Heute vor 135 Jahren – am 17. Januar 1891 – wurde der Ökonom Walter Eucken in Jena geboren. Er trug maßgeblich zum Konzept der sozialen Marktwirtschaft bei und legte damit den Grundstein für das Wirtschaftswunder in Westdeutschland. In unserer Januar-Ausgabe mit dem Titelthema „2026 – Jahr des Goldes“ zeigen wir die Fehler im System des ungedeckten Papiergeldes auf und erklären, wie diese zu beheben sind. Hier mehr erfahren.

    Linke werfen gerne mit Schlagworten um sich. Dazu gehört auch „neoliberal“, womit man alles meint, was angeblich nicht sozial genug oder „zu kapitalistisch“ sei. Eine glatte Falschdeutung, denn mit Neoliberalismus ist eigentlich eine Strömung in der Wirtschaftstheorie gemeint, die sowohl (finanz-)wirtschaftliche Macht als auch staatlichen Paternalismus einzudämmen versucht.

    Einer der wichtigsten Vertreter, der letztlich auch das Konzept der sozialen Marktwirtschaft nach Ludwig Erhard maßgeblich beeinflusste, war Walter Eucken, der heute vor 135 Jahren – am 17. Januar 1891 – in Jena das Licht der Welt erblickte. Sein Vater war der Literaturnobelpreisträger Rudolf Eucken, der Physiker Arnold Eucken war sein Bruder. Eine Familie von hochkarätigen Denkern also.

    Konrad Adenauer und Ludwig Erhard. Gemocht hat der erste Kanzler seinen Wirtschaftsminister und Amtsnachfolger nicht. Foto: CDU, Paul Bouserath, KAS, CC-BY-SA 3.0 DE

    Ein dritter Weg

    Walter Eucken studierte Geschichte, Staatswissenschaft, Nationalökonomie und Rechtswissenschaft in Kiel, Bonn und Jena. 1913 wurde er promiviert, 1921 habilitiert, als Professor für Nationalökonomie wirkte er vornehmlich in Freiburg.

    In bahnbrechenden Werken wie den 1939 veröffentlichten „Grundlagen der Nationalökonomie“, vor allem aber den zu seinen Lebzeiten zwar vollendeten, aber erst 1952 postum veröffentlichten „Grundsätzen der Wirtschaftspolitik“ analysierte er fatale Fehlentwicklungen der Wirtschaftsgeschichte und verdeutlichte, wie eine ökonomische Ordnung beschaffen sein muss, die Wachstum schafft, gleichzeitig aber auch ökonomische Macht begrenzt und dabei allen Teilnehmern des Marktgeschehens – Unternehmern wie Arbeitnehmern, Produzenten wie Konsumenten – dient.

    Dabei war für ihn klar: Nicht auf die Lenkung der Wirtschaftsprozesse, sondern auf die Gestaltung einer Wettbewerbsordnung, die größtmögliche Freiheit in einem ökonomisch produktiven Rahmen verwirklicht, soll die wirtschaftspolitische Tätigkeit des Staates gerichtet sein.

    Mit dieser neuen Denkrichtung, die später als Freiburger Schule oder Ordoliberalismus (oder eben auch Neoliberalismus) in die Geschichte einging, wollte Eucken ein ethisch fundiertes Wirtschaftsmodell jenseits der im sowjetischen System praktizierten zentral gelenkten Verwaltungswirtschaft einerseits und dem ungezügelten Finanzkapitalismus angelsächsischer Prägung verwirklichen.

    In Euckens „Grundsätzen der Wirtschaftspolitik“ heißt es:

    „Die Schäden der Politik des Laissez-faire haben die Menschen des technischen Zeitalters ebenso durchlebt wie die Schäden und Gefahren zentraler Leitung. Deshalb richten sich Denken und Handeln auf die Frage, wie ein Kompromiss beider Extreme, eine Kombination von Freiheit und zentraler Lenkung möglich sei.“

    Zwar sei „nicht zu verkennen, dass der moderne Kapitalismus die geistige Leere der Zeit mit verschuldet. Aber auf der anderen Seite müssen wir zugestehen, dass die Erhaltung des Kapitalismus für die Versorgung der Menschen eine Notwendigkeit ist“, so Eucken.

    „Vermachtung“ des Kapitals

    Der religiös geprägte Ökonom glaubte an den Markt und seine Gesetze, jedoch nicht an dessen Unfehlbarkeit. Er wollte Freiheit für die Wirtschaft, aber keine Narrenfreiheit für Trusts, Großkonzerne und Finanzindustrie. Vor allem aber stellte er in Abgrenzung zum Marxismus klar, dass nicht Kapital und Privateigentum die Wurzeln allen Übels seien, sondern vielmehr die Herausbildung von Monopolen und Oligopolen, also die „Vermachtung“ der Wirtschaft.

    Heftig: Die Weltwirtschaft steht enorm unter Druck. Foto: Golden Dayz | Shutterstock.com

    Daraus leitete er die Schlussfolgerung ab, dass die Wirtschaftspolitik immer und überall den Wettbewerb fördern müsse, da nur Preise, die nicht von Monopolisten oder Oligopolisten diktiert werden, in der Lage sind, ihre marktwirtschaftliche Signalfunktion als Indikator relativer Knappheit wahrzunehmen und Wirtschaftsprozesse somit effizient zu steuern.

    Prägende Zeit der Wirtschaftskrise

    Ging die klassische Nationalökonomie, die im ausgehenden 18. Jahrhundert von Adam Smith geprägt wurde, davon aus, dass das freie Spiel der Kräfte, die berühmte „unsichtbare Hand“, automatisch zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage und zu Vollbeschäftigung führe, erkannte Eucken, dass der Marktwirtschaft ein gesetzlicher und ordnungspolitischer Rahmen gegeben werden muss, um Fehlentwicklungen entweder präventiv zu vermeiden oder im Nachhinein durch marktkonforme Eingriffe korrigieren zu können.

    Schon früh stand nämlich das von Smith postulierte Idealbild mit seiner vermeintlichen Selbstregulierung des Marktes im krassen Gegensatz zur Wirklichkeit. Bereits im Zuge der der industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden durch marktmächtige Unternehmen Oligopole und Monopole, die den freien Wettbewerb ausschalteten.

    Bankansturm in New York 1932: Im Zuge der Weltwirtschaftskrise musste etwa ein Drittel aller Institute in den USA liquidiert werden. Die großen Häuser der Top-Insider betraf dies freilich nicht. Foto: The U.S. National Archives

    Diese Selbstzerstörungstendenzen erkannte Eucken und befürwortete statt der „unsichtbaren Hand“ die „sichtbare, ordnende Hand“ einer freiheitlichen, aber klaren Regeln unterworfenen Wettbewerbsordnung. Ludwig Erhard machte später das Bild vom Staat als Schiedsrichter bekannt, der beim Fußballspiel für einen ordnungsgemäßen Ablauf zu sorgen hat, indem er die Einhaltung der Regeln überwacht und Fehlverhalten ahndet, aber nicht aktiv ins Spiel eingreift.

    Eucken wurde geprägt von den Verwerfungen seiner Zeit: Er erlebte Inflation und Wirtschaftskrise sowie das Versagen der interventionistischen Wirtschaftspolitik zu Weimarer Zeiten; er beobachtete mit Sorge die Entstehung der Planwirtschaft in Sowjetrussland, zog aber auch seine Schlüsse aus der Wirtschaftslenkung zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, die, wie Roosevelts New Deal in den USA, zunächst nach keynesianischem Rezept mit gewaltigen Beschäftigungs- und Konjunkturprogrammen die Massenarbeitslosigkeit bekämpfte, um eine „Wohlfühldiktatur“ (Götz Aly) aufzubauen; später wandelte sich das NS-Wirtschaftssystem zu einer dirigistischen Kriegswirtschaft.

    Grundlagen für den Wiederaufbau

    Der große Wirtschaftsdenker lehnte also nicht nur aus persönlichen Gründen (seine Ehefrau, die Schriftstellerin Edith Erdsiek, war Jüdin) den Nationalsozialismus ab, was ihn schon 1933 in Konflikt mit Martin Heidegger brachte, der als Rektor der Freiburger Uni eine NS-Universitätsverfassung einführte. Allerdings galt Eucken dem Regime als unantastbar und konnte seinen Lehrbetrieb nahezu ungehindert fortsetzen.

    Mehr noch, er sammelte ab März 1943 einen Kreis von Gleichgesinnten um sich, der sich Gedanken über eine freiheitliche Wirtschaftsordnung für die Zeiten nach dem Kriege machte. Zehn Zusammenkünfte in privatem Rahmen fanden statt, bevor die Gestapo ihnen auf die Schliche kam. Dennoch konnten Eucken und seine Männer 60 Aktenordner in Kellern verstecken, die auch bei Hausdurchsuchungen nicht entdeckt wurden.

    „Nicht hoch genug zu veranschlagen“

    Die unentdeckten Aufzeichnungen trugen nach dem Krieg maßgeblich zur theoretischen Fundierung der sozialen Marktwirtschaft bei. Die praktische Wirtschaftspolitik ab 1948 in Westdeutschland trug die unverkennbare Handschrift der Freiburger Schule. Eucken selbst gehörte von Anfang an dem wissenschaftlichen Beirat der Verwaltung für Wirtschaft und ab 1949 des Wirtschaftsministeriums an, wo er nach Angaben anderer Mitglieder eine herausragende Rolle spielte.

    Der Ökonom und Sozialphilosoph Wilhelm Röpke, der ebenfalls zu den geistigen Vätern der sozialen Marktwirtschaft zu zählen ist, schrieb 1950 in einem Nachruf auf Eucken in der der Neuen Zürcher Zeitung:

    „Wenn heute Westdeutschland mit solcher Entschiedenheit und Zielsicherheit und zugleich mit solchem Erfolg den Ausweg aus dem kollektivistischen Chaos gefunden (…) hat, so ist das Verdienst, das dabei Walter Eucken zuzumessen ist, nicht hoch genug zu veranschlagen.“

    Wenn man Ludwig Erhard also als „Vater der sozialen Marktwirtschaft“ bezeichnet, so kann man über Eucken, der am 20. März 1950 in London verstarb, sagen: er war deren Großvater.

    Wirtschaft verstehen: In unserer Januar-Ausgabe mit dem Titelthema „2026 – Jahr des Goldes“ zeigen wir die Fehler im System des ungedeckten Papiergeldes auf und erklären, wie diese zu beheben sind. Hier mehr erfahren.

     

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