In Venezuela erleben wir keinen typischen Regimewechsel, sondern den Übergang von Marktlogik zu Steuerungslogik. Die Energiefrage spielt dabei eine zentrale Rolle. Wie Öl als Waffe eingesetzt wird, dokumentiert Daniele Ganser in seinem Standardwerk „Europa im Erdölrausch“ auf eindringliche Weise. Hier mehr erfahren.
Was derzeit in Venezuela geschieht, wird in Deutschland weitgehend als Fernkonflikt in Lateinamerika behandelt. Ein ferner Schauplatz, ein weiteres Kapitel lateinamerikanischer Instabilität. Diese Lesart ist bequem – und sie verkennt den Kern des Vorgangs. In Wirklichkeit erleben wir den gezielten Umbau einer energiepolitischen Einflussarchitektur, deren Folgen weit über Caracas hinausreichen.
Die USA agieren dabei nicht aus kurzfristigem Gewinninteresse. Venezolanisches Öl ist kein Geschäft im klassischen Sinn, sondern ein strategisches Steuerungselement. Wer die Förderbedingungen, Investitionen und Stilllegungen kontrolliert, kontrolliert nicht nur Preise, sondern Erwartungshaltungen, Planungen und politische Spielräume anderer Staaten. Öl wird so von einer Ware zu einem Instrument der Markt- und Konfliktregulierung.
Energie als außenpolitisches Steuerungsfeld
Die Logik ist einfach – und wirkungsvoll: Die USA benötigen venezolanisches Schweröl kaum. Ihr eigener Bedarf wird weitgehend über Kanada gedeckt. Genau darin liegt der Vorteil. Wer nicht auf die Ressource angewiesen ist, kann sie disponieren: Förderung ausweiten, um Preise zu drücken. Förderung drosseln, um Preise zu stabilisieren. Oder allein durch Ankündigungen Unsicherheit erzeugen. Diese Form der Einflussarchitektur funktioniert nicht permanent, sondern situativ – aber genau das macht sie so effektiv.
Moskau und Peking sind dabei keine Nebendarsteller: Russland ist im Segment schwerer Rohöle stark positioniert. Ein zusätzlicher, politisch steuerbarer Anbieter kann hier gezielt Druck erzeugen – historisch erprobte Mechanismen lassen grüßen. China wiederum könnte über Lieferbegrenzungen oder rabattierte Angebote venezolanischen Öls in Abhängigkeiten gegenüber den USA geführt werden, die bestehende Lieferbeziehungen verdrängen. Beides folgt derselben Logik: Energie als außenpolitisches Steuerungsfeld.
Deutschland verliert
Und Deutschland? Für uns ist diese Entwicklung hochrelevant – gerade weil wir keine unmittelbare Akteursrolle spielen. In einer Welt, in der Energie zunehmend politisch disponiert wird, zählen nicht moralische Positionierungen, sondern Zugriff, Verhandlungsmacht und Resilienz. Deutschland verfügt über keines dieser Instrumente. Es ist importabhängig, preisabhängig und politisch gebunden – ohne eigene Steuerungsoptionen.
Die Konsequenz ist absehbar: steigende Volatilität, schlechtere Planbarkeit für Industrie und Mittelstand, strukturelle Standortnachteile. Eine energiepolitische Einflussarchitektur, die anderswo entworfen wird, wirkt hierzulande wie eine stille Zusatzsteuer auf Produktion, Wachstum und soziale Stabilität.
Der größere Zusammenhang
Venezuela ist kein Einzelfall. Parallel stehen Iran unter systemischem Druck und der Jemen als energie- und logistisch relevanter Raum im Schatten größerer Auseinandersetzungen. Nach zwei Jahrzehnten relativen Überangebots tritt der Ölmarkt in eine Phase struktureller Knappheit ein. Genau in diesem Übergang werden die Regeln neu geschrieben – über Zugriffszonen und politische Disposition.
Wir erleben daher in Venezuela keinen Regimewechsel, sondern den Übergang von Marktlogik zu Steuerungslogik. Entscheidend ist nicht mehr, wer Öl besitzt, sondern wer darüber entscheidet, wann es fließt – und wann nicht.
88 Millionen Fässer Erdöl werden weltweit täglich verbraucht. Das sind 44 Supertanker. Woher kommt das Öl? Wie hat es die europäische Geschichte in den letzten 150 Jahren beeinflusst? Und vor allem: Warum geht es uns jetzt aus? Diese Fragen klärt Daniele Ganser in seinem Standardwerk „Europa im Erdölrausch“. Unverzichtbar, um mitreden zu können. Hier bestellen.





