Ein jetzt fertiggestellter Dokumentarfilm über den letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Krenz sorgt für Stress. Er sei zu unkritisch. Wir haben in diesem Zusammenhang einen Buchtipp für Sie: „Kriegstüchtig. Nein Danke“ von Jörg Arnold und Peter-Michael Diestel. Hier mehr erfahren.
Der neue Dokumentarfilm Kommunist über den letzten Staatsratsvorsitzenden der DDR, Egon Krenz, sorgt seit seiner Uraufführung für Aufsehen und scharfe Kritik. Regisseur Lutz Pehnert porträtiert den 89-jährigen SED-Funktionär ohne lehrmeisterlichen Unterton. Genau das aber werfen ihm verbissene Kritiker nun vor. Es sei ein geschöntes, einseitiges Bild der DDR entstanden. Und das ginge ja gar nicht.
Die Erwartungen nicht befriedigt
Der Film, der am 8. Mai 2026 beim 35. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin seine Weltpremiere feierte und ab 11. Juni bundesweit in die Kinos kommt, zeigt Krenz nicht als reinen Täter oder Helden, sondern in seiner ganzen Widersprüchlichkeit. Der gebürtige Berliner, der seit 2003 in Dierhagen an der Ostsee lebt, wird als Funktionär, Aufsteiger, Apparatschik, Bonze, Hassfigur, Totschläger, Häftling, Vater und Großvater dargestellt. Der Film basiert auf ausführlichen Gesprächen mit Krenz selbst und beleuchtet seinen Aufstieg vom Dorfjungen zum Nachfolger Erich Honeckers, der die DDR nur 50 Tage lang führte bis zum Zusammenbruch im Herbst 1989.
Pehnert, der selbst eine lange Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte hat (unter anderem preisgekrönte Filme wie DDR Ahoi!), wollte bewusst keinen klassischen Aufarbeitungsfilm drehen. „Es geht darum, nicht nur zu gucken, wie war einer, als er an der Macht war? Sondern auch auf den Lebenslauf zu blicken, die Funktionskarriere bis ganz nach oben. Was tut man dafür?“, erklärte der Regisseur. Der Film sei „eher ein filmischer Essay“ und porträtiere Krenz, ohne alle erwarteten Aspekte einer historischen Dokumentation zu erfüllen.
Eben diese Herangehensweise stößt auf massiven Widerspruch. Burkhard Bley (60), Landesbeauftragter für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, nennt den Film „misslungen“. Er liefere keinen differenzierten Beitrag zur Aufarbeitung, sondern vermittle „bewusst ein geschöntes Bild von der DDR“, unterschlage historische Fakten und bediene sich manipulativ der Bildsprache der DDR-Propaganda.
Bley erinnert an die Opfer des unmenschlichen Grenzregimes: die Mauertoten sowie die rund 250.000 Menschen, die in politischer Haft saßen und bis heute unter den Folgen leiden. „Der Film und sein Protagonist Egon Krenz verhöhnen hunderte Todesopfer des unmenschlichen Grenzregimes und ihre Angehörigen“, so Bley. Er kündigte an, bei der MV Filmförderung und den Festivalverantwortlichen Beschwerde einzulegen.
Auch die CDU kritisiert das Projekt. Die kulturpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, Katy Hoffmeister, erklärte: „Es kann nicht Aufgabe staatlicher Förderung sein, die Legenden ehemaliger SED-Kader mit Steuergeld aufzupolieren.“ Der Film vermittle jungen Menschen „ein gefährlich verzerrtes Bild der DDR“. Die kulturpolitische Sprecherin warf der MV Filmförderung zudem „politische Instinktlosigkeit“ vor.
Filmförderung mit Steuergeld
Tatsächlich wurde Kommunist mit öffentlichen Mitteln unterstützt: Der Deutsche Filmförderfonds des Kulturstaatsministers gewährte knapp 60.000 Euro, die MV Filmförderung weitere 70.000 Euro. Nach Angaben des NDR gab es im Vorfeld eine interne Diskussion über den Filmstoff, die Förderentscheidung fiel jedoch klar zugunsten des Projekts.
Das Kulturministerium Mecklenburg-Vorpommern betonte dazu, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Film wichtig sei. Die Entscheidung über eine Förderung liege jedoch bei einem „staatlich unabhängigen, fachkundigen Vergabegremium“. Kulturministerin Bettina Martin verwies darauf, dass staatlicher Einfluss auf Inhalte aus Respekt vor dem Grundgesetz ausgeschlossen sei.
Das Filmkunstfest selbst stellte sich hinter die Präsentation des Werks. In einer Erklärung betonten Festivalleiter Volker Kufahl und die Aufsichtsratsvorsitzende Barbara Teewag, man biete eine Plattform für regionale Produktionen und kontroverse Themen, die Reibungsfläche schaffen. „Ob der Film misslungen ist, liegt im Auge des Betrachters.“ Bei der Premiere in Schwerin war Egon Krenz selbst anwesend. Dafür gab es Applaus.
Pehnert verteidigt seine Arbeit. Der Film untersuche Ehrgeiz, Anpassung, Ideale und Verrat im Kontext des Kalten Krieges und des DDR-Niedergangs. Er betont: „Ein Dokumentarfilm leistet sich eine andere Herangehensweise. Und das schließt natürlich ein, dass man nicht alle Aspekte, die man vielleicht von einem solchen Thema erwartet, erfüllen kann.“
Wir haben in diesem Zusammenhang einen Buchtipp für Sie: „Kriegstüchtig. Nein Danke“ von Jörg Arnold und Peter-Michael Diestel. Hier bestellen.





