Auch während des Zweiten Weltkriegs spielte eine deutsche Nationalmannschaft. Sepp Herberger, Nachfolger von Otto Nerz als Reichstrainer und nach dem Krieg Bundestrainer, wurde in schwierigen Zeiten zur Vaterfigur für seine Jungs und rettete vielen das Leben. Ein Beitrag aus unserem sporthistorischen Werk «Nationalsport Fußball». Von den Anfängen im Kaiserreich bis heute. Immer noch als E-Paper hier erhältlich.
_ von Sven Reuth
Es war einerseits eine goldene, andererseits aber auch eine verlorene Generation der deutschen Rasensportler: Im Standardwerk «Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft» schreibt Hardy Grüne sogar, dass die DFB-Auswahl der Kriegsjahre «in sportlicher Hinsicht sicherlich zu den wohl besten Mannschaften jener Tage» zählte, was freilich wegen des eingeschränkten Spielbetriebs nur schwer unter Beweis zu stellen war.
Alles hatte verheißungsvoll begonnen: Am Pfingstsonntag des Jahres 1937 fegte Deutschland bei einem Länderspiel in Breslau die damals seit fast zwei Jahren unbesiegten Dänen mit 8:0 vom Platz. Der Mythos Breslau-Elf war geboren – sie gilt bis heute als eine der spielstärksten deutschen Mannschaften aller Zeiten.

Rund um den Schalker Regisseur Fritz Szepan hatten Herberger und Nerz ein kombinationssicheres Team geformt, das seine Gegner ein ums andere Mal schwindlig spielte. Mit dem Mittelstürmer Otto Siffling vom SV Waldhof Mannheim hatte man einen gnadenlosen Vollstrecker, der allein beim Spiel gegen Dänemark fünf Treffer in 32 Minuten erzielte – ein bis heute unerreichter Rekord. Auch die Bilanz der Nationalelf im Jahr 1937 – zehn Siege bei einem Remis – war für viele Jahrzehnte die beste der DFB-Historie.
«Wiener Melange mit preußischem Einschlag»

Die politischen Umbrüche führten dann allerdings zu einem frühen Ende der Breslau-Elf: Im März 1938 wurde Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen, was Sepp Herberger eine ganze Reihe an neuen Weltklassespielern bescherte. Der Fußballfuchs ahnte sofort, dass dies ein Danaergeschenk war. Die Mentalität und die Spielkultur der Elitekicker aus Deutschland und Österreich hätte unterschiedlicher kaum ausfallen können. Die eine – die deutsche – Seite, war besetzt mit Arbeiterkindern aus proletarisch geprägten Vereinen wie Schalke 04, Waldhof Mannheim oder dem 1. FC Schweinfurt 05, auf der anderen Seite standen die Wiener Vollprofis, die mit ihrem kurzpassgeprägten «Scheiberlfußball» ihre Sportart revolutioniert hatten. «Jede einzelne Mannschaft war besser als eine gemischte», stellte Herberger im Rückblick fest, aber «die Wiener Melange mit preußischem Einschlag» war aus politischen Gründen nicht zu verhindern.
Bei der nur drei Monate nach dem Anschluss stattfindenden WM in Frankreich musste die neue großdeutsche Mannschaft im Pariser Prinzenpark am 4. Juni 1938 gleich das Eröffnungsspiel bestreiten, kam aber über ein 1:1 nach Verlängerung gegen die Schweiz nicht hinaus. Im Entscheidungsspiel fünf Tage später siegten die Eidgenossen mit 4:2 – und Deutschland war ausgeschieden. Zur WM des Jahres 1942, die eigentlich im Deutschen Reich hatte stattfinden sollen, kam es nicht mehr. Als die Wehrmacht am 1. September 1939 in Polen einmarschierte, ahnte kaum jemand, dass dies der Auftakt für einen neuerlichen Weltkrieg war. Natürlich wurden auch Herbergers Schützlinge eingezogen, doch gleichzeitig lief der internationale Spielbetrieb weiter.
Herberger wuchs nun über sich hinaus. Er intensivierte den Kontakt zu seinen Spielern – und schloss dabei einen zurückhaltenden jungen Mann besonders ins Herz. Fritz Walter vom 1. FC Kaiserslautern hatte am 14. Juli 1940 im Frankfurter Waldstadion beim 9:3-Sieg gegen Rumänien sein Länderspieldebüt gegeben und drei Treffer erzielt. Der Reichstrainer erkannte sofort, welch einmaliges Talent er hier vor sich hatte.
Er war zu dieser Zeit schon ständig um seine Nationalspieler bemüht, doch die väterlichen Züge in seinem Charakter verstärkten sich nun. Er schrieb seinen Jungs aufmunternde Briefe, schickte ihnen Päckchen mit Zigaretten und Süßigkeiten oder eiste sie für einen Länderspieltermin für ein paar Tage von der Front los. Die Gefallenenmeldungen seiner Nationalspieler häuften sich aber mit dem Jahr 1941, als die Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschierte. Jede Todesnachricht erschütterte Herberger zutiefst.
Heimkehr auf Schalke
Der Schalker Linksaußen und fünffache Deutsche Meister Adolf «Ala» Urban war einer der Schlüsselspieler der Breslau-Elf und erzielte in 21 Länderspielen elf Treffer. Am 27. Mai 1943 fiel er als Angehöriger des Infanterie-Regiments 422 im Kessel von Demjansk. Der Sanitäter und Schalke-Anhänger Karl Brockmann hatte in einem Lazarett noch vergeblich versucht, seinem Idol das Leben zu retten. Genau 70 Jahre nach Urbans Tod erhielt der Schalke-Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies einen Anruf von dem nun 89-jährigen Brockmann, der darum bat, eine Gedenkminute für Urban abzuhalten. Tönnies war gerührt und auch beschämt, da Brockmann seit Jahren mit seinem Anliegen abgeblockt wurde. Er entschied, dass die sterblichen Überreste des Fußball- und Kriegshelden zurück in seine Heimat geholt werden sollten. Am 20. November 2013 wurde der frühere Meisterspieler in einer Feierstunde auf dem sogenannten Schalker Feld bestattet, einem Gelsenkirchener Friedhof in Stadionform, wo er seitdem im Mittelkreis ruht.
Der Trainer war verzweifelt: Sollte ihm der Krieg seine gesamte Mannschaft nehmen? Da kam ihm eine rettende Idee: Im erweiterten Kader der Nationalmannschaft befand sich auch Torwart Hermann Graf vom FC Engen. Dieser diente in der Luftwaffe und war im Herbst 1942 mit bis dahin 202 Abschüssen der erfolgreichste deutsche Jagdflieger. Als fünftem Soldaten der Wehrmacht war ihm gerade das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten verliehen worden.
Im Machtgefüge des Dritten Reiches war er mit dieser Auszeichnung mehr oder weniger unangreifbar. Herberger hatte mitbekommen, dass Graf bei seiner Einheit in Rumänien schon dabei war, eine Fußballmannschaft aufzubauen. Nun schlug er ihm vor, eine Reihe von Nationalspielern wie Fritz Walter oder Hermann Eppenhoff in diese Auswahl zu übernehmen und sie gleichzeitig als Bodenpersonal in Grafs Einheit einzusetzen. Der Hintergedanke war klar: Auch die Techniker der Luftwaffe waren gefährdet, die Überlebenschancen waren aber doch besser als in anderen Verwendungen.
Die Geschwaderelf des Ritterkreuzträgers
Graf stellte sich sofort ganz in den Dienst Herbergers und nutzte seine hervorragenden Verbindungen zu Luftwaffen-Oberbefehlshaber Hermann Göring, um wahre Versetzungswunder zu bewirken. In einem persönlichen Gespräch mit Generaloberst Friedrich Fromm, dem Befehlshaber des Ersatzheeres, der später beim Putsch gegen Adolf Hitler am 20. Juli 1944 eine große Rolle spielen sollte, schwindelte er diesem vor, Fritz Walter sei sein Vetter, den er unbedingt in seiner Einheit benötige. Es gelang ihm tatsächlich, den Pfälzer von der Infanterie zur Luftwaffe versetzen zu lassen. Ab dem Jahr 1943 spielte dieser nun wie andere Nationalspieler für Grafs Geschwadermannschaft, die Roten Jäger.

Vom Krieg verschont blieb diese Elf aber nicht, da die Luftwaffeneinheit bald an die Ostfront verlegt wurde und Fritz Walter am Ende des Krieges um ein Haar in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten wäre. Die Roten Jäger wurden hauptsächlich in der Truppenbetreuung eingesetzt und bescherten den Landsern bei 27 Spielen einige unbeschwerte Stunden.
Das letzte Spiel fand noch am 19. November 1944 in Krakau gegen die dortige Militärmannschaft Luftwaffen-SV Mölders statt. Trotz dieser Rettungsaktion fiel die Bilanz für Herberger am Kriegsende erschütternd aus: 48 Nationalspieler waren gefallen oder galten als verschollen. Und doch beschäftigte er sich pflichtbewusst schon in der zweiten Hälfte der 1940 Jahre mit der Aufstellung einer neuen Auswahl – und die wurde legendär.
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