Vor 41 Jahren: Die Todesnacht von Stammheim – Mord oder Suizid?

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Heute vor vierzig Jahren, in der Nacht zum 18. Oktober 1977, starben die Anführer der RAF, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis der JVA Stuttgart. Die offizielle Behauptung, es habe sich um Selbstmord gehandelt, ist bis heute umstritten. Grund genug, dass das neue COMPACT Spezial 19 „Politische Morde – die Blutspur der letzten 100 Jahre“ diesen Fall aufgreift, um frühere Aussagen und Indizien zu überprüfen: Kriminalistische Geschichtsschreibung, ohne Rücksicht auf ideologische Interessen. Es folgt ein Auszug aus dem Artikel „Die Todesnacht von Stammheim“:

Haben sich die Führungsmitglieder der RAF im Oktober 1977 umgebracht – oder wurden sie liquidiert? Bis zum heutigen Tag sind die Geschehnisse von Verschwörungstheorien umrankt – die noch nicht einmal abwegig sind.

Das Jahr 1977 war nach 1968 vermutlich das wichtigste Datum in der «alten» Bundesrepublik. Die Neue Linke sammelte ihre – nach der Studentenrevolte im Jahrzehnt zuvor zwischenzeitlich zersplitterten – Kräfte und probte den Machtkampf mit dem Staat. Zum einen hatten sich die kommunistischen Gruppen über die Anti-Atomkraft-Bewegung geschickt mit bürgerlich-konservativen Umweltschützern verbandelt und dadurch Demonstrationen mit über 30.000 Menschen, aber auch Bauplatzbesetzungen und militante Scharmützel mit der Polizei ins Werk gesetzt.

Zum anderen hatte die RAF eine Terroroffensive gestartet und mit Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto zwei hohe Repräsentanten des verhassten «Systems» ermordet. Mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September begann der blutige Showdown, schon von Zeitgenossen als Deutscher Herbst bezeichnet.

Die Fahndung lief wochenlang ergebnislos – und zur Unterstützung der Geiselnehmer entführten dann auch noch palästinensische Untergrundkämpfer eine Lufthansa-Maschine. Beide Terrorgruppen forderten das Gleiche: die Freilassung des RAF-Führungsquartetts, das im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim einsaß. Kulminationspunkt der Ereignisse war der 18. Oktober: Zuerst stürmte das Sonderkommando der GSG 9 die Lufthansamaschine auf dem Flughafen von Mogadischu und befreite Crew und Reisende; wenig später wurden drei der vier RAF-Anführer in Stammheim tot aufgefunden; am selben Tag noch muss Schleyer von seinen Entführern ermordet worden sein – er wurde am 19. Oktober im Kofferraum eines Pkw im Elsass gefunden.

Die einzige Zeugin

Die linksradikale Szene in der Bundesrepublik und auch einige ausländische Leitmedien gingen in Bezug auf Stammheim sofort von Mord aus. Die offizielle These, die dann durch Gerichtsmediziner und spätere Untersuchungsausschüsse bestätigt wurde, lautete dagegen auf Suizid. Die RAF-Spitze sei nach der erfolgreichen GSG-9-Aktion verzweifelt gewesen und habe keinen Ausweg mehr gesehen. Indem sich Baader, Raspe und Ensslin selbst opferten und gleichzeitig Spuren legten, die auf Mord hindeuteten, hätten sie dem «BRD-Staat» die Maske vom Gesicht reißen und ihn als «faschistisch» entlarven wollen.

Befreite Geiseln der «Landshut»
bei ihrer Ankunft am 18. Oktober
1977 auf dem Frankfurter
Rhein-Main-Flughafen. Foto: picture-
alliance / dpa

Die Mord-These erhielt zum 40. Jahrestag der Stammheimer Todesnacht höhere Weihen in einem ARD-Tatort: In der «Der rote Schatten» des bekannten linken Regisseurs Dominik Graf wird – als eine historische Variante – mit einmontiertem dokumentarischem Material überzeugend echt nachgespielt, wie ein Geheimdienstagent in die Zellen eindringt und die Gefangenen tötet. Warum wurden bei Baader wie bei Raspe keine Fingerabdrücke an der Pistole festgestellt?

Diese These wird durch folgende Indizien gestützt: 1. Irmgard Möller, die einzige überlebende RAF-Gefangene
jener Nacht, streitet nach wie vor ab, dass sie sich die schweren, aber letztlich nicht letalen Messerstiche selbst zugefügt habe. Sie erklärte später vor dem Untersuchungsausschuss des baden- württembergischen Landtages, sie sei damals von zwei Knallgeräuschen und einem Quietschen geweckt worden, dann aber mit einem eigenartigen »Rauschen im Kopf« wieder eingeschlafen und erst wieder zu sich gekommen, als sie von Beamten geweckt wurde und schon am Verbluten war. Weiter sagte sie: »Keiner hatte die Absicht des Selbstmordes. Das widerspricht unserer Politik!«

2. Andreas Baader und Jan-Carl Raspe sollen sich mit eigenen Pistolen erschossen haben. Wie aber waren die Waffen in den Hochsicherheitstrakt gekommen? Sie seien durch Besucher der JVA eingeschmuggelt worden, hieß es anfangs – aber die Besucher wurden penibel gefilzt und mit Metalldetektoren überprüft. Eine spätere Variante ging davon aus, die RAF-Anwälte Armin Newerla und Arndt Müller hätten die Waffen, verborgen in ihren Akten, in den Gerichtssaal gebracht und dort den Angeklagten verdeckt zugeschoben.

Doch die im Prozess eingesetzten Polizeibeamten sagten aus, sie hätten alle anwaltlichen Dokumente per Hand durchgeblättert. Auch das Versteck von Baaders Waffe in seinem Plattenspieler wirft Fragen auf: Immer wieder wurden den Gefangenen diese Gerätschaften abgenommen und ihre Zellen durchsucht, sie selbst häufig verlegt…

3. Wie hätte sich Baader mit einer 18 Zentimeter langen Waffe am Hinterkopf einen schräg nach oben verlaufenden Schuss selbst ansetzen sollen? Warum wurden bei ihm wie bei Raspe keine Fingerabdrücke an der Pistole festgestellt?
(…)

Politische Morde Compact Spezial 19

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