Die erste Rückkehr des Saargebietes zum Deutschen Reich war ein Ereignis, das sich Hitler zwar ans Panier heftete, allerdings war es ihm nur in den Schoß gefallen. Die Volksabstimmung, bei der über 90 Prozent für Deutschland votierten, war nämlich in Versailles festgelegt worden. In COMPACT-Geschichte „Versailler Vertrag – Der Pakt der Hitler an die Macht brachte“ finden Sie alles darüber. Hier mehr erfahren.
In Versailles war es dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau 1919 nicht gelungen, Paris das Saarland als Kriegsbeute zuschlagen zu lassen. Russland, das Frankreich das Gebiet 1917 in einem Geheimvertrag zugesichert hatte, war bei den Verhandlungen nicht dabei, und sowohl US-Präsident Woodrow Wilson als auch Großbritanniens Premier Lloyd George wollten einer französischen Annexion nicht zustimmen.
Als Kompromiss zwischen den drei Siegermächten fand sich in Abschnitt IV des am 10. Januar 1920 in Kraft getretenen Versailler Vertrages zum Thema „Saarbecken“ in Artikel 49 folgende Bestimmungen: „Deutschland verzichtet zugunsten des Völkerbunds, der insoweit als Treuhänder gilt, auf die Regierung des oben bezeichneten Gebiets.“ In Artikel 48 wurden zuvor die Grenzen des Saargebietes benannt. Und:
„Nach Ablauf einer Frist von fünfzehn Jahren nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags wird die Bevölkerung dieses Gebietes zu einer Äußerung darüber berufen, unter welche Souveränität sie zu treten wünscht.“
In der Zwischenzeit sollte eine fünfköpfige, international besetzte, allerdings unter dem Vorsitz eines französischen Präsidenten stehende Saarkommission das Territorium verwalten.
Gemäß den Bestimmungen von Versailles
Es wurde am 13. Januar 1935 also schlichtweg nur die im Vertrag von Versailles festgeschriebene Volksabstimmung fünfzehn Jahre nach dem 10. Januar 1920 termingerecht durchgeführt. Dass die Nationalsozialisten nun in Deutschland regierten, war damals überhaupt nicht abzusehen. Die Abstimmung hätte ebenso gut zu Zeiten eines demokratisch regierten Deutschlands stattfinden können, wenn es denn ein solches 1935 noch gegeben hätte.

In Paris glaubten viele bis zuletzt an ein mehrheitliches Votum der Saarländer für Frankreich oder eine Beibehaltung des Status quo. Schließlich hatte man in den vergangenen Jahren alles dafür getan, vollendete Tatsachen zu schaffen. Die sogenannte Saarkommission war nichts anderes als lupenreine Vertreterin französischer Interessen, weswegen das deutsche und das kanadische Mitglied dieses Gremiums schon bald unter Protest wieder verließen. Entgegen den Bestimmungen von Versailles verlegte die französische Regierung sogar 5.000 Soldaten ins Saarbecken, während die deutsche Beamtenschaft größtenteils durch Franzosen ersetzt wurde. Ähnlich verhielt es sich mit den Firmenleitungen in der Industrie und im Bergbau.
Harter Abstimmungskampf
In den Monaten vor dem Referendum tobte ein heftiger Abstimmungskampf, bei dem die französische Seite vor allem auf die anti-nationalsozialistische Karte setzte. Die bürgerlich-liberalen Parteien und das katholische Zentrum hatten sich im Saargebiet auf Initiative des Völklinger Industriellen Herrmann Röchling mit der NSDAP zur Deutschen Front, die für den Anschluss ans Reich eintrat, zusammengeschlossen. Ein sogenannter Führerrat wurde gebildet, dem neben Röchling von der Deutsch-Saarländischen Volkspartei (DSVP) auch Gustav Schmoll von der Wirtschaftspartei, die Zentrumspolitiker Peter Kiefer, Franz Levacher und Peter Wilhelm sowie der Nationalsozialist Jakob Pirro angehörten.
Die SPD hatte sich zunächst vergeblich um eine Verschiebung der Abstimmung bemüht, schloss sich dann jedoch mit den Kommunisten und Gewerkschaften zu einem Bündnis zusammen, das für die Beibehaltung des Status quo eintrat. Ebenfalls für den Ist-Zustand trat der Deutsche Volksbund für christliche und soziale Gemeinschaft ein, ein Zusammenschluss oppositioneller Pfarrer unter der Mitwirkung des Zeitungsredakteurs Johannes Hoffmann. Da sich die katholische Kirche jedoch offiziell für eine Rückkehr des Saargebietes zum Deutschen Reich aussprach, fand die Hoffmann-Gruppe ebenso wie das rote Bündnis kaum Rückhalt in der Bevölkerung.
Mitten im laufenden Wahlkampf unterbreitete Hitler Frankreich auf einmal das Angebot, auf die Volksabstimmung zu verzichten und den Status des Saarlandes mit einer „freundschaftlichen Vereinbarung“ zwischen den beiden Regierungen zu regeln. Das deutsche Angebot sah vor, das Saargebiet wieder ans Deutsche Reich anzugliedern, aber die Ausbeutung der Bodenschätze durch die französische Industrie weiterhin zu gewährleisten.
Hatte Hitler etwa Zweifel, was die Chancen der Befürworter einer Rückkehr zu Deutschland anbelangte? Hatte er womöglich die Befürchtung, dass die Mehrheit der Saarländer trotz einer überwiegend deutschen Gesinnung einem Anschluss seinetwegen ablehnte? Dies vermutete die französische Seite und lehnte den Vorschlag ab.
Votum für Deutschland
Paris sollte sich täuschen: Als die Bevölkerung des Saargebiets am 13. Januar 1935 unter Aufsicht des Völkerbundes und unter dem Schutz einer internationalen Polizeitruppe zur Wahlurne schritt, stimmte schließlich eine überwältigende Mehrheit von 90,8 Prozent für einen Anschluss an das Deutsche Reich. 8,8 Prozent votierten für den Status quo und nur 0,4 Prozent für eine Angliederung an Frankreich.
Gerd Schultze-Rhonhof schreibt dazu in seinem Buch „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“:
„Diese Wahl außerhalb des deutschen Staatsgebiets hat ohne jeden Zweifel ohne deutsche Manipulationen und Pressionen stattgefunden. Und sie wirkt, dank des Wahlkampfthemas der Franzosen ‚Nationalsozialismus in Deutschland‘, statt einer Entscheidung für Deutschland und gegen Frankreich wie eine breite Zustimmung zum neuen nationalen Sozialismus des deutschen Kanzlers Hitler. So bescheren die Franzosen Hitler einen innenpolitischen Triumph, der stärker nachwirkt als sie ahnen. Für Hitler wird der erste Anschluss nach der Niederlage von 1918 zugleich ein Plebiszit für die ‚Bewegung‘.“
Aufgrund des Abstimmungsergebnisses beschloss der Völkerbundsrat bereits am vom 17. Januar 1935 die Rückgabe des Saargebietes an Deutschland. Frankreich leistete keinerlei Widerstand gegen den Beschluss, wohl auch unter dem Eindruck des mehr als eindeutigen Votums der Saar-Bevölkerung. Am 1. März 1935 übergab schließlich der französische Außenminister Pierre Laval das Saargebiet offiziell der deutschen Verwaltung.
In COMPACT-Geschichte „Versailler Vertrag“ unterziehen wir den Pakt, der Hitler an die Macht brachte, einer kritischen Betrachtung. Der Haupttext stammt aus der Feder des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der für die Londoner Regierung am Verhandlungstisch saß. Im Verhalten der Siegermächte sah er eine Mischung aus Brutalität und Verrat. Hier bestellen.





