Der Osterhase war sein Lieblingstier – weil der weltberühmte Künstler in der germanischen Mythologie verwurzelt war. Deshalb wurde er von Linken angegriffen – offenbar verstanden sie seine Friedensmission nicht. Heute vor 40 Jahren starb Joseph Beuys. Dazu nachfolgend ein Beitrag von Dr. Stephanie Elsässer. Sie befasst sich mit dem Künstler auch in ihrem sehr persönlichen Buch „Mein Deutschland“. Hier mehr erfahren.
Documenta 7, 1982 in Kassel: Joseph Beuys schmilzt die Nachbildung der Zarenkrone Iwans des Schrecklichen vor vielen Zuschauern in einem Ziegelofen ein und verwandelt sie unter Anrufung antiker Alchemisten in einen „Friedenshasen“. Zuvor hat er die Edelsteine herausgepokelt und in ein Einmachglas gelegt. Aufschrift: „Es kommt alles auf den Wärmecharakter im Denken an. Das ist die neue Qualität des Willens.“ Dann gießt er das flüssige Gold in eine Hasenform, greift die fertige, noch glühend heiße Tierfigur mit der Schmiedezange heraus und hält sie hoch – als Zeichen des Friedens.
„Herausgekommen war der Hase, das Tier, das er Zeit seiner Aktionen immer wieder als Zeichen der Liebesverbindung von Himmel und Erde, der Beweglichkeit und des Friedens, sowie des Zusammenhangs von Ost und West (Eurasia) eingesetzt hatte“, so der Beuys-Kenner Johannes Stüttgen.
Der germanische Mümmelmann
Der Künstler liebte die Hasen sehr, es waren seine „Krafttiere“. Er versah sogar sein Auto mit einem Hasen als Kühlerfigur. Schon 1942, im Alter von 22 Jahren, schrieb der spätere Avantgardist ein Gedicht mit dem Titel „Nordischer Frühling“ und darin den Satz: „Ostara wandelt über die Matten“. Bereits als junger Mann kannte Beuys diese Frühlings- und Fruchtbarkeitsgöttin, der der Hase zugeordnet ist – die Weibchen sind nämlich in der Lage, nach doppelter Begattung zwei unterschiedliche Würfe gleichzeitig in ihrem Bauch zu tragen.
Jacob Grimm, der zusammen mit seinem Bruder Wilhelm als Begründer der germanistischen Altertumswissenschaften und der deutschen Philologie gilt, erwähnt Ostara in seinem Werk Deutsche Mythologie aus dem Jahr 1835 und bezieht sich auf die alten Schriften des Kirchenhistorikers Beda (673–735) und auf Einhard (770–840), einen Gelehrten der Karolingerzeit. „Ostara (…) mag also Gottheit des strahlenden Morgens, des aufsteigenden Lichts gewesen sein, eine freudige, heilbringende Erscheinung, deren Begriff für das Auferstehungsfest des christlichen Gottes verwandt werden konnte“, so Jacob Grimm. Erhalten haben sich von Ostara bis zum heutigen Tag Osterfeuer, Ostereier und der Osterhase.

Beuys stellte sein Lieblingstier 1963 in der Ausstellung „Sibirische Sinfonie“ vor, zwei Jahre später folgte die berühmte Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“. Hier hatte sich der Künstler seinen Kopf mit Honig und Blattgold bestrichen und hielt ein Langohr im Arm. „Die Tiere haben sich geopfert, damit die Menschen zustande kommen konnten“, sagte Beuys, der sich damit auf sein Vorbild Rudolf Steiner bezog.
Der Künstler liebte die Hasen nicht nur, sondern identifizierte sich regelrecht mit ihnen und sagte Sätze wie: „Ich bin kein Mensch, ich bin ein Hase“ oder: „Der Hase bin ich“. Er bezeichnete Meister Lampe sogar als ein „Außenorgan des Menschen“ und ging davon aus, dass sein Krafttier „direkt eine Beziehung zur Geburt hat. Für mich ist der Hase das Symbol für die Inkarnation. Denn der Hase macht das ganz real, was der Mensch nur in Gedanken kann. Er gräbt sich ein, er gräbt sich eine Mulde. Er inkarniert sich in der Erde, und das allein ist wichtig.
Beuys war tief verwurzelt mit dem deutschen Kulturerbe – und gleichzeitig ein Friedensvertreter. Wohl deshalb bevorzugte er den Hasen anstelle eines Raubtiers wie den Adler, so wie er als künstlerische Materialien Fett und Filz wählte anstatt Blut und Eisen. Er behielt also den Bezug zum Germanentum, aber ersetzte aggressive Symbolik durch friedfertige. Auch deshalb engagierte er sich wohl ab 1979 für die gerade gegründeten Grünen, damals noch pazifistisch ausgerichtet, und nicht etwa für die NPD oder andere Rechte. Dennoch verteidigte er seine Zeit in der Wehrmacht…
Auf der Krim
Als junger Soldat und Bordfunker nahm Beuys 1942 am Luftkampf um Sewastopol teil. 1944, bei einem Stuka-Flug, wurde die Maschine von einer russischen Flak getroffen und stürzte ab. Wie er selbst erzählte, fanden ihn „in einer völligen Einöde oben am Flaschenrand der Krim Tataren, eine Familie namens Khairetdinov. Diese stabilisierte und wärmte seinen gebrochenen Körper mit festen Filzdecken, pflegte den Schwerverletzten mit Fetten und stellte brennende Kerzen in Hasenform an sein Bett. Solche sind im Siedlungsgebiet der Tataren weit verbreitet. Daraus entwickelte sich später seine Vorliebe für die Materialien Fett und Filz. Auch seine innige Liebe zu den Hasen lässt sich so besser verstehen. Heute wird Beuys’ Erlebnis bei den Tataren gern als Legende abgetan.
Nach dem Krieg studierte er an der Düsseldorfer Kunstakademie Bildhauerei. Er gestaltete zunächst Brunnen, bis er den Mut fand, seinen eigenen künstlerischen Weg zu gehen. Stets stand er in der Kritik, weil er in der NS-Zeit freiwillig zur Wehrmacht gegangen war. Er bereute das nicht: „Ich bin auch heute noch der Meinung, dass es eine vernünftige Entscheidung war (…). Manche, die heute alles so hochnäsig besser wissen, (…) also die setzen sich auf das hohe Ross und sagen: Wie konntest du dich damals nur zur Hitler-Armee freiwillig melden? Ich sehe das völlig anders… Erst einmal als ein Gefühl der Zugehörigkeit und Solidarität mit meinen Altersgenossen. (…) Ich wollte mitten in der Scheiße drinstehen, in der auch die anderen standen», so Beuys 1980 im Interview mit Penthouse.
Der ewige Nazi
Der Autor Hans Peter Riegel ist in seiner Beuys-Biografie (2013) der Meinung, der Künstler sei „bis ins Mark völkisch“ gewesen. Für Riegel ist die Erwähnung der Frühlingsgöttin Ostara ein Beleg für „Beuys’ Anleihen beim Germanen-Kult des Nationalsozialismus“. Ähnlich urteilte bereits 2008 der Kunsthistoriker Beat Wyss, der ihn einen „ewigen Hitlerjungen“ nannte. Tatsächlich war Beuys Mitglied der HJ, wie die meisten Jugendlichen damals.
Aber später, bereits weltberühmt, schloss er sich den Grünen an und gehörte zu derem ökokonservativen Flügel. Seine politischen Reden und Texte stießen Riegel übel auf, weil er in ihnen „das Volk beschworen sah und darin Begriffe wie „Volksangehörige“, „Schicksalsfragen des Volkes“ oder „Volksgesundheit“ standen. Aber Volk, das verkennt der Kritiker, ist doch auch die Grundlage jeder Volksherrschaft!
Beuys wollte nie zurück zur NS-Diktatur, sondern forderte direkte Demokratie und eine Volkswirtschaft, deren größtes Kapital die menschliche Kreativität ist. „Jeder Mensch ein Künstler“ war sein Credo. 1972 richtete er eigens dafür auf der Documenta 5 in Kassel ein Büro zur „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ ein und kandidierte 1979 als Vertreter der Grünen für das Europaparlament. Politisch hatte er jedoch keine Chance. Die Ökos nutzten den weltbekannten Künstler zwar als Zugpferd für die Partei, doch sie entfernten ihn schnell von aussichtsreichen Listenplätzen. Vielleicht war ihnen Beuys zu volksnah („völkisch“) oder zu visionär.
„Im deutschen Volk steckt, wie schon gesagt, die Auferstehungskraft, die selbstverständlich auch in anderen Völkern steckt, aber die unsere wird sich durch radikal erneuerte Grundlagen des Sozialen hindurch ereignen», so Beuys.
Der Kunsthistoriker Ron Manheim drischt wegen solcher Sätze in seinem Buch Beim Wort genommen, erschienen 2021 zum 100. Geburtstag des Künstlers, am härtesten auf ihn ein. So habe er in den 1980er Jahren das deutsche Schulwesen als „bolschewisiert“ bezeichnet und NS-relativierende Aussagen getätigt. Er habe eher über seine gefallenen Klassenkameraden gesprochen, die wie er bei der Wehrmacht waren, als über die tatsächlichen Opfer dieser Zeit, kritisiert Manheim. Dann bezieht er sich auf das erwähnte Interview des Künstlers mit Penthouse aus dem Jahr 1980, in dem Beuys unter anderem erzählte, dass er seine ehemaligen Lehrer „auch noch heute verehre“.

Laut Manheim waren das überzeugte Nazis und Veteranen des Ersten Weltkriegs. Aber galt Beuys’ Verehrung der Ideologie seiner Lehrer – oder deren Charakter und Befähigung? Dass viele sich gerne an ihre Pädagogen erinnern, ist doch menschlich! Jedenfalls bleibt Manheim am Ende erstaunlich fair und kommt in seinem Pamphlet dann doch zu dem Ergebnis, dass eine „bewusste völkische Ideologie“ bei Beuys nicht zu beweisen sei. Es habe ihm schlichtweg an historischem Bewusstsein gemangelt. Selbst wenn: Kann man nicht auch ohne Geschichtsbewusstsein ein guter Mensch sein?
Beuys, Papa, Oma und ich
Wir schreiben das Jahr 1982, in Kassel war mal wieder Documenta, die siebte. Wir besuchten unsere nordhessische Verwandtschaft. „So ein Unsinn, will der Beuys uns veräppeln?“, argwöhnte mein Vater, der als rechtschaffener Handwerksmeister rein gar nichts mit moderner Kunst anfangen konnte. Beim Spaziergang durch Kassel entkam er Joseph Beuys nicht – überall wurde gebuddelt, und es wurden tonnenweise Steinstelen herangeschafft. Welch eine ambitionierte Aktion! 7.000 Bäume, vor allem Eichen, aber auch Eschen und Linden wurden eingepflanzt, und vor jedem sollte ein Basalt stehen. „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ war das Motto. „Wie schön“, verteidigte meine Oma den Künstler, die ihre Heimatstadt liebte. „So viele Eichen! Das lässt mich fast vergessen, dass damals alles in Schutt und Asche lag.“
Die Gruppe Beuys behind the scenes, an der unter anderem die frühere Grünen-Vorsitzende Jutta Ditfurth beteiligt war, wollte im Jubiläumsjahr 2021 prüfen, welche Rolle Rudolf Steiner für Beuys gespielt hatte. Insbesondere das „anthroposophische Deutschtum“ stieß den Kulturzensoren übel auf, zumal viele Querdenker – 2021 war die Corona-Plandemie – Anthroposophen seien. Beuys sei auch ein „Antiparlamentarier“ gewesen, habe mehrmals auf „Scheißpolitiker“ geschimpft und in Volksabstimmungen keine Gefahr für die Demokratie gesehen. Beuys konterte: „Ja, also wollen Sie die Freiheit der Menschen ernst nehmen oder nicht?“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Eine lesenswerte Betrachtung rund um den Künstler finde sich in dem Buch „Mein Deutschland“ von Dr. Stephanie Elsässer. Hier bestellen.




