Deutschlands Gasspeicher leeren sich dramatisch, doch die Bundesregierung wiegelt ab. Dabei hat man die Folgen eines solchen Engpasses schon vor Jahren in einer Übung durchspielen lassen – mit schockierendem Ergebnis. Die jetzige Situation ist aber noch wesentlich heikler, als die Ausgangslage des damaligen Szenarios. In der aktuellen Ausgabe von COMPACT-Magazin erfahren Sie mehr darüber. Hier informieren.

    Die Lage ist dramatischer, als es die Bundesregierung zugeben will: In weiten Teilen Deutschlands herrschen eisige Temperaturen, im Nordosten sogar Dauerfrost, die Heizungen werden voll aufgedreht. Doch zugleich befinden sich die Erdgasspeicher auf einem erschreckenden Tiefstand. In der Bundesrepublik gibt es rund 40 Gasspeicher, vor allem in Niedersachsen, aber auch in Bayern und Sachsen. Sie dienen als Puffer für einen hohen Gasverbrauch im Winter.

    Aktuell sind die Gasspeicher nur noch zu gut 32 Prozent gefüllt. Zum Vergleich: Anfang Februar 2025 waren es knapp 56 Prozent. Für Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ist das kein Grund zur Beunruhigung, doch die Kreiszeitung aus Diepholz (Niedersachsen) schlägt heute Alarm:

    „Rund vier Milliarden Kubikmeter Erdgas passen in den Erdgasspeicher Rehden im Landkreis Diepholz. Das sind knapp 20 Prozent der in Deutschland vorhandenen Speicherkapazitäten. Diese Menge reicht laut Betreiberangaben aus, um ‚zwei Millionen Einfamilienhäuser ein Jahr lang mit Erdgas zu versorgen‘. Damit ist Rehden der größte Erdgasspeicher Westeuropas und das Rückgrat einer sicheren Energieversorgung. Doch aktuell ist der Speicher fast leer.“

    Doch was passiert, wenn die Gasmangellage noch kritischer wird? Was haben wir zu erwarten, sollten die Kapazitäten nicht mehr ausreichen, um ganze Regionen in klirrender Kälte mit Erdgas zu versorgen? Das hat die Regierung schon einmal geprobt – und die Ergebnisse sind mehr als beunruhigend.

    Mangelernährung und Hunger

    In einer Stabsübung namens Lükex 18 hatte das Bundesamt für Bevölkerung und Katastrophenschutz im November 2018 zusammen mit Unternehmen und Behörden die Auswirkungen einer „Gasmangellage in Süddeutschland“ durchgespielt. Dabei wurde ein Szenario simuliert, wie es sich nun anzubahnen droht: Über zwei Wochen lang starke Winterkälte, doch in der Übung ging man noch von einem Füllstand der Gasspeicher von 40 Prozent aus. Da liegen wir jetzt schon drunter.

    Im Auswertungsbericht zu Lükex 18 heißt es: „Grundsätzlich besteht eine erhebliche Erkenntnislücke hinsichtlich der Auswirkungen einer Gasmangellage.“ Aber schon die Folgen, die sich im Verlauf der zweiwöchigen Übung gezeigt haben, waren gravierend. Selbst der Focus musste einräumen:

    „Bei Gasengpässen müssten nicht nur einzelne Haushalte zittern – es würde ein Zusammenbruch großer Teile des gesellschaftlichen Lebens drohen.“

    So mussten die Katastrophenschützer bereits am sechsten Tag feststellen, dass über die Hälfte der Lebensmittelbeschaffung von der Gasversorgung abhängig ist. Konstatiert wird, dass „mit Andauern der Krise in der Folge durch die Produktionsausfälle in den Bäckereien und der Milchindustrie die Lebensmittelversorgung betroffen“ wäre. Deswegen könnte es zu Engpässen bei Brot- und Milchprodukten kommen. Geflügelbetriebe und Schlachthöfe müssten aufgrund fehlender Prozesswärme die Produktion einschränken oder schließen.

    Völlige Verwüstung: Das vorher so idyllische Ahrtal nach der Flutkatastrophe. Foto: Sophia Fuchs

    „Geschützte Kunden“ wie Privathaushalte und die kritische Infrastruktur sollten zwar eigentlich so lange wie möglich von Abschaltungen verschont bleiben. Aber Krankenhäuser und Seniorenheime gehören nicht einmal auf dem Papier in diese bevorzugte Gruppe. Dort würde „mit der Wärmeversorgung wohl auch in Teilen die Zubereitung von Mahlzeiten ausfallen“.

    Auch der angekündigte Schutz der Privathaushalte wurde bereits am zweiten Tag aufgegeben, als „die Bundesnetzagentur (…) großflächige Abschaltungen“ anordnete: „Folgende Regionen wurden im Übungsverlauf fiktiv von der regulären Gasversorgung getrennt: Heidelberg, Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim, München, Mainz, Ludwigshafen, Gera, Jena und der Vogtlandkreis.“ Das sind schätzungsweise zehn Millionen Menschen, die nicht mehr heizen, kochen und ihren Lebensmittelbedarf decken können!

    Evakuierung von Millionen

    Wegen dieser Notsituation wurde bei Lükex 18 mit „dem Auftreten einer Grippewelle“ gerechnet, die auch Verwaltung, Polizei und Pflegekräfte betreffen würde. „Die Gesundheitsversorgung wäre zum einen durch die eingeschränkte Verfügbarkeit von medizinischem Personal und zum anderen durch einen starken Anstieg der Patientenzahlen deutlich eingeschränkt.“ Deswegen müsste eine Evakuierung der Kranken in Angriff genommen werden, was aber gar nichts bringen würde, „da bei einer Flächenlage geeignete gasunabhängige Ersatzunterbringungsmöglichkeiten nur begrenzt verfügbar wären“.

    Dieses Problem stellt sich aber in noch viel größerem Umfang:

    „Durch die Abschaltung ganzer Netzgebiete wären auch ‚geschützte Kunden‘ betroffen, was insbesondere in Ballungsräumen großflächige Evakuierungen notwendig machen würde. Es müssten daher in ausreichender Anzahl geeignete Notunterkünfte zur Verfügung stehen, in denen die evakuierte Bevölkerung über einen längeren Zeitraum untergebracht und versorgt werden kann. Dabei wäre die Herausforderung, dass, je nach Ausprägung der Krise, Wochen und Monate vergehen könnten, bis alle Letztverbraucher nach Abschaltung ganzer Netzgebiete mit Gas versorgt werden könnten.“

    Wenn man sich anschaut, wie die Behörden bei der „Herausforderung“ einer Behelfsunterbringung von Bedürftigen während der Flutkatastrophe im Ahrtal oder zuletzt sogar bei dem großflächigen Blackout in Berlin versagt haben – und da ging es nur um Zehntausende, nicht um Millionen! –, kann einem bei diesem Szenario angst und bange werden.

    Kein Gas – kein Strom!

    Ein riesiges Problem blendete Lükex 18 allerdings aus – dass Gas auch zur Erzeugung von Elektrizität genutzt wird. „Ein Wegfall der Stromerzeugung würde die Probleme massiv verschlimmern. Zum einen kann die überregionale, sogar grenzübergreifende Vernetzung dazu führen, dass sich lokale Versorgungszusammenbrüche in einer Kettenreaktion über große Gebiete fortpflanzen. Zum anderen wurden Atom- und Kohlekraftwerke durch Erneuerbare ersetzt, deren Stromeinspeisung volatil ist, was gefährliche Spannungsschwankungen zur Folge hat“, heißt es dazu in dem Artikel „Die Blackout-Verschwörung“ in der aktuellen Ausgabe von COMPACT-Magazin.

    Quelle: Bundesamt für Wirtschaft. Quelle: Destatis. Grafik: COMPACT

    „Was bei einem Blackout geschieht“, skizzierte das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag bereits 2011 in einem umfangreichen Bericht. „Ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern“, lautet das Fazit für ein solches Szenario. Sämtliche Bereiche des Lebens wären betroffen: all das, was im hoch technisierten Zeitalter am Kabel hängt.

    Zwischenüberschrift

    Trotz der sich immer weiter leerenden Gasspeicher hält Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller die aktuelle Versorgungslage für „stabil“. Er sieht „Spielräume“ bei den vier deutschen Flüssiggas-Terminals an Nord- und Ostsee, die von der Regierung nach Importstopp russischen Erdgases als neue Wunderwaffen gegen die Krise angesehen werden.

    Auch das Bundeswirtschaftsministerium wiegelt ab. „Anders als in den Vorjahren stehen uns schwimmende Flüssiggas-Terminals für die Versorgung zur Verfügung“, so eine eine Sprecherin des Ministeriums gegenüber dem Deutschlandfunk. Die „inzwischen gut ausgebaute LNG-Infrastruktur in Deutschland und Europa“ ermögliche die notwendigen Importe nach Deutschland.

    Offenbar steuert man uns sehenden Auges in die Katastrophe – potenziell mit all den Folgen, die Lükex 18 schon vor Jahren aufzeigte. Inzwischen haben sich Infrastruktur und Katastrophenschutz noch einmal deutlich verschlechtert. Das hat das Staatsversagen beim Berlin-Blackout auf dramatische Weise gezeigt.

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