Wer Agenda 2010 sagt, muss auch Discounter sagen

11

Discounter haben wegen Ausbeuterei zwar kein gutes Image bei Politik und deren Propagandamedien, anderseits hat die Agenda 2010 ihnen reichlich Kundschaft beschert. Das Geschäft mit der Armut läuft: Der Discounter Primark expandiert, während die Mitarbeiter von H&M für ein Minimum an menschenwürdiger Existenz demonstrieren.

Als der irische Kleidungs-Discounter Primark auf dem Berliner Alexanderplatz die erste Filiale eröffnete, grunzte und schrie die Mainstreampresse, dass man dort auf gar keinen Fall kaufen dürfe. Klar ist „Primark“ konkurrenzlos billig, aber nur, weil im Produktions- und Verkaufsprozess Beteiligten ebenso konkurrenzlos ausgebeutet werden.

Außerdem sei die Qualität der Ware schlecht und schon die Selbstachtung verbiete deren Kauf – so verspritzte eine junge Hipster-Journalistin ihre Bionade-Moral. Leider schweigt ein Großteil dieser Mainstream-Medien aber so gänzlich, wenn das Thema auf Billiglohn und Hartz-IV kommt. Schlimmer noch: Wie winselte doch die FAZ, als SPD-Kandidat Schulz einen sozialeren Kurs der SPD in Aussicht stellte: Er solle auf keinen Fall die kostbare (Schinder-) Agenda 2010 destruieren.

Tja, liebe Propaganda-Schmierer: Wer Agenda 2010 sagt, muss aber auch Discounter sagen: Die Existenzminimierten haben nämlich gar keine Wahl als maximal billig zu kaufen. Dass deshalb wiederum andere Arbeiter unter Wert und Existenzminimum bezahlt werden, ist die Abwärtsspirale, die sich bis nach Afrika dreht. An dieser unsozialen und rassistischen Politik sind aber nicht die Primark-Kunden, sondern alle Politiker und Publizisten schuld, die das neoliberale Versklavungs-Projekt bedient und bejubelt haben. Dass Primark, wie jetzt angekündigt, fünf weitere Filialen in Deutschland aufmacht, geht klar auf euer Konto.

Ebenso der Protest am vergangenen Freitag: H&M-Mitarbeiter versammelten sich in 20 deutschen Städten vor den Filialen des Bekleidungskonzerns. (In Aschaffenburg kam es sogar zu einem Zombiewalk…) H&M ist zwar kein Radikal-Discounter à la Primark, aber bietet seine Klamotten doch zu „äußerst günstigen“ Preisen an, praktiziert also Ausbeutung.

In der Erklärung der „aktion ./. arbeitsunrecht“ („Warum demonstrieren wir vor H&M Filialen?“) heißt es: „H&M kommt so modern und locker daher. Man verspricht schöne Mode und fröhliches Leben für alle! Aber was macht der Konzern mit seinen Verkäuferinnen und Verkäufern? Da ist der Konzern keineswegs modern und fröhlich und locker. Er beutet seine Angestellten aus: hässlich, brutal, mittelalterlich. Er macht ihnen das Arbeiten und Leben zur Hölle.“ Wie das funktioniert?

Mit seinem speziellen Arbeitsvertrag macht H&M eine Angestellten so richtig flexibel. Der verlangt eine Mindestarbeitszeit von 10 Stunden (was acht Stunden unter dem Tarifrecht liegt): „Damit kann sich die wöchentliche und monatliche Arbeitszeit ständig ändern. Mal sind es 10 Stunden pro Woche, mal sind es aber auch 40 Stunden und in der nächsten Woche die Hälfte. Ständig ändert sich das Einkommen, mal reicht es gerade zum Leben, manchmal eben nicht.“

Nur Chefs, also Filialleiter, erhalten eine Vollzeitstelle. Das Sklaven-Pack hingegen kann aufstocken oder sich einen Zweitjob suchen. Tja, und wo kaufen die Sklaven dann ihre Klamotten? Richtig, bei Primark.

COMPACT wendet sich gegen globale Ausbeutung und Sozialabbau. Unterstützen Sie uns dabei durch die monatliche Lektüre unserer Printausgabe. Weitere Infos dazu finden Sie hier

 

Über den Autor

Avatar

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel