigen Trump-Regierung vorgestellt. Gründet der MAGA-Rebell nun eine eigene Partei? Besonders scharf kritisierte Carlson den Einfluss Israels auf die US-Politik mit Argumenten, die sich auch in unserer aktuellen Spezial-Ausgabe «Schurkenstaat – Geschichte und Gegenwart Israels» wiederfinden. Hier mehr erfahren.

    Macht er nun Nägel mit Köpfen? Vergangene Woche stellte der ehemalige Fox-News-Moderator Tucker Carslon ein zehn Punkte umfassendes Manifest vor, das wie ein Alternativprogramm zur Politik der jetzigen Trump-Administration klingt. Diesen Plan will Carlson, der eine der reichweitenstärksten Polit-Sendungen der Welt auf Youtube und X betreibt, als Grundlage für «alles, was als nächstes kommt», verstanden wissen.

    Rebellen formieren sich

    Schon vor vier Wochen hatte er angekündigt, beim «Aufbau einer dritten Partei helfen» zu wollen. Am Wochenende des 1. und 2. August empfing Carlson Dissidenten der MAGA-Bewegung («Make America Great Again») wie die ehemalige republikanische Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene, den scheidenden Abgeordneten Thomas Massie aus Kentucky und den früheren Terrorabwehrchef der Trump-Regierung, Joe Kent, in seinem Haus im Bundesstaat Maine.

    Nach Darstellung Kents ging es dabei konkret um die Möglichkeit, eine neue politische Bewegung oder sogar eine eine Partei neben den Republikanern und Demokraten aufzubauen. Medienberichten zufolge sollen alle Teilnehmer den populären Fernsehmann sogar gedrängt haben, 2028 als Präsidentschaftskandidat anzutreten. Carlson selbst soll jedoch erklärt haben, dass er nicht kandidieren wolle.

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    Marjorie Taylor Greene veröffentlichte im Anschluss an das Treffen eine Botschaft mit dem Inhalt, man habe Trump ursprünglich unterstützt, weil er «keine weiteren Kriege im Ausland» versprochen habe, und warf ihm nun vor, dieses Versprechen mit dem Irankrieg gebrochen zu haben. Zu den weiteren Plänen schrieb sie: «The movement has begun.» Auf Deutsch: «Die Bewegung hat begonnen». Das Treffen war damit offenbar der unmittelbare Vorlauf zu Carlsons 10-Punkte-Manifest vom 5. August.

    Das ist das Manifest

    Doch was steht in dem 10-Punkte-Plan des konservativen Podcast-Stars? Und inwiefern ist dies als Kritik an Trumps Politik zu sehen. Im Einzelnen umfasst das Manifest folgende Einzelforderungen, denen jeweils ein Schlagwort vorangestellt ist:

    1. Fair: Für alle sollen dieselben Regeln gelten – für Präsidenten, Bundesbeamte, mächtige Eliten und den Normalbürger gleichermaßen. Carlson stellt Jeffrey Epstein und die von ihm als privilegiert beschriebene «Epstein-Klasse» als Beispiel für ein System dar, in dem mächtige Menschen persönliche Konsequenzen vermeiden können. Trump habe nicht für Aufklärung gesorgt möglicherweise, weil er selbst zu tief in den Komplex verstrickt ist.

    2. Souverän: Die Vereinigten Staaten sollen ihre nationale Souveränität zurückgewinnen. Carlson kritisiert ausländischen Lobbyismus, den Einfluss ausländischer Staaten auf die amerikanische Regierung, die Kontrolle der Politik durch Unternehmen sowie hohe Verschuldung was er als «Sklaverei». Besonders scharf griff er in seiner Sendung er den Einfluss Israels auf die amerikanische Außenpolitik an und erklärte, die Regierung Netanjahu habe die USA durch «Bestechung oder Drohung oder beides» zum Irankrieg gedrängt.

    Im Weißen Haus: Israels Premierminister Benjamnin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump bei ihrem Treffen im April 2025 in Washington. Foto: The White House

    3. Produktiv: Amerika soll wieder mehr selbst im eigenen Land produzieren: Die heimische Landwirtschaft, Industrie, Fertigung und das Handwerk sollen wieder einen zentralen Stellenwert in der US-Wirtschaftspolitik erhalten. Carlson wandte sich gegen eine Ökonomie, die seiner Darstellung nach zu stark von Finanzwirtschaft, Immobilienspekulation, KI-Überwachungstechnologie und Waffenproduktion geprägt sei.

    4. Schön: Amerikanische Städte sollen wieder ansehnlich, sicher und lebenswert werden. Carlson kritisiert eine Stadtplanung, die seiner Ansicht nach amerikanische Städte absichtlich «hässlich» gemacht habe. Graffiti-Schmierereien, öffentlichem Drogenkonsum und Gewaltkriminalität müsse konsequent der Kampf angesagt werden.

    5. Gesund: Amerika soll wieder gesund werden. Carlson unterstützt dabei ausdrücklich die vom aktuellen US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. vertretene Ernährungspolitik. Er fordert zudem ein gesellschaftliches Leitbild, das stärker auf Nüchternheit setzt. Medikamente und Substanzen wie Xanax oder Adderall betrachtet er äußerst kritisch und sagt, ihr verbreiteter Gebrauch habe viele Amerikaner «half-addled» («halb benebelt»)  gemacht.

    6. Ehrlich: Die Regierung soll ehrlich gegenüber ihren Bürgern sein. Beamte, die die Bevölkerung bewusst belügen, sollen nach Carlson dafür zur Verantwortung gezogen werden. Außerdem fordert er, alle noch geheim gehaltenen Regierungsunterlagen zu veröffentlichen – ausdrücklich auch Akten über die Ermordung John F. Kennedys und den 11. September 2001.

    7. Optimistisch: Eine gesunde Gesellschaft soll an ihre Zukunft glauben, die Amerikaner sollen mehr Kinder bekommen und Verantwortung für kommende Generationen übernehmen. Die Geburt von Kindern sei eine biologische Notwendigkeit und führe dazu, dass die Gesellschaft langfristig denke. Er kritisiert ältere und kinderlose Eliten, deren politische Entscheidungen seiner Ansicht nach die Interessen künftiger Generationen vernachlässigten.

    8. Klug: Bildung soll sich stärker an Realität, praktischem Wissen und dauerhaften Tatsachen orientieren statt an bloßen Abschlüssen, Modetrends oder Ideologie. Carlson wandte sich in seiner Sendung gegen die Ideologisierung der Forschung und Bildung an Universitäten und Schulen. Zu einer neuen Leitlinie gehört für ihn explizit auch die Betonung biologischer Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

    9. Anständig: Amerika soll keine Kriege führen oder militärische Interventionen unterstützen, die moralisch nicht zu rechtfertigen sind. Carlson fordert zudem, dass die USA sich für die Tötung von Nichtkombattanten entschuldigen und Wiedergutmachung leisten sollen. Er lehnt die Umbenennung des Department of Defense (Verteidigungsministerium) in Department of War ab (Kriegsministerium) und fordert, die Finanzierung von Verbündeten einzustellen, die nach seiner Auffassung Völkermord begehen – ausdrücklich nannte er dabei Israel.

    10. Vereint: Amerikaner sollen wieder eine gemeinsame nationale Identität entwickeln. Dazu gehört für Carlson auch eine vorübergehende Begrenzung der Einwanderung, bis klarer ist, welche Auswirkungen künstliche Intelligenz und Automatisierung auf amerikanische Arbeitsplätze haben werden. Er fordert außerdem, dass Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus keine staatlichen Leistungen erhalten, und dass Englisch die alleinige Sprache für Bundesdokumente und Stimmzettel sein soll.

    Israel-Lobby im Zentrum der Kritik

    Carlsons Vorstoß ist auch deshalb so brisant, weil er bis zum Konflikt mit dem Iran als einer der treuesten Verbündeten Trumps galt und noch im Wahlkampf 2024 eifrig für den Republikaner trommelte. Sein 10-Punkte-Plan wirkt wie eine programmatische Rückkehr zu den eigentlichen Idealen von «Make America Great Again» – und markiert zudem den tiefen Riss, der sich heute durch die MAGA-Bewegung zieht – vor allem wegen der Außenpolitik Trumps.

    Carlson und andere Dissidenten wie Greene, die Podcasterin Candace Owens oder Moderatorin Megyn Kelly hatten Trump unterstützt, weil dieser versprach, die USA aus neuen «endlosen Kriegen» herauszuhalten. Der Irankrieg wurde für sie deshalb zum Wendepunkt. Sie sehen darin einen Verrat an dem Versprechen, amerikanische Interessen gegenüber ausländischen an die erste Stelle zu setzen («America First»).

    Hinzu kommen zwei weitere Konfliktfelder: die Auseinandersetzung um die Epstein-Akten und die Frage des israelischen Einflusses auf die amerikanische Politik, die vor allem durch den Lobbyismus von AIPAC («American Israel Public Affairs Committee») und anderen Gruppen deutlich wird. Ein Punkt, den wir auch in unserer aktuellen Spezial-Ausgabe «Schurkenstaat – Geschichte und Gegenwart Israels» zur Sprache bringen.

    Wie stehen die Chancen?

    Entsprechend gereizt reagierte das Weiße Haus auf den Vorstoß. Pressesprecher Davis Ingle erklärte: «Präsident Trump hat mit der MAGA-Bewegung die größte politische Bewegung in der Geschichte der Politik geschaffen, und er bleibt der unangefochtene Führer der Republikanischen Partei.» Carlson und seine Unterstützer seien «eine peinliche Ansammlung größtenteils weinerlicher Überläufer, die ihren Einfluss und ihre Bedeutung dramatisch überschätzen».

    In der öffentlichen Berichterstattung herrscht Skepsis über die Chancen einer möglichen dritten Partei vor. Der Tenor: Politisch interessant, organisatorisch extrem schwierig. Das Magazin Time räumt ein, dass es tatsächlich eine große Nachfrage gebe und verweist dabei auf eine von der New York Times in Auftrag gegebene Umfrage, nach der 43 Prozent der registrierten Wähler mit beiden großen Parteien unzufrieden waren.

    Joe Kent bei einer Kundgebung vor dem Kapitol in Washington, D.C., 2022. Foto: Fotograf unbekannt. CC BY-SA 4.0. Wikipedia Commons.

    Zugleich wies Time aber auch darauf hin, dass mehrere frühere Versuche, eine dritte Kraft neben Republikanern und Demokraten aufzubauen, gescheitert seien. Die große mediale Reichweite Carlsons reiche nicht, denn eine neue Partei müsse in den USA Bundesstaat für Bundesstaat Wahlzulassungen erreichen und organisatorische Infrastruktur aufbauen. Auf diese Herausforderung hatte auch Tucker-Mitstreiter Joe Kent hingewiesen.

    Das Polit-Magazin Salon ist dennoch der Ansicht, dass die Entwicklung Trumps Partei gefährlich werden könnte. «Tucker Carlson könnte die Pläne der Republikaner für 2028 durchkreuzen», so das Medium. Denn: Carlson müsste bei der nächsten Präsidentschaftswahl noch nicht einmal 20 oder 30 Prozent bekommen. Wenn er in einem extrem knappen Rennen nur fünf bis acht Prozent der Stimmen von den republikanischen Kandidaten abzieht, könnte er in einigen Bundesstaaten zum Zünglein an der Waage werden.

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