Wer glaubte, mit 65 den Tornister endgültig an den Nagel gehängt zu haben, sieht sich eines Besseren belehrt. Der neue Präsident des Reservistenverbandes hat eine schlichte Lösung für Deutschlands Bundeswehr-Nachwuchsproblem parat: Er will Reservisten künftig fünf Jahre länger unter Waffen halten. Warum die Regierung absolut untauglich ist, zeigen wir in unserer COMPACT-Ausgabe „Der Totengräber“. So geht es nicht mehr weiter. Hier mehr erfahren.

    Die Bundeswehr kämpft um Personal, und schaut dabei immer weiter nach oben auf der Altersskala. Bastian Ernst (39), neuer Präsident des Reservistenverbandes, fordert die Anhebung der Altersgrenze auf 70 Jahre. Seine Begründung:

    „Die Leute bleiben länger fit. Wir sollten diese Ressourcen von Menschen mit Lebens- und Berufserfahrung nicht verschwenden.“

    Der Vorstoß trifft einen Nerv, der weit über Deutschland hinausreicht. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, welche Rolle ältere Jahrgänge an der Frontlinie spielen: Das Durchschnittsalter ukrainischer Frontsoldaten liegt mittlerweile bei 43 Jahren, zu Kriegsbeginn 2022 waren es noch 30 bis 35. Auf russischer Seite sieht es kaum anders aus: Während zu Kriegsbeginn vor allem 21-jährige Berufssoldaten unter den Gefallenen waren, ist die Mehrheit der Toten heute über 40.

    Zum Vergleich: Im Zweiten Weltkrieg lag das Durchschnittsalter amerikanischer Soldaten bei rund 26 Jahren. Der demografische Wandel lässt in der gesamten industrialisierten Welt den Pool junger Wehrfähiger schrumpfen. Was in der Ukraine Notlösung ist, könnte in Deutschland bald Strategie werden. Ernst formuliert es unverblümt: „Wenn wir auf Seite der Jungen ein Nachwuchsproblem beklagen, dann sollten wir an der anderen Seite ebenfalls nachbessern.“

    Große Ziele, dünne Zahlen

    Parallel treibt Verteidigungsminister Boris Pistorius (66, SPD) den Ausbau der Bundeswehr voran. Bis 2035 sollen mindestens 260.000 aktive Soldaten und rund 200.000 Reservisten zur Verfügung stehen. Heute sind es 186.000 Aktive und 55.000 Reservisten. Ein ambitionierter Plan. Die Bundesregierung nennt Russland als Hauptbedrohung und macht daraus die Grundlage ihrer gesamten Militärplanung, ausgerichtet auf die Fähigkeit, große Frontabschnitte im Bündnisfall halten zu können.

    Die Bundeswehr-Werbung will die Jüngsten als Kanonenfutter anwerben. Foto: Bundeswehr

    Die Realität sieht deutlich nüchterner aus. Zwar haben laut Verband acht bis neun Millionen Deutsche gedient. Verlässlich einplanen könne man lediglich 60.000. Der Reservistenverband selbst zählt etwa 110.000 Mitglieder. Seit Januar 2026 erhalten alle 18-jährigen Männer einen Fragebogen der Bundeswehr, zwölf Fragen zur Person, Eignung und Bereitschaft.

    Männer sind zum Ausfüllen verpflichtet, für Frauen ist der Test freiwillig. Wer den Bogen verweigert, riskiert ein Bußgeld von bis zu 1.000 Euro. Ernst sieht darin erst den Anfang: „Aufgabe der neuen Wehrerfassung wird es sein, die Zahl genau zu erfassen.“

    Streitpunkt Arbeitgeber

    Brisant wird die Debatte bei einem anderen Punkt. Bislang gilt das sogenannte doppelte Freiwilligkeitsprinzip: Reservisten melden sich freiwillig zu Übungen, ihre Arbeitgeber müssen zustimmen. Genau hier setzt Ernst an. Unternehmen sollen kein Einspruchsrecht mehr haben, wenn Reservisten einberufen werden. Die Betroffenen selbst will er hingegen weiterhin freistellen:

    „Sie sollten kein Einspruchsrecht haben, wenn Reservisten zu Übungen eingezogen werden sollen. Die Reservisten selbst sollten wir aber nicht zwingen.“

    Unterstützung erhält Ernst von Thomas Röwekamp (59, CDU), Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Bundestag, der ebenfalls eine Lockerung des Freiwilligkeitsprinzips fordert. Die Bundeswehr bekäme leichter Zugriff auf Personal, während Betriebe an Einfluss verlieren.

    Tornister oder Exoskelett

    Gegen Ernsts Logik formiert sich seit Jahren Widerspruch. Der US-Politikwissenschaftler Peter W. Singer vom Brookings Institute, einer der führenden Experten auf dem Gebiet der automatisierten Kriegsführung, urteilte:

    „Das 5000 Jahre alte Monopol des Menschen, im Krieg zu kämpfen, bricht zusammen.“

    Die neueste Generation von Kampfdrohnen, so Singer, „entscheidet teilweise selbst, der Mensch sitzt nur daneben.“ Paul Scharre, ehemaliger Army Ranger, Pentagon-Berater und Autor des Standardwerks „Army of None: Autonomous Weapons and the Future of War“, schaut tiefer:

    „Menschliche Intelligenz ist oft flexibler, robuster gegenüber neuen Situationen und anpassungsfähiger.“

    Und weiter: „Während Maschinen möglicherweise schneller reagieren, werden Menschen in einer neuen Situation oft besser abschneiden, besonders wenn sie nicht in den Trainingsdaten vorgesehen war.“

    Genau deshalb forscht DARPA, die Agentur des US-Verteidigungsministeriums, die einst das Internet, GPS und Tarnkappentechnologie entwickelte, an der Verschmelzung von beidem: Exoskelette, die Soldatenkräfte vervielfachen, Gehirn-Computer-Schnittstellen, die per Gedankenkraft steuerbar sein sollen. Transhumanismus auch im Krieg!

    Was in Filmen wie „Predator“ oder „Iron Man“ nach Fantasie aussah, ist in amerikanischen Laboren längst Gegenstand von Milliardeninvestitionen. Das US-Verteidigungsministerium legte 2019 den Bericht „Cyborg Soldier 2050“ vor, der vier konkrete Technologien benennt, die bis 2050 realisierbar sein sollen: Sehverstärkung, computergesteuerte Muskelanzüge, Hörverbesserung und direkte Gehirn-Computer-Schnittstellen.

    Gefährliche Waffe: In «The Creator» (2023) verfügt Cyborg-Kind Alpha-O (Madeleine Yuna Voyles) über die Fähigkeit, Technologie aus der Ferne auszuschalten. Foto: 20th Century Fox

    Folgt man dieser Logik, beschreibt die Geschichte der Kriegsführung einen großen Bogen: Von den kleinen, hochspezialisierten Eliteheeren der Antike und des Mittelalters über die Massenarmeen des 19. und 20. Jahrhunderts zurück zu kleinen, schlagkräftigen Einheiten, deren Kraft durch Technologie vervielfacht wird.

    Martin van Creveld, emeritierter Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, dessen Werk „Die Zukunft des Krieges“ in nahezu jeder westlichen Militärakademie als Standardwerk gilt, beschrieb diesen Trend bereits 1991: Konventionelle Massenheere verlören gegenüber kleineren, hochmobilen Verbänden zunehmend an Bedeutung.

    Für Bastian Ernst und seinen Ostfront-Romantik stellen sich damit größere Fragen als die nach Fitness und Erfahrung.

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