In den Kommentarspalten von Tiktok, Instagram und Youtube taucht er immer häufiger auf: ein verlorener Pinguin, der stur und unbeirrbar vom Meer weg in die endlose Eiswüste watschelt. Für jüngere Internetnutzer ist er Meme, Maskottchen oder „relatable icon“. Doch wie wurde ein trauriger Moment aus einem Werner-Herzog-Film zum Symbol einer ganzen digitalen Subkultur?
Die Szene stammt aus Werner Herzogs Dokumentarfilm „Begegnungen am Ende der Welt“ (Encounters at the End of the World, 2007). Herzog, der für sein Faible existenzieller Abgründe berühmt ist, beobachtet darin einen Adeliepinguin, der die Orientierung verloren hat. Statt zum Ozean und zu seiner Kolonie zurückzukehren, marschiert das Tier unbeirrbar ins Landesinnere der Antarktis, einem sicheren Tod entgegen.
Herzog kommentiert diese Bewegung nicht als biologisches Kuriosum, sondern als existenzielles Rätsel. Er verwandelt sie in eine Metapher für das menschliche Dasein: Die Welt ist gleichgültig, der Weg bedeutungslos, und dennoch gehen wir weiter. Der Pinguin wird so zu einem Sinnbild für die Konfrontation mit dem Nichts. Ein zentrales Motiv in Herzogs Schaffen, das er selbst gerne als Suche nach „ekstatischer Wahrheit“ beschreibt.
Vom Arthouse-Kino zum Tiktok-Symbol
Dass genau dieses Motiv nun in rechten Kreisen neu aufgeladen wird, wirkt auf den ersten Blick überraschend. Doch die Popularität des „nihilist penguin“ folgt der inneren Logik des nietzscheanischen Strebens hin zum Unmöglichen.
Ich kenne keinen besseren Lebenszweck, als im Versuch des Großen und Unmöglichen zugrunde zu gehen.
Der einsame Pinguin erfüllt diese Funktion perfekt:
• Er ist Opfer und Held zugleich, ein Wesen, das dem Schicksal entgegenläuft, ohne sich zu beklagen.
• Er steht für radikale Autonomie, auch wenn sie absurd oder zerstörerisch ist.
• Er ist visuell schlicht und universell lesbar, ideal für Memes, Shorts, Reels.
Er wird so zu einer Art Maskottchen stoischer Selbstüberwindung, aber vor allem zum Symbol weißen Entdeckergeistes, welcher sich durch faustisches Drängen hin zum Unbekannten und Aufopferung des eigenen Seins im Dienste einer höheren Sache manifestiert.
Deswegen taucht er auch immer wieder in Kurzvideozusammenschnitten an der Seite von zum Beispiel Christopher Columbus, der Mondlandung oder Ikarus auf.
Zwischen Meme und Warnsignal
Dass ein Tier, das in herzogscher Manier in den Tod marschiert, nun als Motiv der Selbstermächtigung gefeiert wird, offenbart eine paradoxe Sehnsucht: die Hoffnung, aus der Sinnlosigkeit Stärke zu ziehen. Gleichzeitig zeigt der Trend auch, wie leicht komplexe filmische Metaphern online zu Projektionsflächen werden.
Herzogs Pinguin war nie als Vorbild gemeint. Er war ein Spiegel. Ein Symbol für das existenzielle Unbehagen des Menschen, der sich in einer indifferenten Natur wiederfindet und dennoch weitergeht, nicht aus Mut oder Stärke, sondern aus metaphysischer Verlorenheit.
Der „nihilistische Pinguin“ hat die digitalen Herzen erobert, weil er perfekt in die Zeit passt: Er verkörpert Orientierungslosigkeit, individuelle Überforderung und den gleichzeitigen Versuch, daraus ein neues Ethos zu bauen. Zwischen Pop-Philosophie, Meme-Kultur und Influencer-Rhetorik ist er zum Ausdruck eines Gefühls geworden, welches in Anbetracht schierer, naturgewaltiger Übermacht dennoch zu trotzen und furchtlos dem, was kommt zu begegnen abbildet.
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