Nach 59 Jahren sprengen die Emirate das mächtigste Ölbündnis der Welt. Trump jubelt, doch die Märkte antworten mit steigenden Preisen. Alle Hintergründe zur Situation im Nahen Osten in unserer April-Ausgabe mit dem Titelthema „Gefahr für Deutschland“. Grundwissen, um mitreden zu können. Hier mehr erfahren.
Abu Dhabi, 28. April 2026. Seit 59 Jahren saßen die Vereinigten Arabischen Emirate am Tisch der einflussreichsten Ölallianz der Welt. Am 1. Mai ist Schluss. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verlassen die OPEC und das erweiterte Bündnis OPEC+ nach sechs Jahrzehnten Mitgliedschaft. Die offizielle Begründung: nationale Interessen, Kapazitätsausbau und die andauernden Störungen im Persischen Golf.
Der Austritt hatte sich zuvor angedeutet. Er ist die Kulmination jahrelanger Spannungen mit OPEC-Anführer Saudi-Arabien, sowohl über die Ölproduktionspolitik als auch über den Kampf um regionalen Einfluss. Der Iran-Krieg gab den Ausschlag. VAE-Energieminister Suhail Al Mazrouei erklärte in einem Interview: „Das ist eine Entscheidung, die wir nach einer sehr sorgfältigen und langen Überprüfung all unserer Strategien getroffen haben.“
Das schwarze Gold und seine Herren
Die OPEC wurde 1960 in Bagdad (Irak) gegründet, von Irak, Iran, Kuwait, Venezuela und Saudi-Arabien. Das erklärte Ziel: Erdölpolitik koordinieren und stabile Preise sichern. Heute umfasst sie zwölf Staaten, mit Sitz in Wien. Die VAE traten 1967 bei.
OPEC-Länder fördern gemeinsam rund 35 Prozent des weltweiten Rohöls. Ihre Exporte machen etwa die Hälfte des gesamten international gehandelten Öls aus. 79,5 Prozent der weltweiten nachgewiesenen Reserven liegen in OPEC-Ländern. Die Konstanz der Fördermengen entscheiden über die Stabilität ganzer Volkswirtschaften.
Saudi-Arabien führt das Bündnis. Das Königreich ist der weltweit größte und profitabelste Ölexporteur und fungiert als traditioneller Swing-Produzent (Produktion kann flexibel erhöht oder gesenkt werden), der den Markt ausbalancieren kann. Wer die Hähne auf- und zudreht, führt. Die OPEC wurde gegründet, damit die ölreichen Länder nicht gegenseitig die Preise unterbieten, sondern gemeinsam höhere Preise durchsetzen können.

Lange war Washington damit einverstanden und vom arabischen Öl abhängig. Amerikanische Präsidenten verließen sich jahrelang auf das Königreich, um Preisdruck auf den Ölmärkten zu lindern. Saudi-Arabien steigerte die Förderung auf Rekordhöhen auf Bitten Trumps vor den Zwischenwahlen 2018 und tat dasselbe für Obamas Wiederwahl 2012. Öl war der Klebstoff der Allianz.
Doch dann kam die Schieferöl-Revolution! Ab 2008 bohrten amerikanische Unternehmen mit neuen Horizontalbohr- und Fracking-Techniken tief in Gesteinsschichten, die zuvor unzugänglich waren. Die USA verwandelten sich von einem Nettoimporteur zu einem Nettoexporteur. Washington brauchte arabisches Öl weniger.
Riad spürte, dass sein wichtigstes Druckmittel schwand. Die Schieferrevolution untergrub OPECs Marktstellung und trieb Saudi-Arabien in die Arme Russlands. Moskau war zwar ebenfalls Nettoexporteur, doch erst die amerikanische Schieferrevolution flutete den Markt mit neuem Öl und unterhöhlte OPECs Preiskontrolle. Golfstaaten beschrieben eine wachsende Unzuverlässigkeit amerikanischer Verteidigungsgarantien. Russland litt ebenfalls unter niedrigen Preisen.

2016 gründeten Riad und Moskau gemeinsam OPEC+. Das neue Bündnis umfasste 13 OPEC-Mitglieder und 10 weitere Förderländer, darunter Russland selbst. Im Jahr 2025 produzierte die erweiterte Gruppe knapp die Hälfte des weltweiten Öls. Saudi-Arabiens Partnerschaft mit Moskau ist eine Zweckehe. Riad widersetzt sich ölbezogenen Sanktionen gegen Russland als destabilisierende Markteingriffe.
Für Washington ist das eine unbequeme Wahrheit: Der engste arabische Verbündete teilt das Steuer mit dem Kreml. Dmitri Peskow, Sprecher des russischen Präsidenten, formulierte die neue Ordnung 2016 unverblümt: Das Abkommen stehe „im Gegensatz zu den Aktionen der USA und gleiche zumindest das Chaos aus“, das Amerika verursache.
Der Bruch
Die Risse zwischen Abu Dhabi und Riad reichen tief. Die VAE litten über Jahre unter den von Saudi-Arabien angeführten Produktionskürzungen: Einen Mindestpreis festzulegen genügt nicht. Öl wird auf dem freien Markt gehandelt, nur wer das Angebot drosselt, kann die Preise tatsächlich steuern. Weniger Öl auf dem Markt bedeutet höhere Preise.
Der Irak und Russland dagegen hatten ihre Quoten routinemäßig überschritten. Wer sich an Regeln hält, verliert. Wer sie bricht, gewinnt.
Der Iran-Krieg vertiefte den Graben. Abu Dhabi warf seinen Nachbarstaaten vor, das Land während des Konflikts nicht ausreichend vor iranischen Angriffen geschützt zu haben. Anwar Gargasch, diplomatischer Berater des VAE-Präsidenten, sprach auf dem Gulf Influencers Forum Klartext:
„Die Golfstaaten haben einander logistisch unterstützt, aber politisch und militärisch war ihre Haltung die schwächste in der Geschichte.“
Al Mazrouei erklärte gegenüber CNN, warum der Zeitpunkt bewusst gewählt wurde: „Der Zeitpunkt ist richtig, weil er den Markt und die Preise nicht wesentlich beeinflussen wird, da die Straße von Hormus geschlossen ist.“ Gefragt, ob die Entscheidung mit Saudi-Arabien abgestimmt worden sei, antwortete er knapp: „Es war eine souveräne nationale Entscheidung.“
Jorge Leon, Geopolitikanalyst bei Rystad Energy, fasste es zusammen:
„Der Austritt der VAE markiert eine bedeutende Verschiebung. Während die kurzfristigen Folgen angesichts der Störungen in der Straße von Hormus begrenzt sein dürften, ist die langfristige Konsequenz eine strukturell geschwächte OPEC.“
Die VAE planen, ihre Förderung bis 2027 auf fünf Millionen Barrel täglich zu steigern und könnten bei Bedarf auf sechs Millionen erhöhen. Solange der Seeweg durch die Straße von Hormus gesperrt bleibt, erreicht das zusätzliche Öl die Weltmärkte kaum. Sobald er sich öffnet, könnte es die Notierungen empfindlich drücken.
Trumps Rechnung
Für Trump ist der Austritt ein Etappensieg. Doch die Kalkulation ist komplizierter als sein Jubel vermuten lässt. Der US-Rohölpreis überstieg nach der Ankündigung erstmals seit Wochen die Marke von 100 Dollar je Barrel. Brent kletterte auf knapp 113 Dollar. Die Notierungen steigen also vorerst, der Grund liegt weniger im VAE-Austritt als in den gescheiterten Friedensgesprächen mit dem Iran.
Ex-State-Department-Energieberater David Goldwyn warnte vor übertriebenen Erwartungen: „Es gibt ein erhebliches Risiko höherer Preisvolatilität. Aber letztlich hindert der Austritt Abu Dhabi nicht daran, bei Bedarf mit der OPEC zu kooperieren.“
Der Krieg im Nahen Osten hat längst auch Deutschland erreicht: Preise steigen, die Lage im Inneren spitzt sich zu. Die COMPACT-Ausgabe „Gefahr für Deutschland“ zeigt, warum Deutschland immer tiefer in den Konflikt gezogen wird. Hier bestellen.





