Vor 930 Jahren brach ein europäisches Heer in den Nahen Osten auf, nachdem Papst Urban II. die Christenheit unter der Losung „Gott will es“ zu den Waffen gerufen hatte. Doch dieser Kreuzzug diente nicht der Eroberung, sondern dem Schutz des Heiligen Landes und seiner Bevölkerung – egal ob Christen, Juden oder Muslime. Als Held dieser Tage ging ein Herzog in die Geschichte ein, dessen Leben und Wirken in dem Kinderbuch „Gottfried von Bouillon – Der erste Kreuzritter“ jungen Lesern nähergebracht wird. Hier mehr erfahren.
Es war das Jahr 1095, als sich im südfranzösischen Clermont ein Ereignis zutrug, das die Geschichte Europas und des Nahen Ostens für immer verändern sollte: das Konzil von Clermont. Hier sprach Papst Urban II. Worte, die wie ein Donnerschlag durch das gesamte Abendland hallten. Er berichtete von den Leiden der Christen, von geschändeten Heiligtümern und von frommen Pilgern, die auf dem Weg nach Jerusalem beraubt, misshandelt oder getötet wurden.
Zuvor hatte der oströmische Kaiser Alexios I. Komnenos die Brüder im Westen um Hilfe angefleht. Die seldschukischen Türken, fanatische Krieger im Namen Allahs, hatten Kleinasien überrannt, Jerusalem erobert und die Pilgerwege mit Blut getränkt. Kirchen wurden von ihnen entweiht, Frauen und Kinder als Sklaven verschleppt. „Die Heiden haben die Heilige Kirche fast vernichtet“, beklagte der Chronist Bernold von St. Blasien.
Der Aufruf des Papstes
Vor dem Papst standen in Clermont nun Bischöfe, Ritter und Priester, die Herzen schwer von den Berichten über die Schrecken im Heiligen Land. „Eure Brüder im Osten brauchen eure Hilfe!“, rief er mit donnernder Stimme. „Die Türken und Araber haben sie angegriffen, ihre Ländereien erobert, Kirchen zerstört und Tausende von Pilgern hingemetzelt!“ Dann folgten jene Worte, die in die Geschichte eingehen sollten:
„Lasst jene, die bisher ungerecht gegen die Gläubigen Krieg führten, nun gegen die Ungläubigen ziehen und diesen Krieg beenden, der längst hätte beginnen sollen!“
Die Menge rief zurück:
„Deus vult!“ – „Gott will es!“
Papst Urban II. versprach Sündenablass für alle, die aufgrund ihres Glaubens in den Kampf zogen – nicht für Gold oder Ruhm, sondern zur Befreiung des Heiligen Grabes. „Nur wer aus Frömmigkeit und nicht zur Erlangung von Ehre und Geld zur Befreiung der Kirche Gottes nach Jerusalem aufgebrochen ist, dem soll die Reise auf jede Buße angerechnet werden“, hieß es im Dekret des Konzils.

Heerführer Gottfried von Bouillon
Unter der Losung „Deus vult!“ erwuchs ein Heer von Kreuzfahrern. Keine Söldner, keine Plünderer – fromme Ritter, die ihre Burgen verkauften, ihre Ländereien verpfändeten, um das Kreuz zu nehmen. Unter ihnen ragte einer heraus wie ein Leuchtturm des Glaubens: Gottfried von Bouillon. Herzog von Niederlothringen, Neffe eines Papstes und Sohn einer heiligen Mutter.
Mit 18 Jahren hatte er das Herzogtum geerbt – und mit ihm das Schloss Bouillon, das einst Karl Martell gegen die Mauren verteidigt hatte. Er kämpfte für Heinrich IV. gegen den Gegenkönig, doch nun zog er hinaus für Jesus Christus. Mit seinen Brüdern Balduin und Eustach brach er im August 1096 auf. 80.000 Fußsoldaten und 10.000 Reiter folgten ihm. „Er verkaufte alles, was er besaß, um das Heer zu rüsten“, berichten die Chroniken. Andere schlossen sich an: der fromme Raimund von Toulouse, der kühne Boemund von Tarent, Tankred, Robert von Flandern – alle getrieben vom Feuer des Glaubens.
Die Schlacht um Nikaia
Die Kreuzfahrer zogen durch Deutschland, Ungarn, den Balkan. Hunger, Krankheiten und Verrat lauerten überall auf ihrem Weg. Der sogenannte Volkskreuzzug unter Peter dem Eremiten, ein wilder Haufen von Bauern und Abenteurern, brach früher auf und wurde in Kleinasien von den Türken niedergemacht – eine Mahnung, dass nur Disziplin und Gebet siegen konnten.

Doch Gottfrieds Schar war anders. Seine Ritter beteten vor jeder Schlacht, feierten Messen, legten sich Bußübungen auf. In Konstantinopel trafen sie auf den byzantinischen Kaiser, der sie mit gemischten Gefühlen empfing. Alexios fürchtete ihre Stärke, doch er brauchte sie. Eid um Eid wurde geleistet: Eroberte Städte sollten an Byzanz fallen.
Dann begann der wahre Sturm. Im Frühjahr 1097 überquerten sie den Bosporus. Erstes Ziel: Nikaia, die Stadt der großen Konzilien. Sechs Wochen Belagerung. Gottfried führte die Vorhut, räumte eine uralte Römerstraße frei. Ein seldschukischer Bogenschütze verspottete die Christen von der Mauer – ein einziger Armbrustschuss Gottfrieds fällte ihn. Die Stadt fiel, die Kreuzritter zogen weiter.
Die Eroberung von Antiochia
Bei Doryläum, im Sommer 1097, lauerte das türkische Heer Kilidsch Arslans – 150.000 Reiter gegen die erschöpften Christen. Boemunds Abteilung geriet in einen Hinterhalt. Pfeile sausten durch die Luft, Schreie gellten. Da brach Gottfrieds Schar durch die Linien. „Gott will es!“, hallte es über das Schlachtfeld. Die Türken flohen in Panik.
Weiter ging es, durch brennende Hitze, Wüsten ohne Wasser. Antiochia wartete – eine uneinnehmbare Festung, umlagert von 300.000 Kreuzfahrern. Monate des Elends: Hungersnot, Regen, Kälte, Desertion. Ritter aßen ihre Schuhriemen, viele flohen. Doch Boemund bestach einen Verräter im Turm. In der Morgendämmerung kletterten sechzig Krieger – darunter Gottfried – eine Leiter hinauf. Die Stadt fiel.
Kaum hatten sie Atem geschöpft, nahte Kerboghas riesiges Entsatzheer. Wieder Hunger, Verzweiflung. Da, die Vision: Die Heilige Lanze, der Speer des Longinus, der Jesus am Kreuz in die Seite gerammt wurde, geriet in ihre Hände. Am Fest der Apostelfürsten stürmten die Kreuzritter in zwölf Scharen hinaus – eine jede zu Ehren eines Apostels.
Gottfried hielt vor der Schlacht eine flammende Rede:
„Wir sind fromme Verehrer des lebendigen Gottes und unseres Herrn Jesus Christus, in dessen Namen wir in die Schlacht ziehen. Unsere Feinde vertrauen auf ihre eigene Stärke; wir jedoch im Namen des lebendigen Gottes. Vertrauend auf seine Barmherzigkeit, zögern wir nicht, gegen Ungläubige zu kämpfen. Denn wir gehören dem Herrn, ob wir leben oder sterben.“
Mit einem Schwertstreich spaltete Gottfried einen gepanzerten Reiter und sein Pferd. Die Türken flohen, viele konvertierten. Antiochia war christlich.

Sturm auf Jerusalem
Im Juni 1099, nach endlosem Marsch durch Syrien, nur noch 40.000 Mann – die Hälfte kampffähig –, standen die Kreuzfahrer vor Jerusalem. 60.000 Fatimiden standen ihnen entgegen. Fünf Wochen Belagerung. Durst quälte sie, Brunnen waren vergiftet. Genuesische Schiffe brachten Holz für Türme.
Am 13. Juli begann der Sturm, nachdem die Kreuzfahrer in der frühsten Morgenstunde das heilige Abendmahl empfangen hatten. Die Belagerten fügten den Anstürmenden nicht nur durch die von der Höhe herabgeworfenen Steine schwere Verwundungen zu, sondern schleuderten auch Pfeile, die mit Schwefel, Pech und anderen brennbaren Substanzen versehen waren, und brennende Balken, deren Feuer durch Wasser nicht gelöscht werden konnte, auf die Christen herab.
Am folgenden Morgen wurde der Sturm erneuert, doch auch an diesem Tag war den Kreuzfahrern kein Sieg beschieden. Nach einem siebenstündigen Kampf hatte man noch keinen nennenswerten Erfolg errungen. Schon dachten die Fürsten daran, die Fortsetzung des Angriffs auf den folgenden Tag zu verschieben, als plötzlich Herzog Gottfried auf dem Ölberg einen Ritter erblickte, der, seinen strahlenden Schild schwenkend, dem Volk Gottes das Zeichen zur Fortsetzung des Kampfes gab.
Die Muselmanen hielten weiter dagegen, bis es einigen Kreuzfahrern gelang, die mit Stroh und Baumwolle gefüllten Säcke, mit denen die Türken die Mauer schützen wollten, durch brennende Pfeile in Flammen zu setzen. Da der Wind den Verteidigern den Rauch ins Gesicht trieb und sie dadurch kampfunfähig wurden, verließen sie ihren Posten. Gottfrieds Turm rollte ans Zentrum der Mauer. Von der obersten Plattform kämpfte er, hielt mit bloßen Händen einen brechenden Balken. Visionen des heiligen Georg feuerten seine Männer an.
Gottfried war es denn auch, der als einer der ersten über die erstürmte Mauer in die Stadt vordrangen. Ihm folgten sein Bruder Eustach, Herzog Robert von der Normandie und der Graf von Flandern. Während Gottfried von Bouillon durch mehrere Ritter das nächste Tor öffnen ließ, um seinen Männern ein rascheres Eindringen in die Stadt zu ermöglichen, drängte auch der Graf Raimund, dessen Turm in der Nähe der Burg Zion stand, die dort noch immer mit dem Mut der Verzweiflung kämpfenden Muslime von der Mauer zurück, worauf auch das südliche Tor geöffnet wurde. Am 15. Juli schließlich war Jerusalem war frei.

Das Königreich im Nahen Osten
Was folgte, war kein Triumphgeheul, sondern tiefe Buße. Die Ritter legten die Waffen nieder, wuschen sich die Hände, zogen reine Kleider an und gingen barfuß durch die heiligen Stätten. „Sie bekannten dem Herrn die Sünden und gelobten, sie hinfort nicht mehr zu begehen“, schreibt Wilhelm von Tyrus. Das Blutbad der Eroberung – unvermeidlich in mittelalterlicher Kriegführung – wurde von Reue begleitet. Die einheimischen Christen knieten dankend nieder.
Am nächsten Tag wählten die Fürsten Gottfried zum Herrscher. Er lehnte die Krone ab und sagte: „Ich werde keine goldene Krone tragen in der Stadt, wo der Erlöser eine Dornenkrone trug.“ Stattdessen nannte er sich Advocatus Sancti Sepulchri – Beschützer des Heiligen Grabes. Bis zu seinem frühen Tod 1100 in Jerusalem regierte Gottfried mit Demut und Stärke.
Die Inschrift seiner letzten Ruhestätte in der Grabeskirche lautet „Hier liegt der berühmte Gottfried von Bouillon, der diese ganze Region unter christliche Herrschaft brachte. Möge seine Seele bei Christus ruhen.“
Nach Gottfrieds Tod im Juli 1100 übernahm sein Bruder Balduin I. die Herrschaft und wurde in Bethlehem zum König gekrönt. Dieser betrieb eine Ausgleichspolitik, die auch Muslimen und Juden im Heiligen Land entgegenkam. Balduin I. erweiterte das Königreich um die Hafenstädte Akkon, Sidon und Beirut und erlangte auch die Oberhoheit über die anderen Kreuzfahrerstaaten im Norden: das Fürstentum Antiochia, die Grafschaft Edessa und die Grafschaft Tripolis. Während seiner Regierungszeit wurde auch ein Lateinischer Patriarch von Jerusalem wurde berufen.
Das Königreich Jerusalem hatte fast zwei Jahrhunderte Bestand. Es schützte die Christen vor erneuter Unterdrückung, ermöglichte Pilgerfahrten, brachte Stabilität in eine zerrissene Region. „Die Kreuzzüge waren von Anfang an ein Verteidigungskrieg“, meinte der Historiker Thomas Madden.
G. K. Chesterton formulierte:
„Der Kreuzzug war der Gegenangriff. Es war die Verteidigungsarmee, die nun selbst in die Offensive ging und den Feind bis in sein Lager zurücktrieb.“
Jerusalem blieb in der Folgezeit umkämpfte Stadt. Mehrere Kreuzzüge folgten, doch am Ende hielt man gegen die Mameluken nicht stand. 1302 schließlich ging mit der Festung Aruad der letzte Überrest der Kreuzfahrerstaaten verloren.
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