Damals kochte die Debatte um Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ richtig hoch: In einem Interview im August 2010 hatte der Autor, damals noch Bundesbank-Vorstand, einen Satz fallen lassen, der ihm den Vorwurf des Antisemitismus einbrachte. Stabil: Auch in der Neuausgabe 2025 (mit aktuellen Daten, Fakten und Kommentierungen) sind diese Passagen wieder enthalten. Hier mehr erfahren.

    Ende August 2010 stand Thilo Sarrazin wegen seines kurz zuvor veröffentlichten Buches „Deutschland schafft sich ab“ heftig unter Beschuss: Politiker und Mainstream-Medien fielen über den Autor, der damals noch SPD-Mitglied war und dem Vorstand der Deutschen Bundesbank angehörte, wie eine Meute her.

    Der vormalige Berliner Senator hatte es gewagt, die Integrations- und Demografie-Defizite in der Bundesrepublik so offen anzusprechen, wie vor ihm kaum ein anderer. Und er präsentierte Lösungsansätze, die den Multikulti-Apologeten überhaupt nicht schmeckten.

    Der Zentralrat ist empört

    In dieser aufgeheizten Situation sorgte eine flapsige Bemerkung Sarrazins in einem Interview mit der Welt am Sonntag für zusätzliche Aufregung:

    „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“

    Obwohl er schon wenig später seine tatsächlich nicht ganz korrekte Ausführung korrigierte und konkretisierte („Aktuelle Studien legen nahe, dass es in höherem Maße gemeinsame genetische Wurzeln heute lebender Juden gibt, als man bisher für möglich hielt“), war der Sturm der Entrüstung nicht mehr zu bändigen. Vor allem der Zentralrat der Juden in Deutschland – in Gestalt seines Vorsitzenden Dieter Graumann und des Stellvertreters Stephan Kramer (heute Chef des Verfassungsschutzes in Thüringen) – zeigte sich empört. Weil Sarrazin genetisch argumentierte.

    Ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Foto: Andrzej Lisowski Travel | Shutterstock.com

    Dabei hatte die Jüdische Allgemeine – herausgegeben von ebenjenem Zentralrat – nur wenige Monate zuvor genau jene Untersuchungen vorgestellt, auf die sich Sarrazin in „Deutschland schafft sich ab“ berief. Der Vorwurf, ein Antisemit zu sein, war also geradezu grotesk – zumal er er sich überhaupt nicht negativ über Juden äußerte. Im Gegenteil!

    Die wissenschaftliche Grundlage

    Doch worum ging es genau? In „Deutschland schafft sich ab“ heißt es:

    „Bereits die frühe Intelligenzforschung hat bei Juden europäischer Provenienz einen um 15 Punkte höheren IQ festgestellt als bei den anderen Mitgliedern europäischer Völker und deren Nachfahren in Nordamerika.“

    Sarrazin erklärt dies mit dem „außerordentlichen Selektionsdruck“, dem Juden im christlich geprägten Europa ausgesetzt waren. Er meint damit nicht nur die wiederholten Pogrome, sondern vor allem, dass Juden sich in Nischen festsetzen konnten, die hohe geistige Fertigkeiten verlangten, aber Christen weitgehend verschlossen waren, zum Beispiel wegen des Zinsverbotes im Geld- und Finanzwesen.

    Mayer Amschel Rothschild, Stammvater der schwerreichen Finanzdynastie. Foto: CC0 / Wikimedia Commons

    Die Studien, die er – genau wie die Jüdische Allgemeine – dazu anführte, waren damals ganz frisch veröffentlicht worden. Dabei handelte es sich um zwei wissenschaftliche Untersuchungen, zum einen des Genetikers Harry Ostrer von der Universität New York, zum anderen seines Fachkollegen Doron Behar vom Rambam Medical Center in Haifa.

    Die beiden Forscher – beide selbst Juden – kamen unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass ein Großteil der heute lebenden Juden – Aschkenasim, Sephardim und Mizrachim – über gemeinsame genetische Wurzeln verfügt. Ostrer und Behar fanden nämlich heraus, dass sich Juden aus den drei genannten Diaspora-Gruppen genetisch näher sind als Nichtjuden der jeweils gleichen Region.

    Innerhalb jeder Gruppe sind die Personen sogar so verwandt wie Cousins zweiten bis fünften Grades. „Unsere Untersuchung stützt die Idee eines jüdischen Volkes, das durch eine gemeinsame genetische Geschichte verbunden ist“, so Ostrer gegenüber dem Tagesspiegel.

    Chaim Noll und Broder springen Sarrazin bei

    Und das soll antisemitisch sein? Chaim Noll, in Israel lebender Sohn des früheren DDR-Schriftstellers Dieter Noll, fand das so absurd, dass er der den unter Antisemitismusverdacht geratenen Buchautor in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung offensiv verteidigte.

    Sarrazins Gegnern attestierte er dabei Unwissenheit über grundlegende Fragen des Judentums. „Graumanns und Kramers Äußerungen zum Fall Sarrazin sind aus Sicht des verbindlichen jüdischen Religionsgesetzes, der Halacha, unhaltbar“, so Noll. Denn:

    „Nach der Halacha ist Judesein zum Teil genetisch definiert, indem nämlich jedes Kind einer jüdischen Mutter – im Judentum zählt traditionell die mütterliche Linie – als jüdisch gilt.“

    Diese genetische Definition bestehe schon seit Jahrhunderten neben der konfessionellen (Annahme der Religion oder Konversion, wie übrigens im Fall von Stephan Kramer) und sei geradezu kennzeichnend für das Judentum.

    Auch der deutsch-jüdische Publizist Henryk M. Broder konnte keinen Skandal erkennen. Ähnlich wie die Isländer seien die Juden nun mal eine „ethnisch ziemlich homogene Einheit“, so der aus Kattowitz stammende Vielschreiber in einem Debattenbeitrag für den Spiegel.

    Außerdem – und damit kam er zurück zu Sarrazins eigentlichen Ausführungen in „Deutschland schafft sich ab“ – müsse auch die Frage erlaubt sein, „warum Juden – von Ausnahmen abgesehen – schlechte Sportler und gute Schachspieler sind; warum die meisten Blues-Musiker schwarz sind und warum Kenianer so oft Marathon gewinnen; warum Asiaten an den meisten amerikanischen Universitäten überproportional vertreten sind“. Er jedenfalls habe nichts dagegen, von Sarrazin „positiv diskriminiert“ zu werden, also eine höhere Intelligenz zugesprochen zu bekommen, so Broder augenzwinkernd.

    Sarrazin bleibt stabil

    Thilo Sarrazin steht bis heute zu seinen Aussagen, wie ein Blick in die aktuelle Neuausgabe Neuausgabe „Deutschland schafft sich ab – Die Bilanz nach 15 Jahren“ (mit aktuellen Daten, Fakten und Kommentierungen) zeigt. Darin sind nicht nur die vom Zentralrat damals inkriminierten Passagen nach wie vor enthalten, der Autor lässt auch noch einmal die „Juden-Gen“-Debatte Revue passieren und präsentiert dazu auch noch frische wissenschaftlichen Studien, die seine damaligen Ausführungen untermauern.

    Wir empfehlen: Machen Sie sich selbst ein Bild davon, ob Sarrazin ein Rassist, Antisemit und Ausländerfeind ist. Die Neuausgabe „Deutschland schafft sich ab – Die Bilanz nach 15 Jahren“ können Sie hier bestellen.

     

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