Adenauer finanzierte Israel die Atombombe. Mit deutschen Steuermilliarden, das eigene Land im Dunkeln gelassen, gegen den Willen von Kennedy und De Gaulle. Was in einem New Yorker Hotelzimmer besiegelt wurde, bleibt bis heute unter Verschluss. Unsere April-Ausgabe mit dem Titelthema ,,Gefahr für Deutschland“ zeichnet nach, was Trump und Netanjahu antreibt. Hier mehr erfahren. 

    New York, März 1960. Das Waldorf Astoria ragt in der Abendsonne über die Park Avenue, umgeben von den Hochhäusern Manhattans. In einem abgeschirmten Salon des Nobelhotels sitzt Konrad Adenauer, Kanzler der jungen Bundesrepublik, dem israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion gegenüber.

    Es geht um einen Reaktor in der Negev-Wüste, in der Stadt Dimona, ausgelegt zur Herstellung von Kernwaffen. Brisant: Adenauer hatte seinen Staatssekretär Hans Globke mitgebracht, einen früheren Chefkommentator der Nürnberger Rassegesetze. Ben-Gurion störte sich nicht daran.

    Waldorf Astoria Hotel, Park Avenue, New York. Hier trafen sich Adenauer und Ben-Gurion am 14. März 1960 zu ihrem Geheimgespräch. Foto: Onyo, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

    Wenig später sagt Bonn einen Kredit in Milliardenhöhe zu. Die Mittel fließen unter dem Deckmantel der Negev-Erschließung. Das Parlament bleibt außen vor, wie wir in unserer April-Ausgabe „Gefahr für Deutschland“ dokumentieren.

    Was damals im Verborgenen geschah, ist heute durch Archivfunde, Gerichtsakten und Zeitzeugenberichte belegt. Dokumente, die COMPACT bereits 2012 auswertete, zeigen: Ohne deutsche Finanzhilfe hätten die Israelis ihre nukleare Geheimrüstung nicht bis zur Waffenreife bringen können. Die Nuklearwaffen des Landes waren dabei nicht nur gegen die Feinde im Nahen Osten gerichtet, sondern auch als Option gegen europäische Städte.

    Was in jenem Salon vereinbart wurde, gehört zu den bestgehüteten Staatsgeheimnissen der Bundesrepublik. Die KfW verweigert bis heute die Herausgabe der Dokumente.

    Entwicklungshilfe als Vorwand

    Die Anfänge des israelischen Atomprogramms liegen sieben Jahrzehnte zurück. Nach dem Suezkrieg 1956 schloss Ben-Gurion einen Deal mit dem französischen Ministerpräsidenten Guy Mollet: Paris half beim Bau eines Kernreaktors und einer Wiederaufbereitungsanlage in der Negev-Wüste.

    Mehrere hundert französische Techniker wurden nach Dimona entsandt. Mit der Rückkehr von Charles de Gaulle in den Élyséepalast 1958 endete diese Kooperation abrupt. De Gaulle wollte keine neue Atommacht im Nahen Osten. Auch US-Präsident Eisenhower war strikt dagegen. Israel stand ohne Partner da.

    De Gaulle und Adenauer, 1958. Der französische Präsident verfolgte einen Kurs der Unabhängigkeit gegenüber der NATO.Foto: Bundesarchiv

    Die Bundesrepublik sprang in die Lücke, nicht ganz freiwillig. Bonn fürchtete um seine lukrativen Beziehungen zur arabischen Welt. Israel wusste, welchen Hebel es ansetzen musste. Unterhändler Josef Cohn ließ Adenauer wissen, die Zusammenarbeit sei ein „konstruktiver Beitrag zum Abbau des Antisemitismus“. Ohne deutsche Hilfe könne man für ein „normales und freundschaftliches Verhältnis“ nicht garantieren. Adenauer hatte die Warnung verstanden. In einem Interview sagte er: „Die Macht der Juden, auch heute noch, insbesondere in Amerika, sollte man nicht unterschätzen.“

    Ab 1960 begannen deutsche Subventionen zu fließen, angeblich zur Finanzierung eines Entwicklungsprojektes in der Negev-Wüste. Die Historikerin Gaby Weber kommentierte das trocken in ihrem Buch Eichmann wurde noch gebraucht:

    „Das Einzige, was damals dort im Bau war, war das Atomkraftwerk Dimona, samt seiner versteckten unterirdischen Anlagen.“

    Dass dies auch den bundesdeutschen Stellen klar war, belegt ein „streng geheimer“ Aktenvermerk des damaligen Außenamtstaatssekretärs und späteren Bundespräsidenten Karl Carstens: „Bundesminister Strauß ist vor wenigen Tagen mit Ben Gurion zusammengetroffen. Ben Gurion ist auf die Produktion atomarer Waffen zu sprechen gekommen. Und weiter:

    „In dem Gespräch habe Ben Gurion erklärt, der Herr Bundeskanzler habe ihm versprochen, dass sich die Bundesrepublik an der Erschließung der Negev-Wüste beteiligen werde.“

    Zunächst wurden drei Millionen D-Mark bewilligt. Das genügte nicht. Am 14. März 1960 trafen sich Adenauer und Ben-Gurion im Waldorf Astoria zu Geheimverhandlungen. Der Kanzler sagte einen Kredit über zwei Milliarden D-Mark zu, verteilt über zehn Jahre. Über Tilgung und Zinsen wurde nichts vereinbart. Weder den Bundestag noch das Kabinett unterrichtete Adenauer. In den Akten des Auswärtigen Amtes findet sich bis heute kein Vertragstext.

    Aktion Geschäftsfreund

    Den Transfer des Geldes übernahm Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs, ein enger Intimus Adenauers. Der interne Deckname in den Dokumenten des Auswärtigen Amtes für die gesamte verschleierte Geldtransfer-Operation lautete schlicht „Aktion Geschäftsfreund“.

    Als Verwendungszweck tauchen in den Papieren Begriffe wie „Textilfabrik“ und „nukleare Entsalzungsanlage“ auf. In Israel galt der Begriff „Textilfabrik“ unter Insidern als geläufiger Deckname für Nukleareinrichtungen.

    Es blieb nicht beim Finanziellen. Am 31. Oktober 1960 schickten die deutschen Firmen Degussa und ihre Tochter Nukem fünf Tonnen Uran nach Dimona, die man für die Erstbeladung des Reaktors brauchte. Die Lieferung wurde verdeckt über Argentinien abgewickelt.

    Das Satellitenfoto vom Februar 2021 zeigt das Kernforschungszentrum Negev in der Nähe von Dimona, Israel. Foto: Planet Labs Inc

    Als einen Monat später der fortgeschrittene Fertigungsstand der Anlage von den USA entdeckt wurde, war man in Washington empört. Der israelische Botschafter wurde einbestellt. Was die Amerikaner damals noch nicht wussten: Die geschätzten Baukosten von 100 bis 200 Millionen US-Dollar waren aus Adenauers Entwicklungshilfe „zur Erschließung der Negev-Wüste“ leicht finanzierbar.

    Die KfW, über die ein Teil der Gelder floss, verweigert bis heute die Herausgabe der entsprechenden Dokumente. Anders als bei allen anderen deutschen Entwicklungskrediten jener Zeit musste Israel nie offenlegen, wofür die Mittel verwendet wurden. Der sicherheitspolitische Experte Hans Rühle, der lange höchste Stellen im Bonner Verteidigungsministerium bekleidete, resümierte 2015 in der Welt ohne Umschweife:

    „Die Bundesrepublik finanzierte seit 1961 das israelische Nuklearwaffenprogramm, getarnt als Beitrag zur Entwicklung des Negev.“

    Die Zahlungen liefen weit über Adenauers Amtszeit hinaus. Zwischen 1961 und 1965 flossen insgesamt 629,4 Millionen DM nach Israel. Auch unter Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard wurden die Zahlungen fortgesetzt: 1966 und 1967 je 160 Millionen DM, anschließend bis 1973 jährlich 140 Millionen DM. Die zunächst vorgesehene Rückzahlungspflicht Israels wurde 1989 faktisch aufgehoben. In heutiger Kaufkraft entspricht die Gesamtsumme rund fünf Milliarden Euro.

    Ziel: Europa

    Was mit deutschem Geld in der Negev-Wüste gebaut wurde, richtet sich nicht nur gegen Israels Feinde im Nahen Osten. David Hirst, jahrzehntelanger Nahost-Korrespondent des Guardian und Autor des 1977 erschienenen Standardwerks The Gun and the Olive Branch (Die Waffe und der Olivenzweig),  zitiert in der 2003 erschienenen Neuauflage seines Buches Martin van Creveld, Professor für Militärgeschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Van Creveld formulierte ohne Umschweife, wozu Israels Atomarsenal bestimmt ist:

    „Wir besitzen mehrere hundert Atomsprengköpfe und Raketen und können sie in alle Richtungen abfeuern, auch auf Rom. Die meisten europäischen Hauptstädte sind Ziele unserer Luftwaffe. Wir haben die Fähigkeit, die Welt mit uns in den Abgrund zu reißen. Und das wird passieren, bevor Israel untergeht.“

    Wer die Bombe bezahlte, wer die Trägersysteme lieferte und wer bis heute schweigt, wenn man nachfragt, das sind keine abstrakten Fragen der Vergangenheit. Es sind Fragen, deren Antworten auf europäische Städte zeigen.

    Kennedy, De Gaulle und die Schüsse in Dallas

    Mit dem Einzug von John F. Kennedy ins Weiße Haus versteifte sich der amerikanische Widerstand gegen Israels Nuklearambitionen. „Kennedy wird wie kein zweiter US-Präsident versuchen, die israelische Bombe zu verhindern“, resümiert die Arte-Dokumentation Israel und die Bombe aus dem Jahr 2012. Auch De Gaulle lehnte Israels Atomrüstung ab. Adenauer stand damit als einziger westlicher Staatsmann, der half.

    Die Schüsse in Dallas 1963 setzten Kennedys Versuchen ein jähes Ende. Im Frühsommer 1967 wurde die erste israelische Atombombe fertiggestellt. Heute schätzt man das Atomarsenal Israels auf 100 bis 400 Sprengköpfe, darunter Neutronenwaffen und Mini-Wasserstoffbomben.

    Tatort Dallas: Der von mehreren Kugeln getroffene John F. Kennedy und seine Frau Jackie. Szene aus dem Film von Oliver Stone. Foto: Warner Bros.

    Auch Israels späterer Staatspräsident Shimon Peres, der von Anfang an auf israelischer Seite die Fäden zog, ließ keinen Zweifel am Zusammenhang. Ben-Gurion habe einen klaren Zusammenhang zwischen dem Eichmann-Prozess, einem Verteidigungssystem gegen einen etwaigen neuen Holocaust und dem in Dimona gebauten Reaktor hergestellt.

    Dass Ben-Gurion Eichmann jahrelang unbehelligt ließ, obwohl sein Aufenthaltsort bekannt war, ist nach COMPACT-Recherchen aus dem Jahr 2012 kein Zufall: Sein Schweigen war der Preis für Adenauers Milliarden. Adenauer fürchtete, Eichmann könnte im Falle einer Verhaftung seinen Staatssekretär Globke belasten, der als Chefkommentator der Nürnberger Rassegesetze tief in die Vorbereitung des Holocaust verstrickt war.

    Deutsche U-Boote für Israel

    Die Zusammenarbeit endet nicht in den sechziger Jahren. Bis heute beteiligt sich Deutschland an militärischen Projekten mit strategischer Reichweite. Sechs U-Boote der Dolphin-Klasse und drei der Dakar-Klasse lieferte die Bundesrepublik an Israel. Die von Israel bestellte Bestückung mit besonders großkalibrigen Torpedorohren macht sie für das Verschießen von Nuklearsprengköpfen ideal.

    Die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen fragte in der vergangenen Legislaturperiode, inwiefern diese atomwaffenfähigen Trägersysteme durch den deutschen Staat subventioniert wurden. Die Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Hitschler vom 30. Januar 2024:

    „Die Beantwortung der Frage kann in offener Form nicht erfolgen. Eine zur Veröffentlichung bestimmte Antwort der Bundesregierung würde bei Kenntnisnahme durch Dritte ggf. zu politischen Verwerfungen in den deutsch-israelischen Beziehungen führen.“

    Der Befund zieht sich durch Jahrzehnte. Entscheidungen fallen im kleinen Kreis. Parlamentarische Kontrolle bleibt begrenzt. Und wer nachfragt, erhält eine Antwort, die keine ist. Von Adenauers Geheimkredit bis zu Hitschlers Schweigen hat sich das Prinzip nicht verändert. Nur die Summen sind gewachsen.

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