Vor 750 Jahren begann der Bau an der Marienburg in Westpreußen. Sie wurde zum Zentrum des Deutschen Ordens. Als sie 1410 schon rettungslos verloren schien, hielt eine Schar entschlossener Kämpfer der polnischen Belagerung eisern stand. In unserer Geschichtsausgabe «Verlorene Heimat» erinnern wir an die ehemaligen deutschen Ostgebiete, das Schicksal der Heimatvertriebenen und die Verbrechen, die ihnen angetan wurden. Hier mehr erfahren.

    An der Biegung des Flusses Nogat erhebt sich das schönste, größte und eindrucksvollste Backsteingebäude der Welt. Zumindest darüber herrscht Einigkeit zwischen deutschen und polnischen Patrioten. Die wechselvolle Geschichte dieser westpreußischen Burg begann 1276, als der Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen die Residenz des Deutschen Ordens von Venedig nach Marienburg verlegte. Hier im Flachland, auf halbem Weg zwischen Danzig und Elbing, sollte ein mächtiger Stützpunkt entstehen. Fast 100 Jahre wurde dann nach Leibeskräften gebaut.

    Die um 1390 vollendete, 21 Hektar große, aus zehn Millionen Backsteinen gefügte Burganlage bildet eigentlich einen Komplex von drei Burgen – Hochschloss, Mittelschloss und Großmeisterpalast –, der durch ein System von ausgebauten Fortifikationen und der Sankt-Marien-Kirche zu einem organischen Gebilde verbunden ist. Während der goldenen Zeit des Hochmeisters Winrich von Kniprode (1351–1382) konnte sich die Anlage mit den reichsten Residenzen des späten Mittelalters messen, ein Meisterwerk gotischer Eleganz. Mittelpunkt bildete der Große Remter, ein von filigranen Säulen getragener Speisesaal, in dem 400 Gäste Platz finden konnten.

    Unvergessen: Der alte deutsche Osten

    An der östlichen Kirchenfront sieht man die Schutzpatronin des Ordens: ein imposantes Abbild der Jungfrau Maria, das seit 1344 hoch über der ersten Ringmauer in bunten Schattierungen aus seiner Nische leuchtet. Acht Meter misst diese fast vollplastische Stuckfigur, die ebenso wie die Nischenwände mit farbigen Mosaiksteinen bekleidet ist. Geschmückt von einer hohen goldenen Krone hält die Gottesmutter ihren ebenfalls gekrönten Sohn auf dem Arm, in der rechten Hand ein Lilienzepter.

    Wie ein Wasserfall rauschen die Falten des gerafften Mantels zu ihren Füßen nieder. «Wir können nur ahnen, welchen Eindruck es etwa auf eine mittelalterliche Gesandtschaft aus dem Osten machte, die frühmorgens diesem überirdisch glänzenden Bild entgegentrat», schreibt Heinrich Wolfrum in seinem Werk Marienburg. «Sie musste überzeugt sein, dass Burg und Orden unter göttlichem Schutze standen.»

    Brüderliche Hilfe für Polen

    Der Deutsche Orden war 1191 im Gefolge der Kreuzzüge gegründet worden. Ihm gehörten sowohl Ritterbrüder als auch Priester an. Vom Mittelmeerraum verlegte er seine Wirkungsstätte nach Osteuropa. Es waren polnische Fürsten, welche 1230 die deutschen Ritter ins Land riefen, weil sie mit den heidnischen Stämmen im Norden, vor allem den Pruzzen, nicht fertig wurden. Als Lohn für ihren militärischen Beistand erhielt der Orden große Gebiete im Baltikum sowie in West- und Ostpreußen.

    Hier fand eine großartige Kolonisation statt. Es wurden bis Anfang des 15. Jahrhunderts 93 Städte gegründet, darunter Königsberg, Kulm, Ortelsburg, Memel und Thorn. Deutsche Einwanderer reparierten verwüstete Dörfer und gründeten 1.400 neue. Der Ruhm des Kampfes für die Christenheit sprach sich herum, und so zogen auch ausländische Adlige ins Baltikum, um sich hier zeitweise unter Führung der Ordensritter im Kriegshandwerk zu schulen.

    Das Königsberger Schloss, ehemalige Ordensburg und Hochmeistersitz des Deutschen Ritterordens, auf einer Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert. Foto: CC0, Wikimedia Commons

    Der Deutsche Orden, welcher selten mehr als 2.000 Ritterbrüder zählte, stand seit Mitte des 14. Jahrhunderts häufig im Konflikt mit seinen missgünstigen Nachbarn Polen und Litauen – Länder, die sich damals vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer erstreckten. 1386 heiratete der litauische Großfürst Jogaila Polens Thronerbin Hedwig, trat zum Christentum über und nannte sich hinfort König Wladyslaw II. Jagiello von Polen. Sein Vetter Vytautas regierte in Litauen.

    Damit war eine höchst gefährliche Konstellation geboren. Wladyslaw und Vytautas gingen eine Allianz ein. Man wollte mit vereinten Kräften gegen Marienburg marschieren, das wichtigste Bollwerk des Ordens erobern und dadurch die Machtbasis der deutschen Ritter entscheidend schwächen. 1410 erlitt der Orden bei Tannenberg eine verheerende Niederlage, und nun war die Marienburg tödlich bedroht.

    Retter in der Not wurde Heinrich von Plauen, Komtur von Schwetz. Er machte sich sofort auf den Weg in die Hauptstadt, wo er wenige Tage vor dem feindlichen Heer eintraf. Aus der Schlacht von Tannenberg meldeten sich ganze 1.427 Mann zurück in der Burg. Heinrich verfügte insgesamt über 4.000 Mitkämpfer. Er befahl sofort, dass man, um die Burg zu retten, die Stadt Marienburg selbst dem Untergang weihen müsse. So wurde die Stadt an mehreren Stellen in Brand gesteckt, die große Brücke über den Nogat zerstört und sämtliche Zugänge verschlossen. Die Bevölkerung fand zuvor mit der wertvollsten Habe und Proviant in den großen Gewölben der Festung Obdach.

    Hochmeister Heinrich von Plauen, Retter der Marienburg. Foto: CC0, Wikimedia Commons

    Der Verräter und die Kanoniere

    Die Verteidiger waren bereit, als das polnisch-litauische Heer mit 30.000 Mann am 26. Juli 1410 vor Marienburg aufmarschierte. «In wüstem Jubel und toller Siegesgewissheit hausten die Feindesscharen überall, bis für die Verheerung nichts mehr übrig war. Dadurch verzögerte sich der Heereszug zum Heile für Marienburg», heißt es in einer zeitgenössischen Chronik.

    Der Polenkönig drohte, er wolle in Marienburg das Ende des Ordens verkünden und seine Herrschaft über das Land für alle Zeiten befestigen. Dann begann die Belagerung. Zwar steckte die Artillerie damals noch in den Kinderschuhen, doch manche Geschütze Wladyslaws konnten selbst den festen Mauern der Burg gefährlich werden.

    Ruhe ließ Heinrich den Belagerern fast nie. Er unternahm an der Spitze kühner Gefährten häufig Ausfälle, die dem Feind erhebliche Verluste zufügten. Von allen Seiten versuchten die Angreifer, das turmhohe Mauerwerk zu ersteigen oder zu zertrümmern. Vergeblich – Hunderte von ihnen sanken erschlagen in tiefe Burggräben. Nach fünf Wochen wurde die Lage kritisch. Marienburg war isoliert, Hilfe von außen kaum zu erwarten.

    Doch allmählich litten die Belagerer unter der Sommerhitze; Seuchen und Ungeziefer breiteten sich aus, Lebensmittel und Futter gingen zur Neige. In letzter Stunde versuchte man, mit einer List ans Ziel zu kommen. Die Polen konzentrierten sich auf den Sommer, einen 14 mal 14 Meter umfassenden Raum im Hochmeisterpalast, dessen fast zehn Meter hohes Rippengewölbe auch heute noch von einer einzigen schlanken Säule aus Granit getragen wird.

    Ein bestochener Söldner der Besatzung gab den polnischen Geschützen jenseits der Nogat mit seiner in ein Fenster gelegten roten Mütze das Zeichen, Heinrich sei mit den anderen Rittern des Ordenskapitels zur Beratung im Remter versammelt. Die schwere Kugel sollte die Mittelsäule zerschmettern, das Gewölbe dadurch zum Einsturz bringen und alle Ordensbrüder unter seinen Trümmern begraben. Nur um Handbreite verfehlte das tückische Geschoss sein Ziel und schlug in die Ostwand des Saales. Die Steinkugel ragt noch immer zur Hälfte aus der Wand.

    Der schicksalhafte 9. November

    Nach acht Wochen Belagerung zog der Feind endlich am 19. September ab. Heinrich von Plauen wurde am 9. November (offenbar ein besonderes Datum deutscher Geschichte) 1410 zum Hochmeister gewählt. Danach erwies er sich auch als geschickter Diplomat. Im Frieden von Thorn Anfang 1411 musste der Orden lediglich Samogitien (Niederlitauen) abtreten.

    Die Marienburg (sie verfügt übrigens über ein heute noch imposantes System von Fußbodenheizungen) blieb weiter religiöses, militärisches und politisches Hauptquartier des Deutschen Ordens. Erst 1457 musste sie dem König von Polen übergeben werden. Nach Teilung des Landes gelangte sie 1772 an Preußen. Die Restaurierung nach den Zerstörungen im 2. Weltkrieg, vor allem der mit üppigen Malereien geschmückten Innenräume, lässt ein Gefühl der Ehrfurcht vor den Baukünsten und dem Formgefühl unserer Vorfahren im Osten aufkommen.

    Dem Vergessen entreißen: In unserer Geschichtsausgabe «Verlorene Heimat» erinnern wir an die ehemaligen deutschen Ostgebiete, das Schicksal der Heimatvertriebenen und die Verbrechen, die ihnen angetan wurden. Hier bestellen.

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