Stehen wir in Syrien kurz vor dem Weltkrieg?

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Man kann ein Unterstützer Israels sein und den Zionstaat trotzdem kritisieren. Man muss es sogar tun, wenn er sich selbst und der Weltgemeinschaft gleich mit eine tödliche Grube gräbt. In Syrien passiert das gerade. Emmanuel Macron droht dem Land mit sofortigem Krieg, falls die Regierung Chemiewaffen einsetze.

Der seit Jahren befeuerte Konflikt in Syrien hat weniger mit dem Land oder seinen Bodenschätzen zu tun, sondern viel mehr mit seiner Regierung. Dabei ist die Frage, ob der relativ säkular aufgestellte syrische Präsident Baschar al-Assad ein guter oder böser Landesvater ist, völlig nebensächlich. Israels Premier Benjamin Netanjahu hat es selbst einmal so gesagt. Die alles bewegende Frage, jedenfalls für Bibi und die Geostrategen in seiner Entourage, ist: Mit wem ist Assad im Bündnis? Wem wird er in einem erweiterten Kriegsfall zur Seite stehen? Die Antwort auf diese Frage lautet: Iran. Jener Iran, den Netanjahu seit mindestens 10 Jahren als Hauptfeind ausgemacht hat, dessen Atomprogramm man mit allen Mitteln zu unterbinden sucht. Und gegen den Israel ebenfalls seit mindestens zehn Jahren die westliche „Wertegemeinschaft“ in Stellung bringen will, nötigenfalls auch in die Schützengräben.

Der engste Partner in diesem Unternehmen ist Saudi-Arabien, das sich mit dem Iran um die Vormachtrolle in Mittelost streitet. Die vor wenigen Jahren begonnene „Volkserhebung“ in Syrien, der sogenannte Bürgerkrieg, ist eine von außen ins Land getragene Militäraggression. Die Milizen, egal ob ISIS oder „Freie“ Syrische Armee genannt, bestehen aus Söldnern, die von den Golfstaaten und vor allem mit saudischen Mitteln ausgehalten werden. Dass der Feldzug nicht aufging, liegt an den Russen, die ein Militärbündnis mit dem Iran unterhalten (weshalb die NATO dort noch nicht direkt interveniert hat) und auch Syrien als Stützpunkt nicht aufgeben wollen.

Stand der Dinge, derzeit, in Syrien:  Die Gegner Assads sind auf der Verliererstrasse. ISIS ist geschlagen. Die „Freie“ Syrische Armee befindet sich auf breiter Front auf dem Rückzug. Die kurdischen Verbände im Norden, die eine Abspaltung ihrer Gebiete anvisieren, werden gerade von Erdogans Truppen aufgerieben.

Israels Stellvertreterkrieg ist krachend in die Hose gegangen. Der Plan, mit Iran „präventiv“ abzurechnen, d.h. mindestens die persischen Atommeiler in Schutt und Asche zu legen, ist aber nach wie vor auf dem Tisch. Netanjahu hat dafür zwei Optionen: Entweder er macht es selbst, ähnlich wie 1981, beim israelischen Luftangriff auf den irakischen Kernreaktor Tammuz-1 (Osirak). Oder er holt sich, so wie bei den Bush-Kriegen gegen Irak, NATO-Verbündete ins Boot, die den Job für Jerusalem erledigen. Diese letztere, bequemere Variante ist nicht in Sicht, jedenfalls nicht gegen den Iran, da die europäischen NATO-Partner dort „gute Geschäfte“ betreiben. Gegen Syrien, den Partner der Mullahs, ist ein „Eingreifen“ der westlichen „Wertegemenschaft“ aber durchaus denkbar.

Für Israel wäre bereits dieser erste Schritt wertvoll, da sich das „Heilige Land“ damit von einer gefährlichen Flankenbedrohung befreien würde, die sich bei der lange in den Startlöchern befindlichen „Abrechnung“ mit Teheran tödlich erweisen würde. Raketen aus Iran könnte man möglicherweise noch auf der Flugstrecke eliminieren, Projektile aus dem Nachbarstaat Syrien dagegen sind unaufhaltsam. Sie würden in Jerusalem und Tel Aviv in Minutenfrist einschlagen. Deshalb die Operation Regimechange in Syrien. NUR deshalb.

Wie verzweifelt Israel bereits ist, zeigt sich daran, daß es nach Verlust des ersten, „lediglich“ von nichtstaatlichen Milizen geführten Stellvertreterkriegs, nun seit einigen Wochen dazu übergegangen ist, selbst Pro-Iranische Milizen in Syrien militärisch anzugreifen. Parallel wird, darauf darf man sich verlassen, im Hintergrund aktiv Lobbypolitik betrieben, um den Westen doch noch ins Boot zu holen bzw. besser noch, ihm den militärischen Staffelstab partnerschaftlich in die Hände zu drücken.

Das Ergebnis davon kann man am heutigen Mittwoch den Medien entnehmen. Frankreichs Staatschef Macron droht Syrien mit sofortigem Krieg, falls Assad Chemiewaffen einsetze. Im provokatorischen Einsatz ebendieser Red-Line-Weapon-Of-Mass-Destruction haben die verschiedenen Geheimdienste ihre Erfahrungen. Sowohl die amerikanische CIA, als auch der britische MI6, als auch die Türken, als auch die Saudis haben bereits zwei derartige False-Flag-Unternehmen auf den Weg gebracht. Beide Male übrigens in Syrien.

Wie sagt man so „schön“? Alle guten Dinge sind drei.

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