Vor wenigen Stunden kam es im Südlibanon erneut zu Feuergefechten, ungeachtet der erst vorgestern in Washington vereinbarten Waffenruhe. Drei weitere Orte sollen laut IDF «evakuiert» werden. Alle Hintergründe liefert unsere Ausgabe «Zions Höllenritt. Wie Netanjahu die USA in den Untergang reißt», die schonungslos mit der Kriegstreiberei aufräumt. Hier mehr erfahren.
In der Nacht auf Donnerstag einigten sich Israel und die libanesische Regierung in Washington auf eine neue Waffenruhe. Die hielt keine Stunde: Israelische Angriffe töteten mindestens neun Menschen im Süden des Zedernstaates. Zwei Sanitäter der Risala Scouts Association, ein Rettungsdienst der schiitischen Amal-Bewegung, des Hisbollah-Verbündeten im libanesischen Parlament, kamen dabei ums Leben.
Das libanesische Gesundheitsministerium veröffentlichte Fotos eines schwer beschädigten Krankenwagens. Hisbollah-Chef Naim Kassim ließ die Washingtoner Bedingungen noch am Mittwochabend im libanesischen Fernsehen verlesen:
«Das angekündigte Abkommen ist ein Fahrplan zur Zerstörung eines Teils des libanesischen Volkes und zur Unterwerfung des übrigen Teils.»
In derselben Nacht wurde der serbische UNIFIL (UN-Mission im Libanon)-Feldwebel Milovan Jovanovic (36) aus Serbien bei einem Mörserangriff im Bezirk Marjayoun tödlich verletzt. Er erlag seinen Verletzungen am Donnerstagmorgen. Jovanovic hinterlässt eine Frau und zwei minderjährige Kinder. Gleich mehrere Granaten sollen auf den UN-Stellungen eingeschlagen seien.

Bislang ist unklar von welcher Position aus gefeuert wurde. Die UN hat Ermittlungen eingeleitet, spekuliert wird über verirrte Granaten. Zwei weitere Mitglieder der internationalen Truppen wurden im Angriff ebenfalls verletzt, einer aus den Streitkräften von El Salvador, ein weiterer Soldat aus Spanien. Es ist bereits der siebte UNIFIL-Soldat, der seit Kriegsbeginn am 2. März im Libanon ums Leben kam. Die UN-Friedensmission meldete zuletzt eine «zunehmend hohe Zahl» an Einschlägen im Süden des Landes.

Gestern Nachmittag um 16 Uhr feuerte ein Hisbollah-Kämpfer eine Panzerabwehrrakete auf einen israelischen Merkava-Panzer nördlich des Litani, nahe Burg Beaufort. Die Festung wurde erst vor wenigen Tagen durch die israelische Armee (IDF) erobert. Hauptmann Eitan Shmuel Lemberg, 21 Jahre alt, Offizier im 75. Bataillon der 7. Panzerbrigade, aus Mischmar Haschiva in Israel, überlebte den Einschlag nicht.

Heute früh meldete die libanesische Nachrichtenagentur NNA israelische Drohnenangriffe auf Fahrzeuge im Südlibanon. Es gibt mindestens ein weiteres Todesopfer auf libanesischer Seite. Gegen Mittag soll es weitere gegenseitige Feuergefechte gegeben haben. Die IDF kündigte heute zudem Attacken auf Hisbollah-Ziele an drei Orten nördlich des Litani (60 Kilometer von der Grenze entfernt) an und rief die Einwohner zur Evakuierung auf.
Abzug aus Dibbin
Die geplante Waffenruhe wurde von den USA in Washington vermittelt. Es waren die ersten direkten Gespräche seit Jahrzehnten zwischen beiden Regierungen. Das Abkommen sieht die Einrichtung sogenannter Pilotzonen im Südlibanon vor, in denen ausschließlich die reguläre libanesische Armee die Kontrolle ausüben soll. Die Hisbollah soll sich hinter den Litani-Fluss zurückziehen. Was in Washington vereinbart wurde, gilt allerdings nur für den libanesischen Staat, nicht für die Miliz, die im Krieg tatsächlich beteiligt ist, und den Süden des Landes weitgehend selbst kontrolliert. Als erstes Zeichen der Umsetzung zog sich die israelische Armee gestern aus dem Grenzort Dibbin (Bezirk Marjayoun) zurück, libanesische Streitkräfte rückten ein, beseitigten israelische Barrieren und räumten Blindgänger. Noch am selben Tag folgten aber neue Angriffe der IDF auf nahe Hisbollah-Stellungen.

Die Schiiten-Miliz saß bei den Verhandlungen nicht mit am Tisch. Am Mittwochabend stellte Kassim klar: Die Washingtoner Verhandlungen als «Farce» und «Erniedrigung» und forderte die libanesische Regierung auf, sie zu beenden. Eine Waffenruhe, bei der die Hisbollah ihre Angriffe einstellen müsse, während Israel weiterbombe, käme einer «Kapitulation» gleich. Die Organisation habe niemandem zugesagt, auf «Widerstand oder Vergeltung» zu verzichten. Der libanesische Premierminister Nawaf Salam wies das scharf zurück:
«Niemand hat verlangt, eure Waffen Israel zu übergeben, sondern der libanesischen Armee.»
Salam warnte, Kassims Äußerungen trügen eine versteckte Drohung eines Bürgerkriegs in sich.
Angebliche Pilotzonen
Am 26. Mai weitete Netanjahu die Bodenoffensive ausdrücklich über die «gelbe Linie» (von der USA vermittelte Grenze zwischen der Hisbollah und Israel) aus, Israel rücke «gezielt jenseits der ersten Verteidigungslinie» vor. Der israelische Militärsprecher erklärte alle Gebiete südlich des Flusses Zahrani zur Kampfzone, einschließlich der Küstenstadt Sour mit über 150.000 Einwohnern, von denen alle bis auf ein Viertel zur Evakuierung aufgefordert wurden.
Verteidigungsminister Israel Katz hatte bereits im März erklärt, Israel werde libanesische Grenzdörfer abreißen und das Territorium bis zum Litani dauerhaft besetzen. Was Washington als «Pilotzonen» bezeichnet, nennt Katz Sicherheitszone, und meint Besatzung. Zu Beginn des Libanon-Einmarschs stellte er klar:
«Die Zerstörung der Infrastruktur in Grenzdörfern wird beschleunigt — nach dem Vorbild von Beit Hanoun und Rafah in Gaza.»
Und weiter: «Wir werden auf jede Verletzung mit aller Kraft reagieren.» Die IDF warnte die Bewohner des Südlibanons ausdrücklich vor einer Rückkehr in ihre Heimatdörfer. Libanons Präsident Aoun hatte erklärt, eine Waffenruhe könne innerhalb von 24 Stunden in Kraft treten, vorausgesetzt alle stimmten zu. Am 22. Juni soll wieder verhandelt werden. Bis dahin brennt der Südlibanon.
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