Das deutsche Netz von Jeffrey Epstein. Vorabdruck aus der Aprilausgabe von COMPACT-Magazin. In Jeffrey Epsteins Freundeskreis finden sich zahlreiche Deutsche. Für eine systematische Auswertung der Akten sieht die Bundesregierung dennoch keinen Anlass. COMPACT hilft ihr auf die Sprünge.

    _von Johann Leonhard

    Das Dokument mit der Bezeichnung «EFTA01816382.pdf» zeugt von Abgründen, die man sich nicht ausmalen will – und belegt eine intime Freundschaft. Es entstammt dem jüngsten Schwung freigegebener Epstein-Akten und zeigt eine Unterhaltung zwischen dem High-Profile-Kinderhändler und einem Mann namens Dr. Henry Jarecki.

    «Ich hoffe Du kommst nicht zur Besinnung. Und wann ist die Party?» Jarecki an Epstein

    Am Morgen des 22. Juli 2009, schreibt Epstein – er war gerade aus der Haft entlassen worden, nachdem er 13 der eigentlich geforderten 18 Monate Haft wegen Prostitution Minderjähriger abgesessen hatte –, seinem Kumpel drei erlösende Worte: «Frei und zuhause.» Jarecki antwortet prompt: «Der König ist zurück!» Und weiter: «Ich hoffe, Du kommst nicht zur Besinnung. Und wann ist die Party?»

    Dr. Jarecki und Mr. Hyde

    Wer ist der Doktor, der so demonstrativ zu einem verurteilten Pädokriminellen hält und die nächste Fete kaum erwarten kann? 1933 geboren in Stettin, später ausgewandert in die USA, studierte Jarecki (92) Medizin und Psychiatrie an der Columbia Universität, lehrte später an der Elite-Uni Yale. Der Handel mit Edelmetallen und der Verkauf eines Unternehmens namens Moviefone brachten ihm ein dreistelliges Millionenvermögen ein. Mehrere Inseln in der Karibik nennt Jarecki heute sein Eigen. Sein Eiland Guana liegt rund 60 Kilometer entfernt von Epsteins Little Saint James.

    Pikant: Jarecki ist seit 2014 Ehrensenator der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und noch dazu Träger des Bundesverdienstkreuzes. Die Ehrenplakette «für seinen herausragenden Einsatz bei der Förderung der Wissenschaften in Deutschland» und sein «Eintreten für die deutsch-amerikanischen Beziehungen» verlieh ihm 2016 die damalige baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne).

    Als Mäzen eines Stadtentwicklungsprojektes in Heidelberg pumpte Jarecki mit seiner Max-Jarecki-Stiftung 250 Millionen in die Stadtkasse. Das ZDF nannte ihn Ende Februar «eine Art transatlantischen Goldesel». Noch im Oktober 2025 ließ sich der strahlende Senior mit der CDU-Politikerin Nicole Huber aus Baden-Württemberg ablichten. Die nutzte für Termine in den USA offenbar Jareckis Tagungsräume. Von dessen Verbindungen zu Epstein habe sie nichts gewusst, sagt sie. Ob das stimmt?

    Epsteins Horror-Hausarzt

    Gegen den Psychiater steht seit Mitte 2024 der Vorwurf der «Sexsklaverei» im Raum. Ein «namenloses Model, das unter dem Pseudonym Jane Doe 11 auftritt» (Reuters), strengte im Juni 2024 eine Zivilklage gegen Jarecki an. Die Frau beschuldigte ihn, sie «seit 2011 Dutzende Male vergewaltigt zu haben, nachdem Epstein sie nach seinen eigenen sexuellen Übergriffen zur psychologischen Behandlung überwiesen hatte». Er habe «sie dazu gezwungen, seine moderne Sexsklavin zu sein”, heißt es in der Anklage wörtlich. Der Psychiater wird als Epsteins «Hausarzt» («go-to-doctor») für seine Opfer bezeichnet – man erahnt ein perfides System. Laut Anklage habe der Horror-Arzt sie schließlich auch «gezwungen, mit anderen Männern Sex zu haben, während er zusah» (CNBC).

    Feuchtfröhliche Runde: Die Epstein-Vertraue Nicole Junkermann mit Bleistift-Fabrikant Patrick von Faber-Castell (l.) und Sänger Haddaway («What is Love») im Mai 2001 auf einer Mallorca-Party. Foto: Franziska Krug / Getty Images

    Jarecki bestreitet jegliches Fehlverhalten. Seine Anwälte bezeichneten die Aussagen der misshandelten Frau als «lächerlich» und betonten, dass man es bei Jarecki mit einem «angesehenen Arzt, Geschäftsmann und Philanthropen» zu tun habe. In einer Stellungnahme Anfang Juni 2024 behauptete Jarecki allen Ernstes, «eine einvernehmliche, offene und von gegenseitigem Respekt geprägte Beziehung» zu der Frau gehabt zu haben.

    «Eine ”einvernehmliche” Beziehung zu einer 60 Jahre jüngeren Patientin, die von Jeffrey Epstein vermittelt wurde und bekanntermaßen Opfer sexuellen Missbrauchs ist, ist, gelinde gesagt, eine kreative ”Verteidigung”», befand Brad Edwards, ein Anwalt der Klägerin. Doch Jarecki brauchte am Ende keine Verteidigung. Die Anklage löste sich Anfang April 2025 in Luft auf, weil das anonyme Model sie «freiwillig zurückgezogen» habe. «Wie es dazu kam, ist unklar», kommentiert NTV schmallippig.
    Blankoscheck für einen Transhumanisten

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    Zu deutschen Kontakten von Jeffrey Epstein gehörte auch der KI-Forscher und Kognitionswissenschaftler Joscha Bach. «Das ist Joscha Bach, mein Mann für künstliche Intelligenz, den ich aus Berlin mitgebracht habe», schrieb Epstein in einer Mail aus dem Jahr 2014 stolz an den Ex-US-Finanzminister Larry Summers.

    Bachs Forschungsprojekte am Massachusetts Institute of Technology bezuschusste Epstein ab 2013 – also Jahre nach seiner erster Verurteilung! – mit rund 300.000 Dollar. Insgesamt könnten sich seine Finanzspritzen für das KI-Superhirn zwischen 2013 und 2019 auf «mehr als eine Million Dollar» addiert haben, so der Spiegel. «Sie müssen sich in den nächsten fünf Jahren keine Gedanken um Geld machen», zitiert das Magazin Science eine Mail von Epstein an Bach aus dem Jahr 2014.

    Für Epstein sicher interessant: Bach arbeitete nach dem Studium «für eine Non-Profit-Organisation, die sich mit der philosophischen Denkrichtung des Transhumanismus befasste, also mit der Idee, Schnittstellen zwischen Mensch und Technologie zu schaffen», so der Spiegel.

    Handbuch für Straftäter

    Verräterisch: Im Jahr 2009 mailte Dr. Henry Jarecki seinem frisch aus der Haft entlassenen Freund Jeff einen Entwurf für ein Buchprojektl. Der Titel: Was ist, wenn ich erwischt werde? Aus der Gliederung lässt sich entnehmen, wie er mit seinen Opfern beziehungsweise Anklägern umzugehen gedachte: «Sammeln Sie Beweise zur Glaubwürdigkeit und zum Charakter der Opfer und der Zeugen der Anklage (Privatdetektive und Internet).» Eigene Kapitel haben außerdem die Themen «Auslieferungsgesetze in Israel», «Familienkontakt, während man untergetaucht ist» und «Mehrere Reisepässe». Auf die Unterstützung von Epstein konnte sich Jarecki immer verlassen. Im Juni 2010 schrieb der Amerikaner an seinen deutschen Freund: «Wenn es etwas gibt, was ich tun kann, kannst du auf mich zählen.» Jarecki antwortete: «Danke. Ich weiß.»

    Die Gedankenwelt, die Epstein und Bach teilten, wird in einem Mailaustausch der beiden von Ende Juli 2016 deutlich: «Juden tendieren dazu, intellektuell unabhängig und anti-autoritär zu sein, was sie womöglich kreativ und erfinderisch macht auf eine Weise, die in Asien schwer zu finden ist.» Noch verstörender: «Vielleicht ist der Klimawandel eine gute Art, mit der Überbevölkerung umzugehen. Der Waldbrand der Erde. Möglicherweise eine gute Sache für die Spezies.» Und weiter: «Zu viele Menschen, also viele Massenmorde an den Alten und Schwachen, das ergibt Sinn.»

    Epsteins Hand im Kanzleramt

    Eine weitere Epstein-Verbindung nach Deutschland: Philippa Sigl-Glöckner – ein erstaunlich multitalentierten Wunderkind, das bereits 2013 (im Alter von zarten 23 Jahren) als Analystin bei der Weltbank anheuerte. In einem Tandem mit dem ehemaligen britischen Premier Tony Blair beriet Sigl-Glöckner später das Finanzministerium des afrikanischen Staates Liberia.

    «Ich kann nicht schlafen, ich denke an Jeffrey.» Nicole Junkermann

    2018 fing die aufstrebende Ökonomin im Bundesfinanzministerium an, während sie gleichzeitig einen Master-Abschluss in Informatik absolvierte (ohne vorher einen entsprechenden Bachelor-Abschluss erworben zu haben). In nur einem Jahr arbeitete sie sich zur persönlichen Referentin und Büroleiterin des Staatssekretärs Wolfgang Schmidt (SPD) hoch, mit dem sie bis heute liiert ist.

    Schmidt wurde später Kanzleramtsminister in der Ampel-Regierung. Was man dazu wissen muss: Als Kanzleramtsminister ist man auch für die Koordinierung der deutschen Geheimdienste zuständig. Das ist deshalb relevant, weil eine gewisse Melanie Walker – Sigl-Glöckners damalige Vorgesetzte bei der Weltbank – Ende Juni 2018 an Jeffrey Epstein schreibt: «Philippa hat ihren Master in Informatik abgeschlossen und beginnt eine Stelle beim super-elitären deutschen Geheimdienst, wo sie im Finanzministerium eingesetzt wird, um Geldflüsse zu verfolgen.»

    Zeitlich passt die Affäre in den Zeitraum, in dem Finanzminister Olaf Scholz und Sigl-Glöckners Lebensgefährte Wolfgang Schmidt bis über beide Ohren im Wirecard-Skandal steckten. Sigl-Glöckner verhandelte für Deutschland den Wirecard-Zugang zum chinesischen Markt, wie Bundestagsprotokolle belegen. War Wirecard ein Geheimdienstprojekt? Und war Sigl-Glöckner eine Doppel-Agentin für Epstein?

    Ein Herz für Jeffey

    «Anhaltspunkte für deutsche Bezüge zu den Epstein-Akten systematisch untersuchen» – so lautete der Titel einer AfD-Initiative vom 5. März 2026, der das Epstein-Netzwerk erstmals zum Thema im Bundestag machte. Die AfD fordert eine Sonderkommission, die sich der Untersuchung der deutschen Verbindungen widmet, um ein «mögliches Erpressungspotential» auszuschließen. Der Antrag fiel durch.

    «Vielleicht ist der Klimawandel eine gute Art, mit der Überbevölkerung umzugehen.» Joscha Bach

    Mit der Durchleuchtung beginnen könnte die Bundesregierung auch beim deutsch-französischen Unternehmer und Prinz-Andrew-Berater David Stern oder dem ehemaligen Chief Financial Officer (CFO) der Deutschen Bank Stefan Krause. Beide hatten intensive Kontakte zu Epstein. Noch enger war das Band zwischen Epstein und der Düsseldorfer Millionärserbin Nicole Junkermann. Die heutige Gräfin (sie heiratete einen italienischen Milliardär) ist die Tochter des Technologie-Pioniers Heinz Junkermann, der (ähnlich wie Jarecki) mit Banking, Immobilien und Schmuck ein Vermögen machte. Das Handelsblatt rechnete Junkermann 2021 zu den «100 Frauen, die Deutschland voranbringen».

    Epstein war es, der Nicole Junkermann 2014 durch seine Kontakte auf die Liste des Young-Global-Leaders-Programm des WEF setzte. «Du bist meine Geheimwaffe», schriebt Nicole ihrem Jeffrey, den sie an anderer Stelle auch «Baby» und «Mr. Wonderful» nannte, im Februar 2013, nachdem dieser sie zu einem Treffen mit Microsoft-Gründer und Impf-Papst Bill Gates eingeladen hatte.

    Ziemlich beste Freunde: Heidelberg-Psychiater Henry Jarecki (r.) und Epstein. Foto: U.S. Department of Justice

    Später bietet Epstein ihr sogar einen Job an: «Warum überlegst du dir nicht, (…) mit mir zusammenzuarbeiten, die interessantesten Menschen der Welt zu organisieren?» In einer Mail von 2013 an Jeffey zitiert Junkermann eine Passage, die sie aus ihrem Tagebuch aus dem Jahr 2003 entnommen hat. Wir lesen: «Ich kann nicht schlafen, ich denke an Jeffrey. Es gibt nur wenige Menschen in meinem Leben, mit denen ich Zeit verbringen möchte – er ist einer von ihnen.»

    Dieser Artikel erschien im COMPACT-Magazin 04/2026. Diese Ausgabe können Sie in digitaler oder gedruckter Form hier bestellen.

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