Gedächtnislücken beim BKA-Zeugen im Prozess gegen «Sächsische Separatisten». Zweiter Teil des neuen Prozess-Berichts von Kurt Hättasch, der neben sieben weiteren jungen Männern in Dresden angeklagt ist. Seine Eindrücke von Verhaftung und Gefängniszeit hat er in seinem Buch «Fangschuss – Notizen aus der U-Haft» verarbeitet. Hier mehr erfahren.
Der folgende Text ist der persönliche Erlebnisbericht eines derzeit inhaftierten Mannes, der in dem betreffenden Verfahren («Sächsische Separatisten») als mutmaßlicher Tatverdächtiger geführt wird. Die Redaktion veröffentlicht diesen Bericht ausschließlich zu dokumentarischen Zwecken. Die Schilderungen geben allein die subjektive Wahrnehmung und Darstellung des Verfassers wieder und sind von uns nicht unabhängig überprüft worden. Sie stellen weder eine Bestätigung noch eine Widerlegung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe dar. Die Unschuldsvermutung gilt uneingeschränkt.
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Airsoft-Spiel oder Wehrsportübung? (2)
_ von Kurt Hättasch, 16.5.2026
Viel Zeit blieb den Ermittlern von FBI und BKA damals nicht, mehr, denn die US-Wahlen standen kurz vor der Tür. Aber es wäre doch gelacht, wenn so eine lästige demokratische Wahl kurz vor Schluss noch einen Strich durch die Rechnung machen sollte. Der Ort für das Schauspiel wurde clever ausgesucht: ein stillgelegtes Flugfeld in der Nähe des Heimatortes von Jörg S. mit etlichen alten Gebäuden und unter den Jugendlichen der Region für Airsoft- und Paintball-Spiele bekannt. Eine Wildkamera wurde aufgestellt und etwas abseits ein Drohnenpilot, der Luftaufnahmen anfertigen sollte, im Gebüsch untergebracht. Nachdem auch der verdeckte Ermittler des FBI (vom BKA euphemistisch als «Vertrauensperson» bezeichnet) aufwendig verkabelt wurde, musste man nur noch auf die Opfer warten – und sie kamen.
Man sah dann, wie einzelne Teilnehmer mit ihren Airsoft-Gewehren aufeinander zielen, und laut des verdeckten Ermittlers soll das wohl auch ein Thema gewesen sein – nämlich es nicht zu tun. Besonders schwerwiegend: Im Vorfeld hatte jener verdeckte Ermittler selbst angeboten, eine solche Veranstaltung durchzuführen, und er war es denn auch, der an jenem als eine Art Ausbilder aufgetreten ist. Alle militärischen Inhalte, welche an diesem Tag thematisiert wurden, gingen also vom verdeckten Ermittler höchstselbst aus!
Der BKA-Zeuge XXX [Name der Redaktion bekannt] bemühte sich nun vor Gericht, das alles ein bisschen dramatisch klingen zu lassen, doch ihm mochte das nicht so recht gelingen. Er warf mit diversen militärischen Fachbegriffen wie «Raupenformation» oder «Schützenkette» um sich, gestand später aber ein, dass er selbst nie eine militärische Ausbildung genossen hatte und sich alles nur hatte zutragen lassen. Ein Zeuge vom Hörensagen also?
Trotz fehlender Qualifikation zur Beurteilung wusste XXX aber zu sagen, dass die Teilnehmer einen ungewöhnlichen Professionalisierungsgrad aufgewiesen hätten. Ob er damit auch meinte, dass zwei Teilnehmer kurze Hosen trugen und einer mit weißem T-Shirt herumsprang, oder auf Bildern zu sehen war, dass viele Airsoft-Gewehre, weil defekt, gar kein Magazin besaßen, bleibt unklar.
Keine Anschlagspläne oder Todeslisten
Schon in der sanften Befragung durch Gericht und Staatsanwaltschaft bewies XXX wenig Standfestigkeit und konnte auf viele Fragen nur mit «Das weiß ich nicht mehr» oder «Daran kann ich mich nicht erinnern» antworten. Wenn man überhaupt etwas Positives daraus ableiten will, dann, dass er wenigstens hierin ehrlich war. Häufig nach einer gestellten Frage blickte er entweder in eine Saalecke, oder, was ich persönlich wesentlich effektreicher empfand, er schloss die Augen und kreiste mit Zeige- und Mittelfinger bei aufgestützten Ellenbogen über die Schläfen. Geholfen hat ihm das für bei der Beantwortung selten, Bei zunehmender Unsicherheit durfte man auch immer öfter Dinge hören wie «Ich glaube», «Ich meine, mich zu erinnern», «zumindest habe ich das so interpretiert» oder – mein persönlicher Favorit – «Ich habe nicht alles gelesen/ausgewertet, aber mir wurde das so zugetragen.»
Es ist wohl kein Geheimnis, dass die Befragung durch die Verteidiger wesentlich tiefschürfender ausfällt – und so war es auch hier. Die Frage eines Rechtsanwalts begann mit «Was glauben Sie denn …», woraufhin XXX antwortete: «Ich würde mich gerne lediglich auf Fakten beziehen.» Als Reaktion erntete er Gelächter. Witzigerweise driftete er selbst wenig später erneut in seine Floskeln «Ich glaube», «Ich vermute» und dergleichen ab.
Die Befragung des Zeugen ist noch lange nicht abgeschlossen und wird Anfang Juni fortgesetzt. Ab da werden vermutlich die Fragen meiner Verteidigung gestellt und etliche Widersprüche aus dem Vortrag von XXX thematisiert. Im Hinblick auf die Anklage des Generalbundesanwaltes (GBA) kann man XXX durchaus als schwachen Zeugen bezeichnen. Zur Stützung jener Anklage brachte er nichts hervor, und seine allgemeine Unsicherheit verlor der Zeuge auch dann nicht, als Oberstaatsanwalt (OStA) Stephan Stolzhäuser ihm zuzuzwinkern schien.
Besonders unglücklich schien die Staatsanwaltschaft, als XXX eingestand, dass keinerlei Anschlagspläne, Todeslisten oder sonst übliche Vorbereitungsanzeichen vorgefunden wurden. Ob es da noch ein klärendes Gespräch mit dem jungen Beamten geben wird, dass solche Aussagen der Karriere wenig zuträglich sind? Ich weiß es nicht. OStA Stolzhäuser beließ es vorerst bei einem mürrischen Kopfschütteln. Vielleicht aber hatte dies seine Ursache darin, dass der Vertreter des GBA an seiner eigenen Anklage zu bezweifeln begann? Von einer Terrororganisation fehlt jedenfalls weiterhin jede Spur.
Aus erster Hand: Kurt Hättasch, Jahrgang 1999, Familienvater und Handwerker, sitzt seit November 2024 in Untersuchungshaft. Man wirft ihm die Beteiligung an der Bildung einer terroristischen Vereinigung vor. Die Polizei schoss Hättasch nieder, als sie ihn festnehmen wollte. In seinem Buch «Fangschuss – Notizen aus der U-Haft» schildert er nicht nur diesen Tag, sondern auch den Alltag einer Haft, von der er nicht weiß, wann sie enden wird. Das Werk erscheint in Kürze. Sie können es hier vorbestellen.





